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Besser durch Bewegung

Kleine Fortschritte in der Behandlung der Autoimmunerkrankung Multiple Sklerose

  • Von Angela Stoll
  • Lesedauer: 5 Min.
Auch aus dem Rollstuhl heraus hoch hinauf: Der rechte Kletterer ist MS-Patient und trainiert hier beim Alpenverein in Karlsruhe.
Auch aus dem Rollstuhl heraus hoch hinauf: Der rechte Kletterer ist MS-Patient und trainiert hier beim Alpenverein in Karlsruhe.

Fast zehn Jahre ist es her, dass Michael Montag eine Nachricht erhielt, die sein Leben von Grund auf veränderte: Er litt an Multipler Sklerose (MS). »Die Diagnose war für mich zunächst ein Schock«, erinnert er sich heute. Der Filialleiter und Familienvater, damals 42 Jahre alt, stand mitten im Leben, war immer unterwegs und viel unter Menschen. In der Folgezeit verschlechterten sich seine motorischen Fähigkeiten zusehends. Inzwischen ist er seit vier Jahren in Rente und auf den Rollstuhl angewiesen, wenn er längere Strecken zurücklegen will. Doch seine Geschichte ist nur auf den ersten Blick traurig und hoffnungslos. Denn seit vier Jahren hat er keine neuen Krankheitsschübe mehr erlitten. Er führt ein aktives Leben, arbeitet wieder ein paar Stunden, trifft sich mit Leuten und geht ins Fitnessstudio: »Je mehr ich mich bewegen kann, desto besser geht es mir.«

Einen wichtigen Beitrag dazu leistete die Therapie. In den vergangenen zwanzig Jahren sind einige Medikamente auf den Markt gekommen, die bei vielen Patienten das Fortschreiten der Krankheit verlangsamen können. Sonst kann die chronische Autoimmunkrankheit, die mit ganz verschiedenen neurologischen Beschwerden einhergeht, die Beweglichkeit immer stärker einschränken. Michael Montag bekam zunächst Spritzen mit Interferonen. Medikamente mit diesen körpereigenen Botenstoffen werden schon seit den 1990er Jahren bei schubförmiger MS eingesetzt, um akute Phasen zu verhindern oder zumindest zu dämpfen. Seit einigen Monaten nimmt der 51-Jährige Tabletten mit dem Wirkstoff Siponimod, die im Januar neu zugelassen wurden. Seitdem hätten sich seine Fähigkeiten nicht weiter verschlechtert, meint Montag: »Heute habe ich zum Beispiel das Laub im Garten zusammengefegt, was mich aber schon sehr angestrengt hat. Diese schnelle Erschöpfung ist bei mir immer noch vorhanden.«

Der Bericht macht Hoffnung, macht aber auch klar: Trotz aller Verbesserungen in der Behandlung von MS gibt es derzeit kein Wundermittel, das die Patienten genesen lässt. »Bei jungen Menschen wird bei hochaktiver MS in einigen Ländern eine Knochenmarktransplantation durchgeführt und die MS erscheint zunächst wie geheilt«, sagt die Neurologin Judith Haas, Vorsitzende der Deutschen Multiple-Sklerose-Gesellschaft. »Die Daten dazu muss man aber mit Vorsicht im Langzeitverlauf betrachten.« Die Therapie ist nämlich noch wenig erprobt und sollte nur in Studien eingesetzt werden, da sie auch erhebliche Risiken mit sich bringt. Ein grundsätzliches Problem besteht darin, dass Multiple Sklerose ein sehr uneinheitliches Krankheitsbild ist - daher wird sie auch »die Krankheit mit den tausend Gesichtern« genannt.

