Begegnung mit einem Baum auf der Ostseeinsel Vilm
Waldbaden

Ein Bad im Wald nebenan

Der Lockdown gibt Gelegenheit zu einem ortsnahen Tempowechsel: Raus aus dem Alltagsstress, rein in die Natur – und immer mit der Ruhe! Ein Selbstversuch im Waldbaden

Von Carsten Heinke

Während ich in die Pedale meines Fahrrads trete, überholt mich - hoch am Himmel über mir - eine Schar von wilden Schnattergänsen. Was von unten so gemütlich aussieht, ist bei dem kalten Wind da oben sicher gar nicht einfach. Dennoch, denke ich mir, geht es den Vögeln gut. Sogar ein bisschen neidisch bin ich auf sie. Können sie doch kreuz und quer durch Deutschland und Europa fliegen, um am Ende irgendwo in Spanien oder Nordafrika einen coolen Winterbadeurlaub zu verbringen. Ohne Quarantäne, Tests und Masken.

Ich fahre heute in den Wald. Nur ein paar Minuten von zu Hause, liegt er unweit von der Innenstadt entfernt. Eine Reise dorthin gilt deshalb für mich als nicht-touristisch und ist selbst in härtesten Corona-Zeiten nicht verboten. Kurz vor der Gartenkolonie hört der Asphaltweg auf und wird zum Trampelpfad. Ich holpere mit meinem Rad darüber, an einem Weidezaun entlang. Dahinter stehen Rinder. Verwundert schauen sie mir hinterher. Dann fängt schon das Baumland an. Ein paar Sonnenstrahlen stehlen sich durchs Grau der Wolken. Über das Gesicht der bisher eher ernsten Landschaft huscht ein Lächeln.

Noch ist Grün die vorherrschende Farbe, an den Bäumen ebenso wie in Bodennähe, wo Gras und Vogelmiere, Brennnesseln und Löwenzahn wie im Frühling sprießen. Doch immer mehr mischen sich Gelb, Orange und Braun darunter. Auch die knallroten Tupfer von Brombeere und einigen verirrten Parkgewächsen sind dabei. Trockenes Laub raschelt deutlich hörbar unter meinen Reifen. Wo es feucht ist, sind die Geräusche eher leise, schnalzend - so, als rollte ich mit meinem Rad über eine weiche Gummimatte.

Ich steige ab und schiebe. Eicheln knacken unter meinen Füßen. Die Lust auf kleine Abenteuer schärft meine Sinne ebenso wie das Verlangen, mich im Freien zu bewegen und alles, was die wunderbare Herbstnatur zu bieten hat, in vollen Zügen zu genießen. Ich stelle das Fahrrad weg und hole Luft - so intensiv und tief, bis sie meine Lunge und meinen ganzen Körper füllt.

Und so wie man beim Verkosten eine edle Speise oder Flüssigkeit so lange wie es geht im Mund behält, versuche ich, die frische, kühle Waldluft möglichst in mir festzuhalten, um jedes ihrer einzelnen Aromen aufzuspüren. Ich rieche Holz und Pilze, feuchte Erde, Gras und etwas Kuh. Doch da ist so viel mehr! Noch einmal und noch einmal pumpt sich mein Brustkorb auf. Der Wald strömt dabei wie ein Elixier durch meinen Körper - in jede Zelle, bis in die Finger- und die Zehenspitzen. Mit jedem Atemzug scheint er den Büro- und Stadtmief aus mir zu verdrängen. Ich fühle mich wie innerlich gereinigt.

Der Wald: Spa und Sanatorium

Von meinem Eindruck abgesehen, wirkt der Wald als Ganzes tatsächlich positiv auf uns - und zwar körperlich genauso wie auch seelisch. Das Wissen darum ist in jeder Volksheilkunde fest verankert. Erst seit wenigen Jahrzehnten ist jedoch bekannt, warum die Waldluft so gesund ist. Grund sind die Terpene - Duftstoffe, mit denen Pflanzen untereinander kommunizieren, aber auch Tiere anlocken, täuschen oder auf Abstand halten.

Als Hauptbestandteil ätherischer Öle schweben sie in Form von feinsten Tröpfchen durch den Wald - am höchsten konzentriert bei Sommernebel oder -regen unter Nadelbäumen. Doch selbst die geringen Mengen eines winterlichen Laubwalds wirken heilsam und beruhigend. Durch Nase, Mund und Haut gelangen die Terpene in unseren Organismus, senken unter anderem den Blutdruck, reduzieren Stress- und fördern Glücks- wie Sexualhormone und stärken das Immunsystem. Indem sie dafür sorgen, dass im Blut mehr Killerzellen wachsen, vermindern sie sogar das Risiko von Krebs.

Maßgeblich entdeckt hat diese Heilkraft der Natur der japanische Professor Qing Li. Aus seinen Forschungen in den 1980er-Jahren wuchs ein neues Wissenschaftsgebiet, das weltweit immer populärer wird: die Waldmedizin. Ihre wichtigste Therapieform ist das so genannte Waldbaden, im Original mit den drei Silben shin (großer Wald) rin (kleiner Wald) und yoku (Baden) beschrieben.

