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Von Seelow weltwärts

Ein Verein in der ostbrandenburgischen Kleinstadt erzählt die vergessene Geschichte Hugo Simons

  • Von Jana Frielinghaus
  • Lesedauer: 8 Min.
Das restaurierte Schweizerhaus – wie zu Hugo Simons Zeiten soll es auch wieder Ort der Begegnungen, der Kultur und des geistigen Austauschs sein.
Foto: Matthias Lubisch
Das restaurierte Schweizerhaus – wie zu Hugo Simons Zeiten soll es auch wieder Ort der Begegnungen, der Kultur und des geistigen Austauschs sein. Foto: Matthias Lubisch

Kaum zu glauben, dass auf diesem abgeschiedenen Areal am Rande von Seelow vor 100 Jahren reger Besucherverkehr herrschte. Hier gingen Frauen und Männer ein und aus, die in der jungen Weimarer Republik Rang und Namen hatten. Der Mann, den von Thomas Mann und Kurt Tucholsky über Otto Braun bis zu Max Liebermann und der Bildhauerin Renée Sintenis alle kannten und auf seinem Landsitz 80 Kilometer östlich von Berlin besuchten, war ein einflussreicher Netzwerker, wie man heute wohl sagen würde. Aber anders als die meisten Genannten war Hugo Simon über viele Jahrzehnte vergessen. Der Bankier, Sozialist und Mäzen musste 1933 vor den Nazis fliehen und starb 1950 in Brasilien.

Dass die Erinnerung an Simons Biografie und sein Lebenswerk, ein landwirtschaftliches Mustergut in Ostbrandenburg, heute wieder lebendig ist, daran haben die Menschen, die sich im 2007 gegründeten Heimatverein Schweizerhaus Seelow engagieren, maßgeblichen Anteil. Das vor zwei Jahren als moderner Veranstaltungsort wiedereröffnete Herzstück der »Simonschen Anlagen«, eben jenes Schweizerhaus, ist sichtbarster Ausweis ihres Einsatzes. Und zugleich nur eines von vielen Zeugnissen der Vereinsarbeit auf dem weitläufigen Gelände mit all den ehemaligen Stall-, Werkstatt- und Wohngebäuden und den durch das Abtragen meterdicker Erdschichten freigelegten Sandsteintreppen und Terrassen. War es zu DDR-Zeiten noch als Teil eines Volkseigenen Gutes (VEG) für den Obst- und Gemüseanbau genutzt worden, so fiel es nach 1990 in einen tiefen Dornröschenschlaf. Rankpflanzen hatten das bröckelnde Mauerwerk etwa des Trafohäuschens, an dem heute Trauungen stattfinden, fest im Griff.

Uwe Trzewik, Anita Mielitz, Marion Krüger, Birgit Trzewik und Henryk Friedrich vom Heimatverein Schweizerhaus Seelow (v.l.n.r.), hinten links das sanierte Trafohaus
Uwe Trzewik, Anita Mielitz, Marion Krüger, Birgit Trzewik und Henryk Friedrich vom Heimatverein Schweizerhaus Seelow (v.l.n.r.), hinten links das sanierte Trafohaus

Renaissance des Subbotniks

Etwa 60 Mitglieder zählt der Verein heute, darunter etwa 30 aktive. Während eines Treffens Ende Oktober mit Frauen und Männern, die sich hier als Retter eines geschichtsträchtigen Ortes betätigen, ist die Freude und Inspiration, die ihnen das bringt, mit Händen zu greifen. Bei Kaffee und Tee in einem Raum mit zwei von einem Vereinsmitglied vorzüglich restaurierten Vitrinen-Eckschränken vergehen dreieinhalb Stunden wie im Fluge. Sie erzählen von den Fallstricken der Fördermittelbeantragung, von der freundschaftlichen Verbindung zu Hugo Simons Urenkel Rafael Cardoso; der Zusammenarbeit mit Anna-Dorothea Ludewig vom Potsdamer Moses Mendelssohn Zentrum, die die 2019 eröffnete Dauerausstellung über Hugo Simon im Obergeschoss des Schweizerhauses kuratiert hat. Und von den vielen Subbotniks, an denen sich jedes Mal 50 bis 60 Menschen beteiligten. Die DDR-Tradition der freiwilligen Arbeitseinsätze an Samstagen für eine gemeinsame Sache hat man für die Freilegung dieses besonderen Ortes also erfolgreich wiederbelebt.

