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Dem System brutal ausgesetzt

Schwarz, weiblich, obdachlos: Shaka aus Berlin will sich die Schikanen auf der Straße und in den Unterkünften nicht mehr gefallen lassen

  • Von Sasha Semova
  • Lesedauer: 6 Min.
Coronakrise: Dem System brutal ausgesetzt

Das kalte Herbstwetter lässt Shaka frösteln. Dabei ist die obdachlose Frau aus Berlin eisige Temperaturen gewöhnt. Nach den jüngst beschlossenen Corona-Maßnahmen ist in der aufgeklärten Öffentlichkeit die Rede von »Solidarität« und »gesellschaftlichem Zusammenhalt« mal wieder in aller Munde. Shaka muss bei solchen Worten lachen. Denn als wohnungslose Frau durchlebt sie seit Beginn der Pandemie im März, was diese Worte in der Praxis bedeuten - nämlich gar nichts.

Shaka ist eigentlich Masterstudentin in Jura. Nachdem die Schwarze Frau aber Opfer häuslicher Gewalt geworden war, sah sie sich gezwungen, Zuflucht in einem Frauenhaus zu suchen. Eine Zeit, an die sich nicht gern erinnert. »Im Frauenhaus bekam ich keine wirkliche Unterstützung, die Mitarbeitenden waren extrem rassistisch«, berichtet die 30-Jährige. Die meisten von ihnen hätten auf sie nicht den Eindruck gemacht, als seien sie auch nur ansatzweise »an der tatsächlichen Befreiung obdachloser Frauen interessiert, geschweige denn an der Unterstützung wohnungsloser Schwarzer Frauen* oder Frauen* of Colour«, so Shaka. »Die Arbeit dieser sozialen Träger, die behaupten, Menschen wie mir zu helfen, hört nach dem Erfüllen von Quoten und Statistiken auf.«

Shaka musste das Frauenhaus schließlich im vergangenen Winter verlassen. Warum genau, müsste ihren Angaben zufolge noch untersucht werden. »Sie gaben mir einfach eine Liste mit Kältehilfeeinrichtungen und meinten, ich muss gehen.« Es war kalt und Shaka stand auf der Straße. »Das wünsche ich meinen schlimmsten Feinden nicht. Es war schrecklich, absolut schrecklich.« Irgendwann sei sie dann in einer Kältehilfeeinrichtung für obdachlose Frauen in Kreuzberg gelandet.

Die Berliner Kältehilfe bietet obdachlosen Menschen in den Herbst- und Wintermonaten unbürokratisch Übernachtungsmöglichkeiten an. Kirchengemeinden, Verbände, Vereine und Initiativen unterhalten Beratungsstellen, Notübernachtungen, Suppenküchen oder Treffpunkte, die durch Zuwendungen des Landes Berlin, der Bezirksämter und der Liga der Wohlfahrtsverbände gefördert werden. Die Arbeit wird hauptsächlich von Ehrenamtlichen gestemmt.

Aber auch Kältehilfeeinrichtungen seien kein Ort für Schwarze Geflüchtete und Menschen of Colour, sagt Shaka: »Die bleiben alle auf der Straße, denn der Rassismus, den wir in den Einrichtungen einerseits durch Mitarbeitende, andererseits durch andere Bewohner*innen erleben, ist enorm.« Die Schwarze Frau ist überzeugt: »Wir werden in Deutschland extrem benachteiligt - das zeigt sich vor allem in solchen Strukturen.«

Die Situation verschärfte sich, als am Ende des Winters die erste Infektionswelle anrollte. »Die gesamte Welt befindet sich in einer Krise - und wir mussten trotzdem morgens um 8 Uhr vor die Tür und durften erst um 18 Uhr wieder in die Einrichtung«, erzählt Shaka. Nur noch eine eingeschränkte Anzahl von Frauen* durfte in der Unterkunft übernachten, die anderen blieben auf der Straße. Sie selbst sei manchmal tagelang Bus gefahren, weil alles andere geschlossen hatte. »Nicht mal zur Toilette konntest du gehen, was sollen schwangere obdachlose Frauen da machen?«, fragt sie sich. Shaka wollte für ihr Studium lernen, aber Cafés und Bibliotheken hatten geschlossen. »Die Träger der Obdachloseneinrichtungen haben das absolut nicht mitgedacht.«