Im Wesentlichen geht es dabei um einen mehrstündigen, ruhigen Aufenthalt im Wald, der mit verschiedenen Achtsamkeits- und Entspannungsübungen verbunden wird. Dreh- und Angelpunkt ist die bewusste Atmung. An einer Stelle sitzen oder stehen, barfuß laufen oder Pflanzen mit den Händen zu berühren, sind beliebte Praktiken, um die Umgebung gründlich wahrzunehmen und auf sich wirken zu lassen. Das Tempo ist wie der Bewegungsradius relativ gering.

Mittlerweile fast so weit verbreitet wie Zumba-Kurse oder Nordic Walking, gehört das Waldbaden fast überall, wo Bäume stehen, zum Wellness-Standardangebot. Allein in diesem Jahr hab ich es mehrfach ausprobiert und war danach ganz unterschiedlich stark begeistert. Die Wälder waren immer schön. Doch wie bei so vielen Dingen steht und fällt auch eine Unternehmung dieser Art mit der Person, die sie betreut beziehungsweise führt. Im schlimmsten Fall beschlich mich das Gefühl, der einzige zu sein, der schon zuvor einmal in einem Wald war.

Mein schönstes Waldbadeerlebnis war als solches nicht geplant. Ich hatte es bei einer Wanderung, bei der es nicht um Kilometer oder Attraktionen ging. Sie war sehr langsam, intensiv, besonders. Weder Sinne noch Verstand kamen zu kurz dabei. Immer, wenn es etwas Neues zu sehen, hören, riechen, schmecken oder anzufassen gab, nahmen wir uns Zeit dafür.

Angenehm empfand ich das fundierte Wissen über Landschaft, Tier- und Pflanzenwelt, das mir meine Führerin in gut verdaulichen Portionen und auf den Punkt vermittelte. Ihr Weg, sich eins mit der Natur zu fühlen, führt über das Verstehen, über die Achtung und die Liebe gegenüber dem Lebendigen. Und meiner ebenso. Denn was ich kenne, dem kann ich vertrauen, kann mich außer über seine Schönheit auch über die Geschichten freuen, die es darüber zu erzählen gibt.

Mit Winterschlafverweigerern auf Augenhöhe

Und als ich mich erinnere, wie wir bei jener Wanderung bäuchlings auf der Wiese vor wilden Orchideen liegen, um ihren Blütenstand samt fliegender und krabbelnder Besucher aus deren Perspektive zu betrachten, vertiefe ich mich hier und jetzt in eine ähnlich faszinierende Begebenheit.

Ein klitzekleiner Käfer hat offenbar noch keine Lust auf Winterschlaf. Reglos aalt er sich in der Novembersonne am grünen Ufer eines dicken Tropfens Morgentau. Denn für den Winzling ist so viel Wasser schon ein Minisee. Schauplatz dieser recht entspannten Mikrolandschaft ist ein Grashalm.

Je länger ich die stille Szenerie betrachte, desto mehr gewöhne ich mich an die zwergenhaften Proportionen. Das Insekt hat plötzlich ein Gesicht. Das Gras hat unterschiedlich breite Fasern. Jede noch so merkwürdige Einzelheit, mit Lesebrille gerade so erkennbar, erscheint mir plötzlich ganz normal.

Und je deutlicher die Zeichnung auf dem Käferrücken wird, umso mehr verschwimmt die Welt der Riesen ringsherum. Ein leichter Herbstwind lässt den Halm erbeben - und löst eine Katastrophe aus. Denn der dicke Wassertropfen kommt ins Rollen und reißt wie eine Monsterwelle die Idylle samt Krabbeltier mit sich hinab zum dunklen Grund des Waldes. Vielleicht führt ihn ja dieser Weg zu seinem Winterunterschlupf.

Ich hocke auf dem Stückchen Wiese zwischen Buchen, Birken, Eichen, nehme einen tiefen Atemzug und halte weiter Ausschau nach der Langsamkeit. »Nichts drängt mich«, denke ich, den Blick noch immer auf dasselbe Stückchen Grün gerichtet. Ein Mäusebussard schreit. Am mittlerweile blauen Himmel dreht er seine Runden.

Ich laufe weiter durch den Wald. Zwei umgestürzte Buchen bieten sich als Aussichtspunkt und Rastplatz an. Ihre Stämme sind gewaltig. Die Sonne hat die Rinde vorgewärmt. Auf ihnen sitzend, kann ich mit den Beinen baumeln. Ich rutsche ganz nach hinten, die Füße in der Luft. Wie ein Kind auf einem viel zu großen Stuhl freue ich mich über die Bequemlichkeit. Während das Gedächtnis nach vergilbten Bildern aus der frühen Jugend kramt, sorgt die Natur um mich herum für neue optische und Hörimpulse.

Die frische Luft macht hungrig. Zum Glück hab ich ein bisschen Proviant dabei. Genießerisch verdrücke ich die Stulle und den Apfel. Gute Dinge schmecken draußen doppelt gut. Und so gemütlich, wie ich hier fast liegend lümmele, fühle ich mich wirklich wie in einer Badewanne. Die wunderbare Atmosphäre ist der Schaum. Man könnte es Waldbaden nennen, muss man aber nicht.

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