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Geballte Finsternis

Punksein in der DDR war eine weitreichende Entscheidung. Der Sampler »Too much Future« schließt eine Lücke in der Geschichtsschreibung der Popmusik

  • Von Benjamin Moldenhauer
  • Lesedauer: 5 Min.

Klassischer, wertkonservativer, musikalisch nicht unbedingt aufregender Punk, der nicht viel mehr sein will als ein glaubwürdiger und grenzüberschreitender Wutausbruch, braucht mehr noch als andere Subkulturen einen nicht nur imaginierten Gegner. Fällt der weg, wirkt es schnell albern. In Westdeutschland war es die Staatsmacht, mit der man als Punk viel Spaß haben konnte. Es gab Repression und Polizistenkloppe, aber in Maßen, und eingesperrt wurde niemand, zumindest nicht wegen der Musik. Das Maximum war staatlich verordnete Zensur, zum Beispiel von Slime-Songs wie »Bullenschweine« und »Deutschland«, die dann aber, mit Pieptönen oder Störgeräuschen über den besonders schlimmen Textstellen, noch lustiger klangen als eh schon.

In der DDR war die Entscheidung, Punk zu sein, eine weitreichendere. »Die Tatsache, dass ein Geheimdienst aufgrund von ein paar Hundert Punks unter sechzehn Millionen Einwohnern in Aufruhr geriet, war absurd genug, aber in seiner Absurdität wiederum logisch«, schreiben Henryk Gericke und Maik Reichenbach in dem 80-seitigen Booklet im Buchformat zu »Too Much Future - Punkrock GDR 1980-1989«. Die Box versammelt auf drei Platten beziehungsweise zwei CDs Stücke von 38 Punkbands unter anderem aus Berlin, Leipzig, Dresden, Magdeburg und Eisenhüttenstadt.

Die Musik wurde in den Achtzigerjahren fast ausnahmslos auf Tapes veröffentlicht - oder eben gerade nicht: kein Label, das den Vertrieb organisiert, keine Agentur, die Konzerte gebucht hätte. »Too much Future« berücksichtigt keine der Bands, die eine staatliche Spielerlaubnis hatten. Also kein Feeling B, keine Die Skeptiker - Gericke und Reichenbach stellen beide in ihrer popmusikhistorischen Aufarbeitung unter Konformitätsverdacht und erzählen die Geschichten der von ihnen gesammelten Bands als solche von adoleszenten Kämpfen um individuellen Ausdruck und Entfaltung, im konstanten Konflikt mit der Staatsmacht.

Die Box schließt als dritter Baustein nach dem 2007 im Verbrecher Verlag erschienenen, inzwischen vergriffenen Band »Too Much Future. Punk in der DDR« und dem Film »Ostpunk! - Too much future« von 2006 (beides unter Mitwirkung von Henryk Gericke entstanden) eine Lücke in der deutschen Popkulturgeschichtsschreibung. Diese Lücke wiederum verweist auch darauf, wie sehr die Subkulturen der DDR nach 1990 vernachlässigt und als irgendwie defizitärer, ungelenker Abklatsch der West-Originale verbucht und dann nicht mehr weiter beachtet wurden.

Wer sich diesen Bands nähern will, tut das denn auch am besten über die Musik. Die Stücke lassen sich auch heute, noch vor jedem musikhistorischen Interesse, als berührende Dokumente eines adoleszenten Anrennens gegen alles hören, was man als eingrenzend und beengend erlebt. »Graue Häuser, roter Schrott / Wir leben hier auch ohne Gott«, singen die Berliner Schnitzlers 1984. Dem Frontalangriff aufs große Ganze folgt im Song »Überlebn« (sic!) die banale Alltagsbeschreibung: »Ich irre durch die Straßen / und such meinen Kumpel«.

