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Zu allem Übel eine Bombe

Oranienburger Ortsteil muss während des Corona-Shutdowns evakuiert werden

  • Von Tomas Morgenstern
  • Lesedauer: 4 Min.
Oranienburg: Zu allem Übel eine Bombe

Die Stadt Oranienburg (Oberhavel) hat sich akribisch auf die größte Evakuierungsaktion in Brandenburg unter den Bedingungen eines Corona-Lockdowns vorbereitet: Da an diesem Mittwoch im Ortsteil Lehnitz eine US-Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg »neutralisiert« werden soll, müssen rund 5500 Menschen ihre Wohn- und Arbeitsstätten in einem Sperrkreis im Radius von 1000 Metern um den Fundort der 500-Kilogramm-Bombe verlassen und in Notunterkünften untergebracht werden - unter Wahrung der geltenden Corona-Eindämmungsverordnung.

Wie die Sprecherin der Stadtverwaltung Eike-Kristin Fehlauer zu »nd« sagte, wurden die Einwohner in der Gefahrenzone bereits seit Dienstag per Lautsprecherwagen über die eingeleiteten Maßnahmen informiert. Lange hatte man im Rathaus beraten, ob angesichts des dynamischen Infektionsgeschehens eine Entschärfung oder gar Sprengung des Blindgängers zu verantworten wäre, sich Ende vergangener Woche auf Expertenrat aber anders entschieden. Denn es lässt sich nicht ausschließen, dass die im Laufe der Jahrzehnte instabil werdenden chemischen Langzeitzünder bei der geringsten Bewegung eine verheerende Detonation der Bombe auslösen. Letzte Zweifel, ob es sich bei dem auf einem vom Kampfmittelbeseitigungsdienst (KBMD) untersuchten Areal am Inselweg in Havelnähe entdeckten Metallkörper tatsächlich um eine große Fliegerbombe handelt, waren am Dienstag ausgeräumt worden.

Die heute rund 45 000 Einwohner zählende Stadt kennt sich mit der explosiven Hinterlassenschaft des Krieges aus. Mit ihren kriegswichtigen Rüstungsfabriken, Verkehrs- und Forschungseinrichtungen war sie bis 1945 Ziel schwerer alliierter Luftangriffe. Bisher wurden offiziell 211 sogenannte Großbomben nach 1990 entdeckt und unschädlich gemacht, einige davon auch in Lehnitz. Immer wieder mussten zuvor Tausende Anwohner in Sicherheit gebracht werden. »Wir machen das zwar nicht zum ersten Mal, aber jede Evakuierung verläuft anders«, erklärte Sprecherin Fehlau. »Mitunter reicht es, wenn sich noch eine oder zwei Personen unberechtigt im Sperrkreis aufhalten, dass sich die gesamte Aktion verzögert. Und eine Evakuierung unter Corona-Bedingungen hatten wir hier tatsächlich auch noch nicht.« Zum Beispiel müsse man ja in Rechnung stellen, dass auch im betroffenen Gebiet derzeit viel mehr Menschen als sonst ihrer Arbeit im Homeoffice nachgehen. Immerhin sei diesmal das Krankenhaus nicht betroffen.

Nach Behördenangaben tritt der festgelegte Sperrkreis am Mittwoch um 8 Uhr in Kraft. Von diesem Zeitpunkt an werde er von Feuerwehr und Polizei kontrolliert. »Zur Unterstützung wird die Polizei ein Drohnenkommando einsetzen, das den Sperrbereich mittels Wärmebildkamera nach etwaigen Personen absucht«, heißt es in einer Mitteilung der Stadt. »Sollte noch jemand im Sperrbereich angetroffen werden und den Anweisungen nicht Folge leisten, drohen Bußgelder bis zu 1000 Euro sowie die Anwendung unmittelbaren Zwangs durch die Polizei.«

Laut Stadtsprecherin Fehlauer kommen erfahrungsgemäß viele Bewohner des Sperrkreises bei Freunden oder Verwandten unter. Für die anderen Betroffenen habe die Stadtverwaltung Notunterkünfte eingerichtet - diesmal deutlich mehr als sonst, um die Abstands- und Hygieneregelungen durchsetzen zu können. Aus diesem Grunde stellt die Stadt auch keine gesonderten Shuttlebusse zu den Anlaufstellen in vier Sporthallen und zwei Bürgerzentren bereit. »Die Anlaufstellen dürfen nur von Personen ohne Krankheitssymptome aufgesucht werden. Während der gesamten Dauer des Aufenthalts ist eine Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen. Beim Einlass werden die Personalien erfasst«, heißt es.

Laut Fehlauer wurden die Hygienekonzepte der Notunterkünfte angepasst, es wird mehrmals stündlich gelüftet und desinfiziert. Wer sich dort aufhalten wolle, sei gehalten, sich warm anzuziehen und ausreichend Verpflegung sowie persönliche Medikamente mitzubringen, erinnerte sie.

»Immerhin ist es eine gute Nachricht, dass gar nicht so viele Menschen betroffen sind, die sich wegen Corona in Quarantäne befinden«, so Fehlauer. Nach Angaben des Gesundheitsamtes des Landkreises handelte es sich mit Stand Dienstagnachmittag um zehn infizierte Personen sowie zwölf Kontaktpersonen ersten Grades. »Für diese Menschen sind individuelle Lösungen vorbereitet worden.« Auch einzelne pflegebedürftige oder gar bettlägerige Menschen würden mit Krankentransportern zeitweilig zur Betreuung in geeignete Einrichtungen gebracht.

Auf die Corona-Pandemie hat sich auch der KBMD einstellen müssen. Für die Entschärfung der Bombe setzen sie auf Hightech - eine Wasserschneidanlage schneidet den Zünder erschütterungsfrei mit sehr hohem Druck aus deren Gehäuse. Wie Sprecherin Gabriele Krümmel »nd« erläuterte, brauche man für Montage, Justieren und Überwachen der Anlage aber insgesamt sechs Personen vor Ort. »Soweit unmittelbar an der Bombe gearbeitet wird und die erforderlichen Abstände nicht eingehalten werden können, werden die erforderlichen Atemschutzmasken getragen«, teilte sie mit.

Bürgermeister Alexander Laesicke (parteilos) macht seinen Oranienburgern vorab Mut, mahnte aber dennoch zu Disziplin und Besonnenheit. »Wir wissen alle, dass es nicht die erste Bombe ist, die in Oranienburg unschädlich gemacht wird. Dennoch zieht keine Routine ein. Jedes Mal aufs Neue müssen wir uns sehr gründlich vorbereiten«, ließ er am Dienstag mit Blick auf die besondere Herausforderung durch Corona wissen.

Wegen Bauarbeiten fahren statt der S-Bahn Busse im Schienenersatzverkehr. Da der S-Bahnhof Lehnitz im Sperrbereich liegt, wird er an diesem Mittwoch während der Bombenentschärfung nicht angefahren. Die Regionalbahn wird bis 10 Uhr planmäßig fahren, danach ist der Betrieb unterbrochen. Geht alles glatt, könnte der Sperrkreis ab 15.30 Uhr aufgehoben werden.

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