Die Waffen ruhen nicht

Trotz laufender Friedensverhandlungen kommt in Afghanistan keine Hoffnung auf. Die Menschen leiden, viele radikalisieren sich

  • Von Emran Feroz, Baghlan
  • Lesedauer: 8 Min.

Es ist ein bewölkter Tag in der nordafghanischen Provinz Baghlan. In einem Haus nahe der Hauptstadt Pul-e Khumri sitzt ein junger Mann. Lemar spricht fast begeistert über den Krieg in seiner Heimat. »Mit Gottes Hilfe werden wir gewinnen. Unsere Bewegung ist sehr erfolgreich und kämpft unerbittlich.« Die Bewegung, von der der 23-Jährige spricht, sind die Taliban - und er ist einer von ihnen. In seiner Montur wirkt der junge Afghane auf den ersten Blick älter, als er ist: Er trägt eine lange Mähne und einen Bart, dessen Flaum sein junges Alter allerdings kaum verbirgt. Hinzu kommt die Kalaschnikow, die er lässig über die Schulter geworfen hat.

Lemar sieht sich als stolzer Krieger, der für eine gerechte Sache kämpft. »Unter uns Mudschaheddin befinden sich viele reine Kämpfer. Sie dienen nur Gott, und sobald man sie sieht, ist man von ihrer Reinheit überzeugt. Das ist unser Weg, der wahre Weg - und alle Afghanen sollten ihn beschreiten, wenn sie belohnt werden möchten«, sagt Lemar überzeugt.

Es scheint, als sei der junge Kämpfer mit der Propaganda der Taliban aufgewachsen, so sehr hat er sie verinnerlicht. Doch während Lemar für die Taliban kämpft, unterstützt seine Familie die offizielle Kabuler Regierung. Sein älterer Bruder, Aziz ur-Rahman, arbeitet für den Gouverneur von Baghlan. Er hat mehrmals versucht, Lemar heimzubringen, nachdem dieser vor wenigen Jahren von zu Hause ausgerissen war, um sich den Taliban anzuschließen. Vergeblich. Die Familie steht exemplarisch für viele afghanische Familien. Während der eine Sohn für die Armee kämpft, schließt sich der andere den Taliban an.

Baghlan gehört zu den unruhigsten Provinzen in Afghanistan. Hier gibt es immer wieder heftige Kämpfe zwischen Taliban und Regierungstruppen. Vor allem in der Region Cheshm-Sher verlassen die Menschen immer wieder ihre Häuser, um nicht in ihnen begraben zu werden, wenn Mörsergranaten oder Raketen einschlagen. Beide Seiten nehmen kaum Rücksicht auf Zivilisten, heißt es seitens vieler Einwohner. »Ich sehe den Krieg jeden Tag«, erzählt Sayed Shah Mehrzad, ein Arzt aus Baghlan. »Die meisten Opfer sind Zivilisten, und in vielen Fällen interessierten sich weder die Taliban noch die Armee für sie.« Shah behandelt nicht nur Zivilisten. In seiner Arztpraxis liegen verletzte Taliban-Kämpfer und Soldaten zuweilen Bett an Bett. »Manchmal wollen sie hier einander an die Gurgel. Das ist schlimm. Hinzu kommt, dass viele der Männer auch noch irgendwie verwandt sind. Man sieht das Drama doch auch an Lemars Familienverhältnissen«, sagt Mehrzad. Der Arzt kennt Lemar von klein auf. Er schickt ihm und anderen Taliban-Kämpfern immer wieder Medikamente oder verarztet sie. Armee und Polizei sehen das ungern, doch Mehrzad fühlt sich an den Hippokratischen Eid gebunden.

»Lemar ist im Krieg aufgewachsen. Er kennt nichts anderes, und seien wir mal ehrlich: Eigentlich ist es bei mir und meinen Kindern nicht anders«, sagt Abdul Ghani, der in Baghlan de facto im Taliban-Gebiet lebt. Die Kämpfe waren immer da, auch in jenem Teil Baghlans, aus dem Lemar, Dr. Mehrzad und Abdul Ghani stammen: der »Fabrik«. Dabei handelt es sich um das Gebiet um eine Zuckerfabrik, die in den 1940er Jahren mit deutscher Hilfe errichtet wurde. Für den vernachlässigten Norden Afghanistans war das damals ein großer Schritt in Richtung Industrialisierung. Zahlreiche Arbeitsstellen entstanden, die viele Afghanen aus den verschiedensten Regionen des Landes anlockten.