Die Musik unterscheidet sich nur durch die schlechteren Produktionsbedingungen und eine staatliche Repression, die die musikalische Entwicklung ernsthaft behinderte, vom zeitgleich in der BRD entstandenen Punk. Spätere Verästelungen - Postpunk, New Wave - sind in der Box ebenfalls ansatzweise dokumentiert. »Töten und Fressen« von Grabnoct klingt auch nicht wesentlich anders als die fröhlich-destruktiven Experimente aus Kreuzberg zur selben Zeit. Ein Stück wie »Töten und Fressen« bleibt aber die Ausnahme. Der Schwerpunkt der Box liegt auf flott gespieltem Rumpelpunk, der hier oft (besonders extrem bei den Stücken von Virus X oder The Leistungsleichen) arg verrauscht und kaputt klingt. Bands, die ein paar Jahre länger durchhielten, lernten die begrenzten Möglichkeiten dann aber maximal auszuschöpfen: Schleimkeim (»Alles ist rot«) und L’attentat (»Friedensstaat«) klingen auch soundtechnisch wie zeitgenössischer, global gängiger Polit-Punk.

Nicht zuletzt wird beim Hören dieser Box förmlich spürbar, wie brutal verblödet die Staatsmacht und insbesondere die Kulturpolitik der DDR in popkulturellen Fragen war. Am Beispiel der Magdeburger Band Restbestand lässt sich die Kluft zwischen der hauptsächlich vom britischen Punk inspirierten Szene und den offiziell kommunizierten Vorstellungen davon, was ein gutes Leben ist, schön zeigen. In der Stasi-Akte des von Sänger Andre »Sid« Klask findet sich diese exemplarische Passage: »Die vorgetragenen Texte richteten sich gegen den alltäglichen Arbeitsprozess im Sozialismus. Dabei wurde aufgefordert, nicht zu arbeiten, langsam zu arbeiten und Fehlschichten zu verursachen. (…) Es stand die Darstellung des Außenseiterstatus in der sozialistischen Gesellschaft, insbesondere am Arbeitsplatz, im Freizeitbereich und bei den Sicherheitsorganen im Mittelpunkt.«

»Too Much Future« verweist als Umkehrung von »No Future« bereits auf die Vorzeichen, unter denen diese Musik entstanden ist. Im Westen war Punk auch eine fröhliche Feier der halbernst antizipierten Apokalypse. Dass der Kapitalismus - bekämpft vor allem als Welt des Alten und Konservativen - keine Zukunft haben würde, wurde gesetzt - und dann wurde gelärmt. In der DDR hingegen richtete sich die Aggression in ihren ästhetisierten, aber auch in ihren unmittelbaren Formen (auch von einem verprügelten Volkspolizisten wird berichtet) gegen eine fix definierte Zukunft, die für gesellschaftlich nutzlos überschießenden Sturm und Drang keinen Platz hatte. In einer Ordnung, die ihn, den Sturm und Drang, nicht in Warenform kanalisiert bekam. Sondern ihn im Jugendwerkhof verenden ließ.

Jederzeit zu spüren ist in der von »Too much Future« dokumentierte Drang ins Offene, der im DDR-Punk nicht mit einer Freiheit »wie im Westen« in Verbindung gebracht wurde. Denn dass im realexistierenden Kapitalismus auch alles scheiße war, wusste man ja von den Punk-Alben, die die Oma mit Ausreiseerlaubnis und Einkaufsliste vom Enkel in der Tasche aus Westberlin mitbrachte. Das Gefühl von Freiheit, das hier im Anbrüllen gegen alles Einschnürende eingefordert wird, ist adoleszent, romantisch und universell. »So nehm ich denn die Finsternis / und balle sie zusammen«, singen Rosa Extra im bereits postpunk-zackigen »Irgendwo lichterloh«, »und werfe sie, so weit ich kann / bis in die großen Flammen«.

VA: »Too Much Future - Punkrock GDR 1980-1989« (Major Label)

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