Dass sich so viele auch mit ihren handwerklichen Fähigkeiten hier einbringen, ist ein kleines Wunder angesichts der nüchternen Art vieler Leute hier. Offenbar konnte das Vereinsteam mit seinen Konzepten überzeugen. Ein Mitglied ist Bauingenieur und hat unter anderem Planungen, Bauzeichnungen und Kostenschätzungen erstellt. Außerdem sind viele Aktive in der Region verwurzelt. Vereinschefin Marion Krüger etwa ist in Seelow geboren. Schon als Kind war sie häufig auf dem Schweizerhaus-Gelände. Ihre Großmutter hat hier lange im VEG gearbeitet und auch in einem Haus auf dem Areal gewohnt. Von ihren Großeltern hörte sie auch das erste Mal, dass das Gelände einmal einem »Juden« gehört habe. Wer dieser Hugo Simon war, das habe man zunächst in mühsamer Puzzlearbeit unter anderem in Berliner Archiven herausgefunden, sagt die 57-Jährige.

Ehrenamt und Berufung

Zu denen, die sich intensiv mit der Geschichte der Anlagen und der Familie des Exilierten befassen, gehört Uwe Trzewik, Vereinsmitglied seit 2013. Der Offizier ist bereits im Ruhestand. »Das gibt mir die Möglichkeit, auch an Wochentagen Führungen anzubieten.« Durch die Arbeit im Verein habe er auch mit Menschen aus der Nachbarschaft in Kontakt treten können. Der gebürtige Sachse wohnt zwar seit Mitte der 90er in Seelow, war aber berufsbedingt vor der Pensionierung ständig unterwegs. »Eigentlich kannte ich hier vorher niemanden«, sagt er. Auch seine Frau Birgit, Berufsschullehrerin im örtlichen Oberstufenzentrum, engagiert sich im Verein. Der hat zu allen Schulen im Ort enge Verbindungen. Kinder und Jugendliche beschäftigen sich im Rahmen von Geschichtsprojekten mit dem Leben der Simons, aber auch mit den Schicksalen von Seelower Juden, von denen einige auch im von den Nazis requirierten Simonschen Gut Zwangsarbeit verrichten mussten, bevor sie in Auschwitz ermordet wurden. Seit 2017 ist auch Anita Mielitz Vereinsmitglied, bis zu Ihrer Pensionierung 2018 Direktorin des Seelower Gymnasiums. Jetzt, sagt sie, habe sie Zeit für dieses Ehrenamt.

Vor dem Beginn der Schweizerhaus-Sanierung stand der Erwerb des Areals durch die Stadt Seelow. Nadya Cardoso Denis, Ehefrau des bereits 1987 verstorbenen Enkels von Hugo Simon und Mutter von Rafael Cardoso, verkaufte das Gelände 2008 unter der Maßgabe, das Erbe des Exilierten solle angemessen gewürdigt werden. Die Stadt übertrug die Nutzungsrechte 2010 an den Heimatverein, der es seither eigenständig, aber eben auch ohne weitere Gelder von der Kommune, entwickelt.

Doch etliche Persönlichkeiten der Region unterstützen seine Arbeit. So ist Udo Schulz, bis 2009 Bürgermeister der Kreisstadt, bis heute aktives Gründungsmitglied des Vereins. Und Landrat Gernot Schmidt, sagt Marion Krüger, habe »so manche Tür geöffnet«. Auf einer Lesung mit Cardoso im September berichtet sie, wie der Kontakt zu ihm zustande kam. Eines Tages im Herbst 2013 sei Landrat Schmidt mit einem Zeitungsartikel zu ihr gekommen. Daraus ging hervor, dass der Kunsthistoriker auf der Buchmesse in Frankfurt am Main seinen Debütroman über Frauen in den Armenvierteln Rio de Janeiros vorstellen werde. Und dass er derzeit in Deutschland Nachforschungen über seinen Urgroßvater anstelle. Das sei die Chance, habe Schmidt gemahnt. Krüger und ihr Team schrieben also den S. Fischer Verlag an, in dem das Buch auf Deutsch erschienen war. Bald darauf kam Cardoso erstmals nach Seelow. Mittlerweile lebt er seit acht Jahren in Berlin - und ist Fördermitglied des Vereins. »Er ist ein echter Weltbürger«, sagt Marion Krüger. Durch den Austausch mit ihm erfahre man auch von seinen Sorgen über die politische Entwicklung in Brasilien, die zulasten der Armen gehe.