Von der damaligen Hoffnung ist heute kaum noch etwas zu spüren. Zwar ist die Zuckerfabrik weiterhin intakt, aber sie zieht immer weniger Menschen nach Baghlan. Denn die Provinz gilt als Transitroute nach Mazar-e Sharif, der Hauptstadt der Provinz Balkh, in der auch die deutsche Bundeswehr stationiert ist. Die unruhige Lage in Baghlan und die Kämpfe in Cheshm-e Sher behindern regelmäßig den Verkehr. Oft sind Busse gezwungen, ihren Weg durch das Feuer der Gegner zu nehmen.

An ein Ende des Krieges glaubt hier in Baghlan kaum jemand, auch wenn die USA und die Taliban im Februar ein Abzugsabkommen unterzeichnet haben, und trotz der Friedensverhandlungen zwischen der afghanischen Regierung und Vertretern der Taliban in Katar. »Klar, jeder will Frieden«, meint Sayed Kareem, ein Einwohner Baghlans. »Aber es gibt einfach viel zu viele Kriegsprofiteure. Für die einfachen Menschen, die tagtäglich sterben, interessiert sich niemand.« Kareem hat allen Grund, betrübt zu sein. Er kehrt gerade von einer Beerdigung nach Hause zurück.

Denn trotz des Deals mit den USA, der die schrittweise Heimkehr der US-Soldaten vorsieht, geht der Krieg weiter. Ziel der Militanten ist nun nicht mehr das US-Militär, sondern die afghanische Armee. Diese geht ebenso erbarmungslos gegen die Taliban wie gegen Zivilisten vor und bombardiert weiterhin zivile Ziele, auch in Baghlan. Ende August wurde nahe der »Fabrik« eine Religionsschule zum Ziel. Sechs Zivilisten wurden getötet. Die Kabuler Regierung bezeichnete sie allesamt als »Taliban-Kämpfer«. Allein im Jahr 2019 hatte auch das US-Militär mehr als 7400 Bomben über Afghanistan abgeworfen. Zivile Opfer durch Luftangriffe haben massiv zugenommen. Mittlerweile besteht kein Zweifel daran, dass derartige Angriffe in Afghanistan zahlreiche Dörfer oder gar ganze Distrikte radikalisiert und Menschen in die Arme der Extremisten getrieben haben.

»Sie töten Menschen, Jugendliche und Kinder, und nennen diese dann Terroristen«, meint Mansoor, der ebenso jung ist wie Lemar und sich vor einigen Jahren den Taliban angeschlossen hat. Als Reaktion auf das Vorgehen der Armee radikalisiere sich die Bevölkerung immer mehr. »Viele Menschen in Kabul wissen einfach nicht, was in Baghlan und anderen Provinzen tagtäglich passiert.« Für Lemar belegen derlei Angriffe auf die Zivilbevölkerung, dass man weder mit den ausländischen Soldaten noch mit der afghanischen Regierung Frieden schließen könne. Bezüglich der Friedensgespräche in Katar kann oder will er allerdings nicht viel sagen. Während er behauptet, dass seine Führer ihn und die anderen Kämpfer nicht »verraten« werden, macht er einen etwas unsicheren Eindruck. Es klingt, als wolle er sich selbst beruhigen: »Sie haben viele Opfer gebracht. Unsere Führer würden uns niemals verkaufen.«

Zwischen den Taliban-Führern und den Warlords und Technokraten in Kabul, die von den USA unterstützt werden, besteht in der öffentlichen Wahrnehmung tatsächlich ein Unterschied, was deren Opferbereitschaft angeht. So ist beispielsweise Tarik Ghani, der Sohn des Präsidenten Ashraf Ghani, in den USA aufgewachsen und lehrt dort Wirtschaft. Der Sohn des gegenwärtigen Anführers der Taliban, Mawlawi Haibatullah Akhundzada, wurde dagegen im Krieg getötet. Ähnlich verhält es sich mit anderen Führungsfiguren der Taliban. Sie oder ihre Familienmitglieder wurden oftmals getötet, entführt oder gefoltert, etwa in Guantanamo. Afghanische Politiker hingegen leben in den Augen vieler einfacher Leute im von Hilfsgeldern subventionierten Luxus, bereichern sich und schicken ihre Kinder auf private Universitäten in westlichen Staaten.

