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Vom Ausglühen der Utopie

Zum 120. Geburtstag von Anna Seghers: Ein neues Buch schildert die Zeit der großen Schriftstellerin im mexikanischen Exil, als ihre berühmten Romane entstanden sind

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 7 Min.

Vielleicht war es das schwerste Los: Jener Mut, sich zu einem besseren Leben zu bekennen, durfte nie frohgemut sein. Nie ein Freimut. Dieser Mut, eine neue Welt bauen zu wollen, kannte nie wirklich die Heiterkeit und das Gelöstsein. Er wollte Lust sein und musste Last tragen. Er folgte einer geistigen Verlockung und hatte sofortige politische Verpflichtung zu sein. Die bestand angesichts dunkler Verhältnisse darin, das Notwendige zu sagen, statt die Freiheit zu singen. Das Notwendige war, die Wahrheit zu sagen. Die bittere, gefährliche Wahrheit in diesem höllischen 20. Jahrhundert. Christa Wolf betrachtete sehr späte Fotos der Anna Seghers. Sie sah »das erschrockene Gesicht« und schrieb, es gemahne sie an den »Ausdruck derer, die vieles, vielleicht zu vieles gesehen, durchschaut, erlebt und überlebt haben, die wissen: Kein zufälliges Unglück ist ihnen zugestoßen. Es war alles so gemeint.«

Das Gesicht der 1947 nach Deutschland heimkehrenden, hoffenden, aber wohl immer noch sich fluchtbereit haltenden Anna Seghers - Jüdin und Kommunistin - wird für Christa Wolf jenes Gesicht sein, das den seelischen Zustand einer ganzen Generation verkörpert. Die jetzt im Osten Macht hatten, würden doch ihre Angst nie verlieren. Marx hatte längst an Orwell übergeben. Auch Anna Seghers: Erst die Angst vor Hitler, dann vor den eigenen Leuten. Immer auch vor den eigenen Leuten. Das war eine bis zu ihrem Tode 1983 dauernde Zerrissenheit, die aus dieser großen Autorin, zugleich Präsidentin des DDR-Schriftstellerverbandes, eine Fremde in der eigenen Haut gemacht hatte. Was sie mit nahezu nobler Verzweiflung trug.

Zu ihren Ängsten gehörte wohl auch, es gehe ihr zu gut, da es ihr so gar nicht gut ging mit allen und allem. Den Weg in die schöne kommende Zeit, den sah sie, ja, aber sie albträumte ihn - als einen Weg jener, die vor den Träumen starben. Zukunft als »Ausflug der toten Mädchen«, wie eine Erzählung heißt, geschrieben in Mexiko 1944 und veröffentlicht in New York 1946.

Die Ideale, die einst so entwaffnend einleuchteten, waren in Wahrheit gepanzert, und die Panzer wurden nicht abgelegt, vielleicht, um möglichst wehrhaft zu bleiben gegen die Anfechtungen von Sinnlosigkeit und Vergeblichkeit. Seghers bleibt eine Schriftstellerin, die trotz aller Brücken- und Weltstürze ringsum doch unbeirrbar - wenn auch leiser und immer leiser - das Aufrichtende gegen das Auflösende denkt. Das Ausglühen der Visionen erledigte bei ihr nie jenes schwere Einfache, was man vom Leben fordern und was das Leben geben kann: das Maß. Was man tut, und was man unterlässt; was man für anständig hält und was nicht.

Die Seghers, so hieß es in der DDR. Wie: die Weigel, die Palucca, die Kollwitz. Sprachliche Grobform als Liebeserklärung: Vereinnahmung und Entrückung zugleich. Die Seghers war gleichsam eine ewige Exilantin: ein Graus. Aber ein Glück war es, die Fremde wenigstens in Mexiko erfahren zu dürfen, die Kälte der Welt also im Helleüberschuss, die deutsche Finsternis im Farbgewitter Mittelamerikas überstehen zu können. In Hitlers erstem Jahr an der Macht 1933 war die Familie Radványi - Anna Seghers, ihr Mann László Radványi, der sich später Johann Lorenz Schmidt nannte, und zwei Kinder - aus Deutschland geflohen. Acht Jahre Transit: Schweiz, Frankreich, Martinique, Santo Domingo, USA, Havanna. Quälende Passbürokratie, Fahndungsdruck, Internierung, Aufenthaltsverweigerung - endlich dann Mexiko. Ein Land »wie ein anderer Stern«. Es wird für Seghers das Land einer literarischen Blütezeit.

Monika Melchert, lange Zeit Betreuerin des Anna-Seghers-Museums in Berlin- Adlershof, erzählt diese mexikanischen Jahre in ihrem Buch: »Im Schutz von Adler und Schlange«. Das sind Mexikos Wappentiere. Es ist ein Erzählen aus profundem Wissen heraus, aber das Wissen prunkt nicht, es stellt sich der Schilderung zur Seite. Melchert ist keine Autorin, die sich hinreißen lässt, sehr wohl aber eine essayistische Chronistin, die von einem überzeugt ist: von der Erweiterung unseres Bewusstseins für das gute Menschenmögliche. Mit ausgeprägtem Sinn für Belegbarkeit. Das darf man zweifelsfrei auch als Leidenschaft bezeichnen.

