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Länger bauen als am BER

Die Bahnhöfe Ostkreuz und Warschauer Straße werden und werden nicht fertig

  • Von Nicolas Šustr
  • Lesedauer: 3 Min.
S-Bahn Berlin: Länger bauen als am BER

»Wir setzen alles daran, noch dieses Jahr fertig zu werden«, sagt Alexander Kaczmarek über den S-Bahnhof Warschauer Straße. Er ist Konzernbeauftragter der Deutschen Bahn für Berlin. Seit 2004 ist die Station eine Baustelle - es begann mit dem Abriss des einstigen Gebäudes. Damit übertrifft der Bahnhof mit seiner Bauzeit den Pannenflughafen BER schon um Jahre. Offizieller Baubeginn am Hauptstadt-Airport war im September 2006 - nach mehreren Verschiebungen ist der Flughafen jedoch inzwischen in Betrieb.

An der Warschauer Straße stehen nach wie vor überall Bauzäune, die Läden sind verwaist und - wohl das drängendste Problem für die Nutzerinnen und Nutzer - die Fahrstühle sind außer Betrieb. Deren Inbetriebnahme wurde einst für August 2017 versprochen. Zuletzt hieß es, dass das Bahnhofsgebäude im September 2020 voll in Betrieb gehen kann. »Es ist eigentlich nur ein Abnahmeproblem«, sagt Kaczmarek zu »nd«. Wie auch beim BER geht es um den Brandschutz. Die Pressestelle der Bahn ignoriert die unangenehme Anfrage geflissentlich. Das Eisenbahn-Bundesamt, das letztlich die Inbetriebnahme genehmigen muss, antwortet eher nebulös: »Das Bauvorhaben Warschauer Straße ist in technischer und organisatorischer Hinsicht sehr komplex«, erklärt ein Sprecher auf nd-Anfrage. »Derzeit sind nach unserer Kenntnis unter anderem die Vermarktungseinheiten noch nicht vollständig realisiert, so dass abschließende Prüfungen noch ausstehen«, heißt es weiter.

An dem Bahnhof kulminieren die Probleme der neoliberalen Politik. Erfahrene Bauverantwortliche fehlten, weil jahrelang nicht genug ausgebildet wurde. Es gab zahlreiche Planungsfehler. In der Zwischenzeit wurden die Brandschutzanforderungen verschärft. Und die billigsten Unternehmen, die Ausschreibungen meist gewinnen, gehen auch gerne mal mittendrin pleite.

»Was soll man jetzt noch dazu sagen?«, fragt konsterniert SPD-Abgeordnetenhausmitglied Sven Heinemann. Aus heutiger Sicht sei der Bahnhof sowieso eine »absolute Fehlplanung«, da er keinen Ausgang an der Westseite der Warschauer Brücke hat. Dort ist ein ganzes Stadtviertel entstanden - mit Tausenden Wohnungen, Arbeitsplätzen, Einkaufszentrum, Veranstaltungshallen.

Seit 14 Jahren ist auch das Ostkreuz, eine Station weiter, eine Baustelle. Seit über einem Monat ist die aufwärts führende Rolltreppe am Nordeingang des Bahnhofs außer Betrieb. Es ist der Hauptzugang der Station. Am einzigen Fahrstuhl dort bilden sich häufig lange Schlangen. Menschen mit Kinderwagen, schweren Koffern oder Fahrrädern warten geduldig. An keiner anderen Station der Deutschen Bahn fahren mehr Züge, deutlich über eine halbe Million pro Jahr. Immerhin der Biosupermarkt und die Toiletten im ehemaligen Empfangsgebäude haben inzwischen eröffnet. Die Deutsche Bahn hat es geschafft, den größten Teil ihrer Aufgaben abzuarbeiten.

Anders sieht es beim Land Berlin aus. »Voraussichtlich 2023« können die Bauarbeiten für den Vorplatz starten, heißt es von der Senatsverkehrsverwaltung. Das liegt auch daran, dass in der ersten Planung die Entwässerung der Fläche vergessen wurde. Ein weiterer Grund ist die geplante Verlegung der Tramlinie 21 zum Ostkreuz. Anwohner torpedierten das Projekt mit rund 1300 Einwendungen im Planfeststellungsverfahren - mehr als eine pro jeden einzelnen der 1240 Meter Strecke. Ende 2022 soll die Strecke laut aktueller Planung in Betrieb gehen.

Zumindest sollen die Anwohner des angrenzenden Lichtenberger Viktoriakiezes eine provisorische Anbindung erhalten, die ihnen mindestens 800 Meter Fußweg erspart. Der Baustellendurchgang steht seit Monaten, doch ein Metallzaun versperrt den Zugang. Dies liege an »Baumaßnahmen auf den Nachbargrundstücken, die eine alternative Stromversorgung und die Gewährleistung von Rettungswegen und Zufahrten erfordern, sowie der Realisierung von Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen aus dem Planfeststellungsverfahren der Deutschen Bahn«, heißt es auf Anfrage vom Landesbetrieb Grün Berlin, der den Zugang im Auftrag errichtet hat. Noch in diesem Quartal soll es allerdings so weit sein.

Die Bauplanungen reichen bis ins Jahr 2024 - dann soll der Regionalbahnsteig für den RE1 ein Dach bekommen, und auch ein Fahrradparkhaus soll errichtet werden. »Hinter die ganzen Projekte muss Dampf, damit kein Schlendrian einkehrt«, fordert Sven Heinemann.

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