Die Tragikomik der Migration

Die Serie »Ethno« zeigt, wie Kinder migrantischer Arbeiter*innen zwischen Tradition und Moderne stolpern

  • Von Jan Freitag
  • Lesedauer: 3 Min.

Für People of Colour, die vor gar nicht allzu langer Zeit noch Ausländer hießen, davor wiederum Gastarbeiter*innen und bis dahin nur, ach - lassen wir das, für Menschen mit Migrationshintergrund also gab es in der handelsüblichen TV-Unterhaltung bislang vier Verwendungszwecke: Kriminelle, Putzfrauen, Gewaltopfer und Eingeborene, die Kreuzfahrtpassagieren oder Buschkrankenhausärzten aus Deutschland fröhlich aus dem Palmenhain zuwinken. Ein Akademiker dagegen, der Post vom Bafög-Amt statt von der Ausländerbehörde bekommt und seinem Vater erklären muss, Hörsaal gegen Bühne eingetauscht zu haben - das war bei uns nicht vorgesehen. Bislang.

Denn jetzt gibt es ja Ben. Ben ist ein Universitätsabbrecher arabischen Ursprungs, der unverhofft 2300 Euro Studiengebühren zurückzahlen muss, zur Finanzierung an einem hoch dotierten Stand-up-Wettbewerb teilnimmt und schon deshalb durchfällt, weil er ortslose Ottonormalverbraucherwitze macht, anstatt sein Anderssein zu ironisieren. So eine Konstellation ist - trotz oder wegen Kaya Yanar und Bülent Ceylan - eigentlich unvorstellbar im fiktionalen Humor hiesiger Herkunft. Es sei denn, sie stammt von Komikern ausländischer Herkunft, die Fremde im eigenen Land bleiben und daraus selbstreferenzielle Komik ohne Selbstmitleid machen.

Genau das nämlich macht die Aachener Kabarett-Gruppe RebellComedy in »Ethno«, der ersten Fernsehserie, wie der ausstrahlende Spartenkanal One behauptet, die »mehrheitlich von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte produziert« wurde. Nach Drehbüchern von Babak Ghassim und Massoud Doktoran (Regie: Marvin Litwak) dekliniert sie zur publikumsfreundlichen Sendezeit um - Achtung, kein Scherz: zwei Uhr früh - das Leben Ausgegrenzter mit deutschem Pass durch, was - rasend komisch - durch eine Figur gekennzeichnet wird, die es tatsächlich so noch nie gegeben hat.

Während der ComedyRebell Benaissa Lamroubal seinen Ben mit lässiger Perspektivlosigkeit durch den Kölner Hochhausalltag stolpern lässt, sitzt ihm ständig ein unsichtbarer Freund im Nacken: Der Migrationshintergrund. Hinreißend räudig gespielt vom polnischen Spätaussiedler Waldemar Kobus, ist er eine Art schlechtes Assimilationsgewissen, das leider nur Bens Freund Ramon (Arnel Tači) sehen kann. »Früher ein richtiger Star«, stellt sich dieses vollbärtige Unterbewusstsein im Bärenfellmantel zu Beginn vor. Und jetzt? Nennt sich Ben beim Billigjob im Callcenter Michael Baumgärtner und macht beim Comedy-Contest Witze über Geldautomaten, statt über Terroranschläge.

Erst, als ihm der Migrationshintergrund »die wollen mich!« zuflüstert, wird Ben mit Ausländerklischees erfolgreich, steht irgendwann fast folgerichtig mit Bombengürtel auf der Bühne, wird aber noch folgerichtiger zwischen Mehrheitsmeinung und Selbstbehauptung innerlich zerrissen.

Würden Skript und Darsteller aus dem Team von Bully Herbig stammen, herrschte spätestens an dieser Stelle bestenfalls Fremdschamgefahr, schlimmstenfalls Fremdenfeindlichkeitsrisiko. Da Crew und Cast jedoch aus eigener Erfahrung vom permanenten Spagat Nichtdeutscher berichten, ist »Ethno« von der ersten bis zur letzten Sekunde wahrhaftig komisch.

Nicht nur das: Wenn Ben seinem Vater beichtet, statt Akademiker jetzt Komiker zu sein, entspinnt sich ein Dialog von tiefgründiger Dramatik. »Ich habe jetzt Erfolg mit meiner Arbeit«, sagt der Sohn. »Diese Telefonarbeit?«, fragt sein Vater skeptisch nach. »Ich mach jetzt was Richtiges.« »Was Richtiges?« »Comedy.« »Comedy?« »Ich unterhalte Leute auf der Bühne.« »So wie ein Clown oder was?«, sticht der ehrgeizige Witwer in die Wunde von Bens Zweifel und macht in aller Ernsthaftigkeit die Diskrepanz der fleißigen Generation migrantischer Arbeiter*innen zu modernen People of Colour deutlich, die eigene Träume jenseits der Unsichtbarkeit ihrer Eltern haben. Gute Komödien, zeigt »Ethno« an dieser wie an praktisch jeder anderen Stelle, und seien sie noch so albern, sind eben immer auch tragisch.

»Ethno« auf One und in der ARD-Mediathek

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