Es gibt verschiedene Verlaufsformen, die unterschiedlich behandelt werden. Die meisten Patienten erleiden Krankheitsschübe, bei denen innerhalb kurzer Zeit neue Symptome auftreten und Tage bis Wochen dauern können, danach oft wieder abklingen. Nach Jahren oder Jahrzehnten geht diese Krankheitsform häufig in eine »sekundär progrediente MS« (SPMS) über, bei der sich die Beschwerden kontinuierlich verschlechtern. So war es auch bei Michael Montag. »Der Übergang zur SPMS vollzieht sich oft schleichend«, sagt seine Ärztin, die Neurologin Michaela Krause aus Wolfratshausen. »Das muss man sehr genau beobachten, um den Patienten dann dementsprechend zu behandeln.«

Ziel ist unter anderem, die Beweglichkeit möglichst lange zu erhalten und zum Beispiel zu vermeiden, dass jemand gar nicht mehr gehen kann. Dazu stehen entweder Interferonspritzen zur Verfügung, die sich Krause zufolge in der Vergangenheit gut bewährt haben, oder seit Kurzem der Wirkstoff Siponimod in Tablettenform. Allerdings kann auch damit nur einem Teil der Betroffenen geholfen werden. Die Mittel wirken nämlich vor allem dann, wenn die Krankheit noch aktiv ist: Interferon ist für SPMS-Patienten gedacht, die noch Schübe haben, und Siponimod für solche, die Schübe haben oder bei einer MRT-Untersuchung Entzündungsherde in Gehirn und Rückenmark zeigen.

»Für Patienten, die keine Krankheitsaktivität mehr haben, aber an einer fortschreitenden Behinderung und zunehmender Hirnatrophie leiden, ist noch kein Medikament zugelassen«, erklärt die MS-Expertin Judith Haas. »Da schauen wir nach wie vor auf ein Defizit.« Dass Hirngewebe mit dem Alter allmählich schwindet (Atrophie), ist normal, doch kann Multiple Sklerose diesen Vorgang deutlich beschleunigen. Daher leiden manche Patienten auch unter Konzentrations- und Gedächtnisstörungen.

MS-Medikamente wie Beta-Interferon und Siponimod beeinflussen das Immunsystem und können mit verschiedenen Risiken und Nebenwirkungen verbunden sein. »Interferon kann vor allem grippeähnliche Symptome, aber auch zum Beispiel Depressionen und Hautreaktionen auslösen«, sagt Neurologin Michaela Krause. »Bei Siponimod muss man besonders darauf achten, dass die Lymphozytenzahl nicht zu sehr sinkt. Sonst besteht eine erhöhte Infektanfälligkeit.« Gerade zu Corona-Zeiten ist dieser Effekt gefürchtet.

Um den Nutzen des neuen Medikaments wirklich beurteilen zu können, ist es Experten zufolge noch zu früh. So kam der Gemeinsame Bundesausschuss für das Gesundheitswesen (G-BA) im August zu dem Schluss, ein Zusatznutzen von Siponimod gegenüber vergleichbaren Therapien sei nicht belegt. Das bedeutet aber nicht, dass das Mittel nicht besser wirken könnte, da in der herangezogenen Studie keine Vergleichssubstanz geprüft wurde.

So hält es die MS-Expertin Judith Haas für plausibel, dass Siponimod langfristig einen deutlicheren Effekt haben könnte: »Die Substanz greift stark ins Immunsystem ein. Je stärker, desto ausgeprägter ist in der Regel die Wirksamkeit.« Sie betont aber: »Bewiesen ist das nicht.« Um sicher sagen zu können, dass das Fortschreiten der SPMS dadurch aufgehalten werde, sei es zu früh. »Die Krux an Studien in dem Bereich ist, dass sie nicht lang genug laufen. Eigentlich bräuchte man mindestens fünf Jahre, um wirklich belastbare Ergebnisse zu bekommen.« Hinzu kommt, dass niemand weiß, wie sich die Krankheit unbehandelt entwickelt hätte.

Vor diesem Hintergrund setzt Haas auf eine gute, umfassende Aufklärung. »Man muss mit dem Patienten sprechen: Hat er mehr Angst vor dem Rollstuhl oder vor den Nebenwirkungen der Therapie? Da sind die Menschen ganz unterschiedlich.« Für Michael Montag war die Entscheidung offensichtlich klar. Das Medikament habe er auch gut vertragen, berichtet er. »Vor allem hat es wohl dazu geführt, dass meine Gehfähigkeit sich nicht verschlechtert hat.« Jetzt hofft Montag, diesen Stand zu halten.

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