An jedem dritten Tag

Die erfasste Gewalt durch Partner und Ex-Partner nimmt zu

Fast jeden dritten Tag wird in Deutschland statistisch eine Frau von einem Partner oder Ex-Partner getötet. Die Bilanz, die Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) und Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA) Holger Münch am Dienstag zur Kriminalstatistik Partnerschaftsgewalt vorstellten, war eindeutig: »Häusliche Gewalt ist keine Privatsache, das sind Straftaten«, betonte die Ministerin. Dabei müsste es eigentlich Ex-Partnerschaftsgewalt heißen, denn rund 40 Prozent der Straftaten werden von ehemaligen Partner*innen verübt. Im Berichtsjahr 2019 wurden 140 Menschen, davon 111 Frauen und 29 Männer von ihren Partnern oder ehemaligen Partnern getötet. Insgesamt stieg die Zahl jener, die innerhalb einer (ehemaligen) Partnerschaft zum Opfer von Mord und Totschlag, Körperverletzung, Vergewaltigung, sexueller Nötigung, Bedrohung und Stalking, Freiheitsberaubung oder Zwangsprostitution geworden sind auf 141 792. Insgesamt bedeuten diese Zahlen einen Anstieg von etwa 0,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Damit zeichne sich, so der Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA) Holger Münch, ein »kontinuierlicher Trend jährlich steigender Zahlen« ab. Doch das muss nicht zwingend mit einem Zuwachs von Gewalttaten zusammenhängen, sondern kann auch daran liegen, dass sich immer mehr Betroffene an die Polizei wenden. Trotzdem bleibt das Dunkelfeld in diesem Gewaltbereich hoch: »Zwischen 75 und 80 Prozent der Betroffenen holen sich keine Hilfe«, so Giffey.

Und die Betroffenen sind zu 81 Prozent Frauen. Etwa die Hälfte der Opfer lebte zum Zeitpunkt der Tat mit dem Täter in einem Haushalt. »Opfer, die Gewalt zuhause erleben, trauen sich oft nicht, darüber zu sprechen - aus Scham oder Angst«, so Giffey. Die Ministerin fordert deshalb einen besseren Schutz der Opfer. Sie will Eckpunkte erarbeiten für eine gesetzliche Regelung, die einen Rechtsanspruch auf Hilfe für Betroffene von häuslicher Gewalt vorsieht. Dies fordert auch der Deutsche Juristinnenbund in einem Policy-Paper vom 4. November.

Die Ministerin lobte in der Bundespressekonferenz die vier Säulen des Bundes gegen Partnerschaftsgewalt: Das bundesweite Hilfetelefon, der Initiative »Stärker als Gewalt«, der Runde Tisch gegen Gewalt an Frauen und ihr Investitionsprogramm zum Ausbau der Frauenhäuser und Beratungsstellen. Derzeit gibt es in ganz Deutschland etwa 350 Frauenhäuser und die Finanzierung dieser Einrichtungen ist oft unzureichend.

Zudem ist noch unklar, wie sich die Pandemie auf die Zahl der häuslichen Gewalttaten auswirken wird. Münch gab an, dass sich im polizeilichen Hellfeld für dieses Jahr noch kein Anstieg der Delikte feststellen ließe. Doch nach Berichten der Frauenhäuser, Beratungsstellen und Hilfetelefone ist davon auszugehen, dass häusliche Gewalt eher zunimmt. Die Ursachen für die Gewaltdelikte lägen, so Münch, in erster Linie in patriarchalen Rollenbildern und eigenen Gewalterfahrungen begründet. Damit nimmt er ein Argument auf, das von Feminist*innen oft verwendet wird: Häusliche Gewalt ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Vorzubeugen würde auch bedeuteten, die geschlechterspezifischen Rollenzuweisungen des Patriarchats schon früh im Bildungssystem zu thematisieren und über Sexualmythen aufzuklären. Kommentar Seite 10

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