Hinzu kämen die polizeilichen Schikanen. »Als die Pandemie losging, konnte ich nicht mal mehr im Park auf der Wiese sitzen, ohne von der Polizei angesprochen zu werden, wieso ich denn nicht zu Hause sei«, so Shaka. Sie habe immerhin noch einen Job. »Den Zettel konnte ich dann immer vorweisen, aber es gibt genug Menschen, vor allem Schwarze und People of Colour, die das nicht können, die zum Teil illegalisiert sind, sich nicht ausweisen können.« Die seien in der Pandemie noch mehr Polizeikontrollen und Polizeigewalt ausgesetzt. Auch Beratungsstellen für Schwarze Menschen berichten von einer Zunahme von Racial Profiling seit Beginn der Pandemie.

Shaka ist politisch in verschiedenen Kontexten aktiv. So engagiert sie sich in dem Bündnis Leave No One Behind Nowhere (Lass niemanden zurück) , das sich für einen Zehn-Punkte-Soforthilfeplan zum Schutz von wohnungs- und obdachlosen Menschen mit und ohne Migrations- und Fluchtgeschichte einsetzt. »Als obdachlose Frau bist du den Behörden und dem System brutal ausgesetzt«, sagt Shaka. Man werde von Stelle zu Stelle geschoben, niemand sehe sich in der Verantwortung. »Du gewöhnst dich an diese fehlende Autonomie über dein Leben und daran, niemals gehört zu werden. Deine Stimme ist nichts wert.«

Die Schwarze Frau möchte aber nicht ohne Stimme bleiben. Im Zuge der Bündnisarbeit hat sie - gemeinsam mit anderen Aktivist*innen - für die Offenhaltung der zwar ungeliebten, aber eben doch auch notwendigen Einrichtung für obdachlose Frauen in Kreuzberg gekämpft, die mit dem offiziellen Ende der Kältehilfesaison Ende April dichtmachen sollte. »Wir wollten den Eigentümer des Hauses um einen temporären Mieterlass bitten. Dabei haben wir herausgefunden, dass der Träger der Einrichtung diese bereits seit zwei Jahren mietfrei zur Verfügung gestellt bekommt«, berichtet Shaka. Dass niemand willens oder in der Lage war, die Unterkunft offenzuhalten, zeuge von »absolutem Versagen« und »fehlender Fähigkeit zum Krisenmanagement«, beim Träger wie in der Politik.

Die erste Infektionswelle liegt nun schon fast ein halbes Jahr zurück, trotzdem warnte Berlins Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) Mitte Oktober vor potenziellen Engpässen bei der Versorgung von Wohnungslosen. Durch die Hygieneverordnungen fällt rund ein Drittel der Schlafplätze weg, zum Ausgleich sollen mehr Einrichtungen eröffnet werden, unter ihnen neuerdings auch leerstehende Hostels. Geplante Neueröffnungen verzögern sich aber jetzt schon. »Es scheint nicht so, als hätte die Politik den Sommer genutzt, um Vorkehrungen für die nächste Infektionswelle zu treffen«, sagt Shaka.

Was nun geschehe, sei das sprichwörtliche »Survival of the Fittest«, das Überleben der Stärksten. »Viele Frauen werden auf der Straße sterben, da sie keine Krankenversicherung haben«, ist Shaka überzeugt. Was es dringend bräuchte, wäre »tatsächliche Entscheidungsteilhabe« der Betroffenen. Auch deshalb kämpft Shaka nun für eine Unterkunft speziell für obdachlose Schwarze Frauen* und Frauen* of Colour. »Wir sollten bestimmen können, was wir brauchen. Die Politiker*innen fragen uns nicht, deswegen machen wir es selbst.«


Um mehr Informationen über Shakas Projekt zur Unterstützung obdachloser
Schwarzer Frauen* und Frauen of Colour* zu erhalten, könnt ihr eine
E-Mail an 1dropwaterafrica30@gmail.com schreiben. Spenden könnt ihr an https://www.paypal.me/AquariusFra90 senden.

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