Werbung

Philosophie des Vertrauens

Schwedens Umgang mit Corona setzt weiter auf Aufklärung und Kommunikation mit der Bevölkerung

  • Von Philip Franzén, Malmö
  • Lesedauer: 4 Min.
Wird es bald einsam um Anders Tegnell? Der Staatsepidemiologe gilt als Architekt der schwedischen Strategie, die die ganze Gesellschaft im Blick zu haben versucht.
Wird es bald einsam um Anders Tegnell? Der Staatsepidemiologe gilt als Architekt der schwedischen Strategie, die die ganze Gesellschaft im Blick zu haben versucht.

Nachdem Schweden über Monate von einer zweiten Coronawelle verschont blieb, ist nun auch hier ein deutlicher Anstieg der Infektionen sowie eine erhöhte Belastung des Gesundheitssystems zu verzeichnen. Seit Beginn der Pandemie hat Schweden 6321 mit Covid-19 Verstorbene zu verzeichnen. Fast 200 000 der etwas mehr als 10 Millionen Einwohner wurden bisher positiv auf das Virus getestet, an diesem Mittwoch kamen 4007 neue Fälle hinzu. Am Tag zuvor mussten weitere 13 Patienten intensiv behandelt werden.

Die Regierung sah sich jetzt gezwungen, ihre Maßnahmen zu verschärfen. Am Montag gab der sozialdemokratische Ministerpräsident Stefan Löfven die neue Höchstgrenze für bestimmte Zusammenkünfte im öffentlichen Raum bekannt. Auf der digitalen Pressekonferenz betonte Löfven mit großem Ernst: »Dies ist eine sehr einschränkende Maßnahme und in der modernen Zeit beispiellos.« Die neue Regelung soll am 24. November in Kraft treten und zunächst vier Wochen lang gelten. Sie betrifft Veranstaltungen wie Konzerte, religiöse Versammlungen und Demonstrationen. Ein Lockdown steht nicht an.

Private Treffen mit mehr als acht Personen sind formal weiterhin weder zu Hause noch im Freien verboten. Die Regierung betont jedoch, dass mit den neuen Maßnahmen auch eine allgemeine Verhaltensänderung bei den Bürgern erreicht werden soll. »Dies ist die neue Norm für die ganze Gesellschaft, für ganz Schweden«, erklärte der Premier. Sein Appell an seine Landsleute: »Geht nicht ins Fitnessstudio. Geht nicht in die Bibliothek. Ladet niemanden ein. Feiert keine Partys. Stellt das ein! Sagt das ab!« Der Ton und die verfügten Einschränkungen gelten im historischem Kontext Schwedens als außergewöhnlich und dramatisch.

Die Ankündigung der Regierung ist der neueste Schritt im Umgang mit der Covid-19-Pandemie im Rahmen einer Strategie, die weltweit diskutiert und vielerorts kritisiert wurde, weil sie darauf verzichtete, das wirtschaftliche und öffentliche Leben zeitweilig komplett herunterzufahren. Die größten Restriktionen betrafen dabei öffentliche Versammlungen und die Gastronomie. Bereits im Frühjahr war die Zahl der Personen, die an solchen Veranstaltungen teilnehmen dürfen, begrenzt worden, für Restaurants und Cafés wurden strenge Abstandsregeln eingeführt. In der vergangenen Woche kündigte die Regierung an, die Vorschriften für gastronomische Einrichtungen zu erweitern. Ab diesem Freitag ist der Verkauf von Alkohol nach 22 Uhr verboten.

Die Tendenz zu einer zweiten Welle an Coronainfektionen zeigte sich in diesem Herbst auch in Schwedens nordischen Nachbarländern. Dort ließ sich der unerwünschte Anstieg kurz nach seinem Beginn wieder stoppen - ohne landesweite Lockdowns zu verhängen. Dänemark, das Stand Anfang November mit mehr als zehn pro 1000 Einwohner im skandinavischen Vergleich die meisten Coronatests durchführte, hat es geschafft, die Welle rechtzeitig zu bremsen. Und auch in Norwegen und Finnland gibt es im Vergleich zu Schweden und anderen europäischen Ländern derzeit nur wenig Neuinfektionen.

Der Gesundheitsbehörde Folkhälsomyndigheten geht es in diesem Herbst vor allem darum, die Menschen weiter zum Homeoffice anzuhalten und dazu, öffentliche Verkehrsmittel und Innenräume möglichst zu meiden, den physischen Kontakt zu anderen zu reduzieren. Trotz eines deutlichen Rückgangs der Mobilität ist es damit noch nicht gelungen, den negativen Trend zu stoppen.

Obwohl es von Anfang an das erklärte Ziel der schwedischen Strategie war, vor allem langfristig nachhaltige Maßnahmen zu ergreifen, wächst die Befürchtung, dass sich eine gewisse Corona-Müdigkeit in der Bevölkerung ausbreitet. Konsequent hatte die Gesundheitsbehörde bisher auf Gebote statt Verbote gesetzt mit der Begründung, dass dies in der öffentlichen Gesundheitsfürsorge in Schweden eine lange Tradition habe. Eine Tradition, die auf diesem Feld bislang äußerst erfolgreich war und mit der sowohl die Bevölkerung als auch die Behörden Erfahrung haben. Staatsepidemiologe Anders Tegnell verweist unter anderem auf Impfprogramme: In Schweden besteht keine Pflicht, sich selbst oder seine Kinder gegen bestimmte Krankheiten impfen zu lassen. Dennoch liegt das Land beim Anteil der Menschen, die geimpft sind, mit an der Spitze. Die Gesundheitsbehörde folgt der Philosophie, dass Vorgaben mit guten und vertrauenswürdigen Informationen besser erreicht werden, als per Vorschrift.

Der Linie der Behörde folgt die Regierung nicht immer. So wurde im Schatten der Coronakrise in Schweden die Drogenpolitik diskutiert. Nach Angaben der EU-Agentur Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht hat das Land mit die höchste Sterberate im Zusammenhang mit Drogen in Europa. Die Gesundheitsbehörde wollte in diesem Jahr eine mögliche Entkriminalisierung des persönlichen Gebrauchs sowie die Einführung sogenannter Injektionsräume für Süchtige prüfen. Die Regierung sieht darin jedoch ein falsches Signal. Der von der Gesundheitsbehörde vorgelegte Bericht zum Drogenproblem verdeutlicht dennoch den grundsätzlichen Ansatz, dem sie auch in der Pandemie folgt: Verbot und Zwang richten mehr Schaden als Nutzen an. Sollte Schweden in diesem Winter seine Corona-Strategie ändern, dann nur, weil die Regierung unter Druck stehend die Initiative ergreift.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln