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Die Demütigung des Joachim Löw

Nach dem 0:6 gegen Spanien wird aus der Debatte um den DFB-Kader auch eine über den Bundestrainer

  • Von Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 4 Min.
Für Manuel Neuer (l.) war der Abend in Sevilla einer der bittersten seiner Karriere. Diskutiert wird nach dem 0:6 gegen die Spanier aber über andere Personalien beim DFB.
Für Manuel Neuer (l.) war der Abend in Sevilla einer der bittersten seiner Karriere. Diskutiert wird nach dem 0:6 gegen die Spanier aber über andere Personalien beim DFB.

Alles, was Joachim Löw jemals gesagt hat, kann und wird nun gegen ihn verwendet werden. Die ersten Richter haben bereits geurteilt. »Dieses Match wird der langen Herrschaft von Löw ein Ende setzen«, ist in der italienischen Tageszeitung »Gazzetta dello Sport« zu lesen. Gleiches vermutet in Spanien das Sportblatt »Marca«: »Es könnte Löws letztes Spiel als Bundestrainer gewesen sein.« Ein unbefangener Blick von außen kann hilfreich sein, von dort lässt es sich aber auch mit leichterer Hand kritisieren. Dennoch wird die Diskussion auch in Deutschland ähnliche Ausmaße annehmen - weil die Dimension der Demütigung am Dienstagabend in Sevilla historisch war. 0:6 gegen Spanien, die höchste Niederlage einer DFB-Auswahl seit 89 Jahren.

Am Anfang der Aufarbeitung sollte das aktuelle Ereignis stehen. »Wir sind da, wo wir sein wollten«, hat der Bundestrainer mit Blick auf die Tabellenführung vor dem letzten Gruppenspiel in der Nations League gesagt. Eine klare Fehleinschätzung. Die Defensive war in diesem Länderspieljahr durchweg ein großes Problem - Rettung wie bei den 3:3-Unentschieden gegen die Schweiz und die Türkei oder bei knappen Siegen gegen Tschechien und die Ukraine hatte immer nur die gut besetzte Offensive gebracht. Nach dem Spiel in Sevilla sagte Löw: »Nichts hat funktioniert.« Eine fehlerfreie Analyse.

Dem DFB-Team fehlt es an Struktur und einem passenden System. Die Spanier konnten diese grundsätzlichen Probleme aufdecken, weil sie - anders als die vorherigen Gegner - offensiv und defensiv auf hohem Niveau agiert haben: Neben sechs eigenen Treffern und weiteren Chancen ließen sie nur einen Torschuss zu. Selbst die von Löw mantramäßig wiederholte Schutzbehauptung, sein Team sei nach dem Neuaufbau auf einem guten Weg, konnte der Gegner entkräften. Der spanische Trainer Luis Enrique bastelt nämlich selbst gerade an einer neuen Selección. Und dabei hat er mit dem 20-jährigen dreifachen Torschützen Ferrán Torres oder dem starken 24-jährigen Zentrumsspieler Rodrigo nicht unbedingt mehr Talent oder Erfahrung im Kader als Löw mit Leroy Sané, Serge Gnabry oder Leon Goretzka vom Triplesieger Bayern München.

In den sozialen Netzwerken wurde die ewige Diskussion über den Kader schon während des Spiels heftig weitergeführt. Nach dem Abpfiff wurden die Rufe nach den von Löw aussortierten Mats Hummels, Jérôme Boateng und Thomas Müller noch lauter. Der Bundestrainer könnte es sich nun leicht machen und nachgeben. Damit würde er vielleicht sogar die Debatte über seine Person entschärfen. Gut wäre es jedoch nicht.

Hummels gibt den jungen Dortmundern mehr Sicherheit, die stete Kritik an der fehlenden Mentalität konnte aber auch er nicht entkräften. Und in Spitzenspielen wie jüngst gegen den FC Bayern ist er nicht mehr der Souverän vergangener Jahre. Boateng funktioniert im Münchner Starensemble als Teilzeitarbeiter, Führungsspieler ist er schon lange nicht mehr. Für Müller sollte kein Platz in der gut besetzten Offensive geopfert werden.

Löw sollte sich nicht untreu werden. System und Philosophie aber passt jeder gute Trainer an vorhandenes Personal an. Hilfe beim Finden defensiver Stabilität und Führungsstärke verspricht der verletzte Joshua Kimmich. Auch Neuling Robin Koch hat das Zeug dazu, manch Lieblingsspieler von Löw wie Matthias Ginter nicht. Der DFB stellte sich am Mittwoch ganz eilig Löw. Um eine langfristige Chance auf Veränderungen zu bekommen, muss er aber seine Selbstherrlichkeit ablegen. Sätze wie dieser, dass er »im 15. Amtsjahr inzwischen über den Dingen« stehe, machen das Debakel von Sevilla zu einer persönlichen Demütigung - und liefern den Stoff für ein endgültiges Urteil.

Nations League - der letzte Spieltag

Gruppe A3

Kroatien - Portugal 2:3 (1:0)

Frankreich - Schweden 4:2 (2:1)

1. Frankreich 6 12:5 16

2. Portugal 6 12:4 13

3. Kroatien 6 9:16 3

4. Schweden 6 5:13 3

Gruppe A4

Spanien - Deutschland 6:0 (3:0)

Schweiz - Ukraine abgesagt

1. Spanien 6 13:3 11

2. Deutschland 6 10:13 9

3. Ukraine 5 5:10 6

4. Schweiz 5 6:8 3

Gruppe C1

Luxemburg - Aserbaidschan 0:0

Montenegro - Zypern 4:0 (3:0)

1. Montenegro 6 10:2 13

2. Luxemburg 6 7:5 10

3. Aserbaidschan 6 2:4 6

4. Zypern 6 2:10 4

Gruppe D1

Andorra - Lettland 0:5 (0:1)

Malta - Färöer 1:1 (0:0)

1. Färöer 6 9:5 12

2. Malta 6 8:6 9

3. Lettland 6 8:4 7

4. Andorra 6 1:11 2

Gruppe D2

Gibraltar - Liechtenstein 1:1 (1:1)

1. Gibraltar 4 3:1 8

2. Liechtenstein 4 3:2 5

3. San Marino 4 0:3 2

Modus

Die Gruppensieger der Ligen B, C und D steigen jeweils in die höhere Liga auf. Nach den ersten Partien des letzten Spieltags am Dienstagabend stehen Montenegro, die Färöer und Gibraltar als Aufsteiger fest.

Die Gruppenletzten der Ligen A und B, wie seit Dienstagabend Schweden, sowie zwei in Ausscheidungsspielen bestimmte Letzte der Liga C steigen ab.

Die vier Gruppensieger der Liga A spielen den Gesamtsieger im Oktober 2021 in einer Endrunde aus.

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