Heimat - ein schwieriger Begriff

An jener Veranstaltung im September - Motto: »Herkunft und Heimat in Ostbrandenburg« - sagt Cardoso, er empfinde den Begriff als sehr ambivalent. Es beunruhige ihn, wie zugleich »so viel Liebe und so viel Hass« mit ihm verbunden sein können. Und stellt klar: »Ich habe keine Heimat. Aber ich fühle mich an einigen Orten zu Hause.« Der heute 56-Jährige hat erst mit 16 erfahren, dass er deutsche Wurzeln hat. In einer Kommode hatte er Dokumente, Briefe und ein Romanmanuskript des Urgroßvaters entdeckt. Zuvor hatte er gedacht, seine Großeltern und Urgroßeltern seien Franzosen gewesen. Die traumatischen Erfahrungen seiner Familie könnten »in Generationen nicht wieder gut gemacht werden«, betont er - aber auch: Wenn er heute nach Seelow komme, dann mit dem »Gefühl, alte Freunde wiederzusehen«.

Die Freunde kämpfen sich derweil weiter durch den Förderdschungel. Die Bewilligung der Gelder aus dem EU-Programm LEADER für die Schweizerhaus-Sanierung kam 2015. Rund drei Viertel der Kosten wurden dabei übernommen - mit der Auflage, dass auch Jobs geschaffen werden. Für den Verein hieß das, schlappe 375 000 Euro Eigenanteil aufzubringen. »Wir sind Klinken putzen gegangen«, erzählt Marion Krüger. Viele Bürger haben für das Vorhaben gespendet. Zudem kam im Rahmen der Förderung von Projekten des Vereins durch die örtliche Sparkasse Kontakt zur Hermann Reemtsma Stiftung zustande. Deren Gründer Hermann Hinrich Reemtsma konnte bei einem Besuch der Simonschen Anlagen vom Nutzungskonzept des Vereins für das Schweizerhaus und das Gesamtareal überzeugt werden, die Stiftung erklärte sich zur Förderung des Projekts bereit.

Ausgebremst durch Corona

Mittlerweile sind sechs Menschen beim Verein angestellt, die das Gelände in Schuss halten, Veranstaltungen planen und managen. Henryk Friedrich ist einer der Hauptamtlichen, Marion Krüger nennt ihn »unseren Gutsverwalter«. Der 43-Jährige ist bereits seit 2009 Vereinsmitglied und kümmert sich um alles Organisatorische. Das Schweizerhaus kann für Seminare und Feiern gemietet werden, Catering inklusive. Im vergangenen Jahr wurde davon rege Gebrauch gemacht. Doch seit dem Frühjahr fehlen die Einnahmen aus solchen Veranstaltungen - die Corona-Pandemie machte auch dem Verein einen Strich durch manche Rechnung. Immerhin: Das Sammeltassencafé mit Selbstgebackenem, seit 2014 eine Institution in Seelow, konnte von Mai bis Oktober öffnen. Jeden Sonntag kommen dazu 80 bis 100 Menschen. Und stets gibt es die Möglichkeit, das Gelände zu erkunden und sich bei einer Führung Zweck und Nutzung der Gebäude, auch der nicht mehr existierenden, erklären zu lassen.

Aktuell will der Verein einen weiteren Schritt zur Sicherung des Simonschen Erbes für die Öffentlichkeit gehen - und das Areal in eine Stiftung überführen. Partner der Stiftung werden Rafael Cardoso und das Mendelssohn-Zentrum sein. Ihr Zweck soll neben der Wahrung des Andenkens an Hugo Simon die Erforschung jüdischen Lebens in der Region und der Wiederaufbau des Musterguts als Lernort für nachhaltige Landwirtschaft sein. Zum Stifter kann der Verein werden, weil er das Gelände im vergangenen Jahr von der Stadt Seelow erworben hat. Angesichts der Fülle an Ideen wird es den Aktiven auch künftig nicht an Beschäftigung fehlen. Zumal auch an Hürden für die Finanzierung selbst des alltäglichen Betriebs kein Mangel herrscht - Normalzustand in Zeiten, in denen kulturelle Initiativen dauerhaft auf das Wohlwollen von Mäzenen angewiesen sind, umso mehr, wenn sie fernab der Metropolen wirken.

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