Mittlerweile hat allerdings ein weiterer Bruch stattgefunden: Eine Aufteilung der Taliban selbst in zwei Klassen. Auf der einen Seite steht die politische Delegation in Katar, die seit einigen Jahren in Sicherheit und einem gewissen Wohlstand im Mittleren Osten lebt. Auf der anderen Seite stehen die Kämpfer an der afghanischen Front, darunter hochrangige Kommandanten, die seit nunmehr fast zwei Jahrzehnten kämpfen, aber auch Jungspunde wie Lemar und Mansoor, die den Krieg romantisieren und sich immer weiter radikalisieren.

Eben jene Kämpfer sind es, die mehr und mehr die Geduld mit ihren Diplomaten im Golfemirat verlieren. Sie sind der Meinung, dass man den Amerikanern und ihren »Marionetten in Kabul« nicht trauen darf und dass sie - das »Islamische Emirat Afghanistan« - ohnehin den Krieg gewinnen werden. Während Taliban-Anschläge in den letzten Monaten in urbanen Gebieten wie Kabul stark zurückgegangenen sind, eskaliert die Lage in den ländlichen Gebieten. Laut US-Militär fanden 2019 über 8200 Taliban-Angriffe statt. Ähnlich wie bei den Luftangriffen der Amerikaner handelt es sich auch hierbei um einen Höchststand. So eskaliert der Krieg just zu dem Zeitpunkt, an dem endlich Friedensgespräche geführt werden.

Die meisten Opfer des Krieges sind Zivilisten. Im Jahr 2019 wurde ein großer Teil durch Nato-Luftangriffe, Regierungstruppen und CIA-Milizionäre getötet - ein Umstand, der weiterhin gerne geleugnet wird. Ähnlich verhält es sich mit den Taliban, die weiterhin Zivilisten töten und dies gerne verdrängen. Lemar ist etwa der Meinung, dass seine Bewegung gar keine Zivilisten töte. »Zivilisten? Quatsch. Sie sind schuldig. Sie standen auf der Seite der Regierung. Sie waren bewaffnet. Ich glaube weder irgendwelchen westlichen Berichten noch der verbrecherischen Regierung in Kabul. Unsere Bewegung ist rein und fügt unschuldigen Menschen gewiss keinen Schaden zu.«

Lemars Geschichte ist traurig, und sie ist kein Einzelfall. Der Krieg hat viele afghanische Familien zerrissen. Brüder bekämpfen sich, töten einander. Ähnliches spielte sich bereits in den 1980er Jahren in Baghlan und anderswo ab, als die Sowjetunion ihre Truppen ins Land schickte. Damals bekämpften die Mudschaheddin-Gruppierungen, die von den USA, Saudi-Arabien, Pakistan und anderen Staaten unterstützt wurden, die kommunistische Regierung in Kabul.

Viele Menschen im Land fragen sich, was junge Männer wie Lemar tun werden, falls es tatsächlich zu einem endgültigen Waffenstillstand kommen sollte und die US-Truppen das Land verlassen. Werden sie auf ihre Führer hören, ihre Waffen niederlegen und zu ihren Familien zurückkehren? Oder werden sie unter einer neuen Flagge weiterkämpfen? Ein Mann, der diesen Kämpfern eine Zukunft geben will, ist Hamid Karzai. Er war von 2001 bis 2014 Präsident des Landes. »Auch sie lechzen nach Frieden und wollen in Ruhe leben, und das werden sie auch tun, sobald die politischen Umstände für einen Friedensvertrag geschaffen worden sind. Es liegt an uns, diese jungen Männer wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Wir müssen ihnen Möglichkeiten anbieten.«

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