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Nicht meine Präsidentin

Studierendenvertreter üben massive Kritik an der bevorstehenden Wiederwahl von Sabine Kunst für den Spitzenposten der Humboldt-Universität

  • Von Rainer Rutz
  • Lesedauer: 3 Min.

Seit Anfang 2016 steht Sabine Kunst an der Spitze der Humboldt-Universität (HU) - und wie es aussieht, wird sie Berlins älteste und größte Hochschule auch die nächsten fünf Jahre leiten. Ihre Wiederwahl am kommenden Dienstag gilt als ausgemacht, auch und vor allem, weil die 65-Jährige die einzige Kandidatin für den Posten der Präsidentin ist.

Diese »Alternativlosigkeit« stößt nicht zuletzt Studierendenvertreterinnen und -vertretern auf. »Ich frage mich, wieso wir bei dieser Wahl keine richtige Wahl haben«, ärgert sich Rosa Miriam Reinhardt. Sie ist Mitglied des rund 60-köpfigen Konzils der HU, das die Präsidentin in wenigen Tagen wählen soll. Reinhardt, studentische Mitarbeiterin am Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik, steht am Dienstag in der vorbereitenden Sitzung des Konzils mit ihrem Unmut nicht allein. »Wir fordern, dass es mehr Kandidatinnen gibt, und vor allem, dass es überhaupt eine Kandidatin gibt, die für uns auch wählbar ist«, sagt auch Juliane Ziegler, Referentin für Lehre und Studium beim RefRat, der Studierendenvertretung der HU.

Zuvor hatte Sabine Kunst dem höchsten beschlussfassenden Gremium der Hochschule ihr Programm für die nächsten Jahre präsentiert: Campus- und Infrastrukturentwicklung, Spitzenforschung, Projekte, Cluster, Digitalisierung. Die Studierenden im Konzil beeindruckt das wenig. »Ein Großteil hiervon ist schwammig und inhaltslos«, meint etwa Ziegler. Wie sie machen auch andere Studierenden in der folgenden Befragung Kunsts immer wieder deutlich, was sie von ihrer Präsidentin halten, nämlich: nichts.

»Ich sehe keine Grundlage, auf der man zusammenarbeiten kann«, sagt Ziegler insbesondere mit Blick auf die seit Langem gestörte Kommunikation zwischen dem RefRat und dem Präsidium. Das stellt nicht einmal Sabine Kunst selbst in Abrede. So räumt sie ein, dass sie »das Gespräch« mit den Studierenden »nicht ausreichend« gesucht habe. Das wolle sie künftig verstärken.

Die Studierendenvertretung trägt Kunst nicht zuletzt ihre Reaktion auf die Besetzungen des Instituts für Sozialwissenschaften nach. Insgesamt zwei Mal hatten Aktivisten in Kunsts Amtszeit die Räume an der Universitätsstraße in Mitte besetzt: 2017, um der Forderung nach einer Wiedereinstellung des zuvor von der HU entlassenen Stadtsoziologen Andrej Holm Nachdruck zu verleihen; 2019, um gegen den Einmarsch türkischer Truppen in Nordostsyrien zu protestieren. In beiden Fällen sorgte die Hochschulleitung dafür, dass das Institut von der Polizei geräumt wurde. Juliane Ziegler ist bis heute überzeugt, dass es der Präsidentin mit dem Ruf nach den Sicherheitskräften nur darum ging, »ein Exempel an den Studierenden zu statuieren«.

Auch an diesem Punkt versucht Kunst, der Kritik den Wind aus den Segeln zu nehmen, und spricht von einer eigenen »Überreaktion«. Angesichts des Umstands, dass sich die erste Besetzung 2017 über mehrere Wochen hingezogen hat, habe sie sich um die »Arbeitsfähigkeit für eine größere Gruppe« von Mitarbeitenden und Studierenden gesorgt, so die HU-Präsidentin auf der Konzilsitzung.

Schwamm drüber, meint Kunst. »Ich kann Ihnen nur anbieten, dass man eine Tafel auch mal abwischen sollte und neu beschreiben.« Die Präsidentin bittet die Studierenden dann auch darum, alte Konflikte »zu beerdigen« und gemeinsam in die Zukunft zu schauen.

Deren Vertreterin Ziegler bleibt skeptisch. »Da ist keine Besserung zu erwarten«, sagt sie zu »nd«. Zugleich weiß auch Ziegler, dass die Wahl Kunsts nur eine Formsache sein wird. »Wir müssen uns wohl auf weitere fünf Jahre unter der Leitung von Frau Kunst einstellen.«

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