Menschen stehen Schlange an einer Lebensmittelausgabe für Bedürftige der katholischen Kirche St. Sabina im Stadtteil Auburn Gresham in Chicago. Viele der Menschen, die hier anstehen, haben in der Corona-Krise ihren Job verloren.
USA

Arm und Reich vereint

SIEBEN TAGE, SIEBEN NÄCHTE darüber, was die USA eint.

Von Stephan Kaufmann

Der voraussichtlich nächste Präsident der USA, Joe Biden, hat in seiner Siegesansprache zugesagt, die »gespaltene Nation zu einen«. In Bezug auf die politische Farbenaufteilung in Rot (Republikaner) und Blau (Demokraten) rief er seinen Anhängern zu: »Ich sehe keine roten Staaten und keine blauen Staaten, ich sehe nur die Vereinigten Staaten!« Die Anhänger Donald Trumps seien »keine Gegner, sondern Amerikaner«.

Dies trifft nun einerseits zu - was die Wählerschaft der USA eint, ist ihre Staatsbürgerschaft. Darüber hinaus, im wirklichen Leben von Job, Konkurrenz und Geld, ist allerdings von Einheit nicht viel zu sehen. So wenig wie in anderen Ländern. Eher noch weniger.

Die besonders krasse soziale Ungleichheit in den USA verdankt sich unter anderem der Tatsache, dass es sich beim »Land of the Free« vor allem um ein Land der unternehmerischen Freiheit im Umgang mit der Lohnarbeit handelt. Der Arbeitsmarkt ist extrem flexibel, Kündigungsschutz nur rudimentär vorhanden. Die Gewerkschaften sind in den USA zurückgedrängt worden, nur etwa acht Prozent der Beschäftigten sind noch organisiert. Der nationale Mindestlohn macht dort gerade mal ein Drittel des mittleren Lohns aus, schützt also nicht vor bitterer Armut. All dies hält den Druck auf die Beschäftigten aufrecht, was sie in Sachen Lohn bescheiden macht. Die gleiche Wirkung hat die Arbeitslosenunterstützung, die normalerweise schmal bemessen ist und - wenn überhaupt - maximal sechs Monate gezahlt wird.

Im Land der Freiheit sind Arbeitnehmer daher einem permanenten Existenzrisiko ausgesetzt. In der Folge bezieht das reichste ein Prozent der Amerikaner inzwischen 20 Prozent aller Einkommen und hält 36 Prozent des Gesamtvermögens. Das Einkommen der Ärmeren stagniert dagegen seit Jahrzehnten, auch weil der Staat kaum umverteilt: Während in der Euro-Zone die staatlichen Ausgaben für Gesundheit, Rente, Familien und Wohnung rund 20 Prozent der Wirtschaftsleistung betragen, sind es in den USA 12 Prozent. Im Ergebnis leben dort laut der Industrieländerorganisation OECD knapp 18 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze, in Deutschland sind es 10 Prozent. Kein Wunder, dass die Gefängnisse voll sind: Nirgendwo in der Welt sitzen mehr Menschen hinter Gittern als im Land der Freiheit.

Diese Einwohner der US-Klassengesellschaft spricht Biden nun, über alle sozialen Grenzen hinweg, an als Inhaber des gleichen Passes. Sie will er gemeinsam in »die große Schlacht um die Schaffung von Wohlstand« führen. Dabei lässt er offen, wer hier gegen wen kämpft, und verspricht dafür allen das Gleiche: eine Chance, sich in der beruflichen Konkurrenz zu bewähren. »Wir können Amerika mit einem Wort definieren: Möglichkeiten!«

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