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Fahrlässige Räumung

Bei mehreren Zwischenfällen gefährdeten Polizisten und Waldarbeiter die Besetzer im Dannenröder Wald

  • Von Stefan Otto, Dannenrod
  • Lesedauer: 4 Min.
Polizisten holen bei einem Großeinsatz im Dannenröder Forst Klimaaktivist*innen aus den Bäumen.
Polizisten holen bei einem Großeinsatz im Dannenröder Forst Klimaaktivist*innen aus den Bäumen.

»One platform a day keeps the chainsaws away« (Eine Plattform am Tag hält die Kettensägen fern) steht auf einem Banner am Baumhausdorf »Drüben« am nördlichen Rand des Dannenröder Waldes. Ein gutes Dutzend Leute versammeln sich am Sonntagabend am Lagerfeuer, essen einen Happen, unterhalten sich. Um sie herum ein Gewusel. Es wird gehämmert, Barrikaden aus Baumstämmen werden auf Waldwegen errichtet und neue Plattformen auf Bäumen gebaut. Die vor allem jungen Leute, die den Wald besetzt haben, arbeiten rastlos. »Ausschlafen können wir, wenn alles vorbei ist«, sagt einer der Aktivisten im Vorbeigehen.

Die Hütten am Boden hat die Polizei schon geräumt, doch ein halbes Dutzend Baumhäuser steht noch. Der Abhang wurde in der vergangenen Woche gerodet. Das ist aber keine große Fläche. Kaum hundert Meter weit geht die Schneise in den Wald. Hier, am nördlichen Waldrand war der Widerstand heftig. Pyrotechnik brannte, Aktivisten versuchten, Polizeiketten zu durchbrechen. Vereinzelt habe es auch Steinwürfe gegeben, berichtet die Polizei. Die Kettensägenfahrzeuge kamen nur langsam voran.

Im Dannenröder Wald befindet sich der Kern des Protests gegen den Weiterbau der Autobahn 49, die einmal von Kassel nach Gießen gehen soll. Bis zu 400 Baumhäuser und Plattformen haben die Aktivisten entlang des geplanten Trassenverlaufs errichtet, schätzt die Polizei. Und täglich werden es mehr. Plattformen, auf denen Leute sind, wenn die Polizisten den Wald räumen, die auch teilweise mit komplizierten Seilkonstruktionen gebaut sind. Sie haben sich als effektiv erwiesen, um die Baumfällungen aufzuhalten. Aktivisten setzen dafür ganz bewusst ihren Körper für die Blockaden ein. Solange sie dort in den Bäumen sind, kann kein Baum gefällt werden, so ihre Annahme. Andernfalls würde es Tote und Verletzte geben.

Für die Polizei ist es schwierig, die Menschen von den Bäumen zu holen. Dafür sind speziell ausgebildete Beamte im Einsatz; und dennoch mehren sich Beschwerden, dass die Einsatzkräfte nicht mit der nötigen Sorgfalt vorgehen. Einen Zwischenfall gab es am Sonntagmorgen in der Nähe von Dannenrod am südlichen Waldrand, als eine 20-Jährige von einem Tripod - das sind drei zusammengestellte Baumstämme, unter denen eine Plattform hängt - abgestürzt war, nachdem ein Polizist ein tragendes Seil durchtrennt hatte. Die Frau hat schwere Verletzungen erlitten und muss stationär behandelt werden. Gegen einen Beamten habe die Staatsanwaltschaft Gießen ein Verfahren wegen des Anfangsverdachts der fahrlässigen Körperverletzung im Amt eingeleitet, teilte die Polizei Mittelhessen am Montag mit. Der Polizist habe sich noch am Nachmittag bei den Ermittlern gemeldet, hieß es. Bislang gebe es keine Hinweise auf ein vorsätzliches Handeln des Beamten.

Es ist nicht das erste Mal, dass bei der Räumung Polizisten wie Waldarbeitern ein fahrlässiges Vorgehen vorgeworfen wird. Das Bündnis »Wald statt Asphalt« veröffentlichte bereits am Mittwoch das Video eines Aktivisten, der auf einem Baumhaus filmte, wie unmittelbar unter ihm ein Kettensägenbagger rodet. »Die haben gerade direkt in den Baum gesägt, an dem wir dran sind«, ruft eine Stimme aus dem Off. »Ich glaub’s nicht«.

Erst im letzten Moment konnte die Fällung gestoppt werden. Der Vorfall habe sich in »Drüben« ereignet, erklärte Lola, eine Sprecherin der Besetzung gegenüber dem »nd«. »Ich bin entsetzt über die Fahrlässigkeit, mit der die Einsatzkräfte hier die Gesundheit der Menschen in den Bäumen aufs Spiel setzen.«

Einen weiteren Zwischenfall gab es am Montagvormittag, wieder am nördlichen Waldrand: Bei einer Baumfällung wird offenbar ein Seil übersehen, an dem ein Aktivist hing, der nach Angaben der Besetzung etwa fünf Meter in die Tiefe gefallen und nur durch eine zusätzliche Sicherung nicht auf den Boden aufgeschlagen sei. »Es ist unfassbar, wie die Staatsgewalt hier gegen die Menschen vorgeht«, erklärte die Aktivistin Leonie in einer Mitteilung der Waldbesetzung. »Die Behauptungen vonseiten der Polizei, dass bei der Räumung ›Sicherheit vor Geschwindigkeit‹ geht, sind lachhaft.« Sie forderte die Polizei auf, den Einsatz abzubrechen, weil er laufend Menschenleben gefährde.

Jan Schalauske, Abgeordneter der Linksfraktion im hessischen Landtag, findet es bedenklich, dass die Waldarbeiter die Aufsicht über die Rodungsarbeiten haben. Eigentlich müsste das die Aufgabe der Polizei sein. »Auch unsere parlamentarischen Beobachter haben festgestellt, dass die Fällarbeiten sehr nah an den Demonstrierenden stattfinden. Dabei kann offenbar nicht gewährleistet werden, dass Menschen zu Schaden kommen«, sagte er im Gespräch mit dem »nd«.

Nach den jüngsten Vorfällen fordert er Konsequenzen. Die Vorfälle müssten aufgeklärt und der Polizeieinsatz sofort gestoppt werden. »Diese Atempause sollte dafür genutzt werden, den Autobahnbau zu überdenken.« Schalauske appellierte erneut an die schwarz-grüne hessische Landesregierung, sich für ein bundesweites Baumoratorium der A49 einzusetzen. Die Folgen des Klimawandels mit Wald- und Artensterben sowie Trinkwasserknappheit zeigten deutlich, dass dieser aus der Zeit gefallene Bau auf den Prüfstand gehöre. »Statt Milliarden für eine unsinnige Autobahn auszugeben, wären diese Mittel besser in einer Verkehrswende aufgehoben, die die Schiene und den öffentlichen Nahverkehr voranbringen.«

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