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Neonazi-Ritual in Remagen

Rechte schwenken schwarz-weiß-rote Fahnen und schwarze Trauerfahnen für deutsche Kriegsgefangene

  • Von Annette Hauschild
  • Lesedauer: 2 Min.

Seit 13 Jahren inszenieren Rechtsradikale in Remagen im nördlichen Rheinland-Pfalz am 14. November ein sogenanntes Heldengedenken. Die Veranstaltung bezieht sich auf die in den 17 alliierten Lagern auf den Rheinwiesen gestorbenen deutschen Kriegsgefangenen. Ausgedacht hatten sich das Ritual Führungskader des mittlerweile zerschlagenen »Aktionsbüros Mittelrhein« ausgedacht. Mit von der Partie in Remagen sind regelmäßig die Parteien »Die Rechte,« »Der III. Weg« und NPD-Mitglieder sowie Freie Kameradschaften.

In den sogenannten »Rheinwiesenlagern« waren im Frühjahr 1945 deutschlandweit sieben Millionen Kriegsgefangene unter freiem Himmel interniert, Wehrmachtssoldaten, Waffen-SS, minderjährige Flakhelfer von der Hitlerjugend und alte Männer vom Volkssturm. In den provisorisch errichteten Lagern herrschten katastrophale sanitäre und humanitäre Zustände.

Zwei dieser Lager mit mehreren Hunderttausend Insassen gab es bei Remagen. Nach offiziellen Zahlen verstarben dort im Frühjahr 1945 rund 1200 Insassen aufgrund von Hunger, Unterversorgung und Durchfallerkrankungen. René Heilig beschrieb die Lager 2005 in dieser Zeitung als »Goldene Meile des Sterbens«. Schätzungen gehen von 5000 bis 10 000 Toten in allen 17 Lagern aus.

Ein breites gesellschaftliches Spektrum von Gewerkschaften, Jugendverbänden, Kirchen, Parteien und Antifa stellte sich am Samstag den Faschisten entgegen: das Remagener Bündnis für Frieden und Demokratie das Bündnis »NS Verherrlichung stoppen« sowie das Bündnis »blockzhg« dessen Aktivisten 2019 die Nazidemo blockiert hatten.

Ziel der Nazis und auch der Gegendemo war das ehemaligen Lagergelände am Rheinufer, auf dem seit 1970 eine Friedenskapelle steht. Dort stellte das bürgerliche Bündnis eine Menschenkette auf. Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer schickte ein Video mit einem Grußwort.

In 100 Metern Entfernung von der Kapelle zelebrierten die Nazis unter lautstarkem Protest der Gegendemonstranten äußerst martialisch mit gesenkten schwarz-weiß-roten Fahnen und schwarzen Trauerfahnen ihre Geschichtsklitterung und zogen danach zum Bahnhof zurück. Die Präsenz der Rechten in Remagen scheint jedoch stetig abzunehmen. Waren es 2017 noch 200 Teilnehmer, so waren es in diesem Jahr nur noch 90. Seit Jahren wird der Aufmarsch nach Angaben eines Sprechers von »remagen-nazifrei« von Dortmund im Ruhrgebiet aus organisiert, nicht mehr von lokalen Kräften. Dort gibt es zwei Häuser, ähnlich wie bis 2011 das »Braune Haus« in Ahrweiler, in denen Nazi-WGs wohnen und die Szene vernetzen.

Das blockzhg-Bündnis blockierte die Route der Nazis und wurde von der Polizei bis zum späten Nachmittag umzingelt - ohne Rücksicht auf die vorgeschriebenen Corona-Abstandsregeln. Es habe einige Verletzte gegeben, schreibt das Bündnis auf Twitter. Die Polizei Koblenz teilte auf Anfrage mit, dass sie 89 Strafanzeigen für Landfriedensbruch stellen wolle.

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