Anna Seghers im mexikanischen Exil

Mexiko ist ein Hort der klugen Köpfe: Egon Erwin Kisch, Ludwig Renn, Bodo Uhse, Lenka Reinerova, Jeanne und Kurt Stern. Der Dichter Pablo Neruda ist der Generalkonsul Chiles in Mexiko. Und eben Anna Seghers, die dem Heinrich-Heine-Klub vorstehen wird und hier im Exil Weltliteratur veröffentlicht: »Das siebte Kreuz« (1944 verfilmt Hollywood den Roman, in der Hauptrolle: Spencer Tracy). Die Mexiko-Jahre begründen das Grundgesetz im Werk der Seghers: Da ist dieser erregend feine Ton einer beständigen Traurigkeit; die aber - so legt Monika Melchert offen - erdrückt niemals den entscheidenden Impuls dieser Erzählerin: das Beharren darauf, dass der Mensch heraustreten kann aus den tausendfach verspiegelten Festungen seiner Ich-Bezogenheit.

Der Roman »Das siebte Kreuz« ruft die wahre existenzielle Utopie auf: Erst in seinem langweiligen Lauf erfüllt sich würdiges Leben. Oberste Staatsaufgabe ist es, den Menschen aus jener Gefahr zu retten, Retter oder Rebell werden zu müssen. Jede Erzählung von Widerstand bleibt eine Saga von menschlicher Ausnahme und moralischem Sonderfall. Märtyrer hinterlassen keine Schule. Aber freilich auffallend sind so viele nachträglich Unschuldige.

Seghers’ Roman erzählt solch eine Geschichte, die Flucht von sieben Häftlingen aus einem Konzentrationslager der Nazis. Seghers folgt dem Weg des Kommunisten Georg Heisler, der nach Holland entkommt, aber zunächst durch ein Deutschland des Hasses und der Hilfe muss, des Spitzeltums und der Solidarität, der Barbarei und der Barmherzigkeit. Eine Erzählung darüber, dass die Toten jung bleiben (wie es im Titel eines anderen Seghers-Romans heißt). Und dass die Räume, in denen wir leben, zwar Wände haben, aber doch alle Zeiten hereindringen - mit ihrem einzig verlässlichen Versprechen: Niemand bleibt verschont. Es tröstet nicht, was Früheren in gleicher Weise geschah. Im »Siebten Kreuz« sagt einer: »Jetzt sind wir dran. Was jetzt geschieht, geschieht uns.« Alles ist, menschheitslang, schon erlitten, aber immer wird jedes Leiden neu geboren. Jedes Leiden, jede Gegenwehr aber auch.

In dieses Sinngespräch führt Melcherts Buch ein. Lies und fass Fülle! Der Trauerschlag durch den Tod der Mutter im Holocaust. Ein schwerer Autounfall, der Anna Seghers die Schädeldecke zertrümmert. Die innige Freundschaft zum großen Lebensfarbenmaler Diego Rivera. Die innerparteilichen Konflikte, gegen die Seghers eine lebensschützende Art aus trotziger Ironie (»Hol’s der Naturgeier!«), listiger Ignoranz und still bleibender Bitterkeit entwickelt. Manchmal auch spitzfelsig ausfahrend wie die Buchstaben ihrer Handschrift. Genussvoll rauchend, als zöge sie auch die Worte, die mitunter zu sagen wären, lieber nach innen. Die Einsamste frag, was Gemeinschaft sei.

Weite Kreise schlägt Monika Melchert aus den Büchern von Seghers hinaus ins Wirkliche, zurück ins Historische. Der Essay tauscht sich mit der Reportage aus, die Literaturkritik mit dem Reiseführer. Die Forschung versteht sich glänzend mit dem Fabulieren, und über alles ist eine Sachlichkeit gebreitet, die ihr Selbstbewusstsein nicht versteckt.

Netti Reiling, so der Geburtsname von Seghers, wurde am 19. November 1900 in Mainz geboren, seit 1946 war sie auch mexikanische Staatsbürgerin. In Mexiko vollendete sie auch die Fluchtgeschichte »Transit«. Volker Braun hat vor Jahren nach deren Motiven das Stück »Transit Europa« geschrieben und bilanziert fürs heutige Europa des grassierenden Festungsfrostes: »Die wir die Welt dieser ausgrenzenden Grausamkeit wählten, stehn in der Schuld aller Orte, die verloren sind.« Der Orte, der Menschen. Und Beschämung, die nachwächst: »Denn wir stehn bei den Siegern.« Diesem geflohenen Georg Heisler helfen oder nicht? Diese Frage ist die übertragbare Wahrheit aus den Büchern der Anna Seghers. Denn niemand entkommt dem Moment, in dem man begreift: Es ist noch etwas zu entscheiden, und ich bin es, der eine Entscheidung treffen muss. Immer jetzt ist dieser Moment: Du bist dran. Was weltfern geschieht, es geschieht mir.

Monika Melchert: Im Schutz von Adler und Schlange. Anna Seghers im mexikanischen Exil. Quintus, 200 S., geb., zahlr. Fotos, 20 €.

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