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Ein vergessener Konflikt eskaliert

Sahraui-Rebellen greifen in der Westsahara marokkanische Truppen an

  • Von Florian Wilde
  • Lesedauer: 2 Min.
Ein Flüchtlingslager in Tifariti, einer Stadt in der Demokratischen Arabischen Republik Sahara
Ein Flüchtlingslager in Tifariti, einer Stadt in der Demokratischen Arabischen Republik Sahara

In der Westsahara droht nach fast 30-jähriger Waffenruhe ein Wiederaufflammen des Krieges zwischen dem Königreich Marokko und der von der Befreiungsfront Polisario angeführten Demokratischen Arabischen Republik Sahara (DARS). Deren Präsident Brahim Ghali wies am Samstagvormittag die Volksbefreiungsarmee der Sahara per Dekret an, sich nicht länger an das Waffenstillstandsabkommen von 1991 zu halten und den bewaffneten Kampf wieder aufzunehmen. Ab Samstagnachmittag griffen ihre Einheiten marokkanische Militärstützpunkte entlang des 3000 Kilometer langen Walls an, mit dem Marokko den von ihm besetzten, weit größeren Teil der Westsahara von den von der Polisario befreiten Gebieten abtrennt. Dabei sei es zu mehreren Opfern gekommen. Marokkanische Quellen bestätigten diese Angaben zunächst nicht.

Auslöser der Eskalation war der Einmarsch marokkanischer Truppen in einen von der Polisario kontrollierten Landstrich zwischen dem Wall und der mauretanischen Grenze am Freitag. Dort hatten sahrauische Zivilisten seit mehreren Tagen eine Bresche im Wall blockiert, durch die die einzige Straßenverbindung zwischen Marokko und Mauretanien führt und die sie als illegal betrachten. Nach Vertreibung der Demonstranten besetzte die marokkanische Armee die Straßenumgebung bis zur Grenze, und begann sie militärisch zu sichern. Ein Schritt, den die Polisario offenbar als Kriegserklärung betrachtete und als solche beantwortete.

Die Frustration unter den in Flüchtlingslagern in der südalgerischen Wüste lebenden Sahrauis über die endlose Verschleppung des 1991 unter Aufsicht der UNO vereinbarten Referendums durch Marokko hatte in den vergangenen Jahren spürbar zugenommen. Gerade in der jungen Generation, aufgewachsen in der Hoffnungslosigkeit einer völlig blockierten Situation, wurde der Ruf nach einer Wiederaufnahme des bewaffneten Kampfes immer lauter. So kam es nach Angaben der Nachrichtenagentur Sahara Press Service in allen Flüchtlingslagern am Freitagabend zu Demonstrationen junger Sahrauis zur Unterstützung einer Wiederaufnahme des Befreiungskrieges, Hunderte hätten sich freiwillig zum Einsatz gemeldet. Auch in den besetzten Gebieten sei es zu Demonstrationen gekommen.

Militärisch ist Marokko allerdings haushoch überlegen, verfügt über eine starke Luftwaffe und Kampfdrohnen. Es erhält politische und militärische Unterstützung durch die USA, Israel und Saudi-Arabien, während sich die DARS auf Algerien, Südafrika und Kuba stützen kann. Die früher sozialistisch orientierte und heute immer noch sehr progressiv ausgerichtete Polisario hatte 1975 einen Guerillakampf erst gegen die spanischen Kolonial- und dann gegen mauretanische und marokkanische Besatzungstruppen geführt, der schließlich in einem Waffenstillstand und dem Versprechen auf ein Referendum endete. Dass der Konflikt seit der Einstellung der Kampfhandlungen 1991 aus den Schlagzeilen verschwunden ist, erleichterte Marokko seine jahrzehntelange Verschleppungsstrategie erheblich.

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