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Neuköllner müssen sich selbst helfen

Trotz Personalaufstockung scheinen die Behörden im Bezirk mit der Coronalage überfordert

  • Von Claudia Krieg
  • Lesedauer: 4 Min.
Menschen gehen zum U-Bahnhof Rathaus Neukölln.
Menschen gehen zum U-Bahnhof Rathaus Neukölln.

Verzweifelt sei sie nicht, aber genervt, erklärt Lilith Meyer am Telefon: »Ich sitze zu Hause, das Gesundheitsamt hilft mir nicht.« Die Medienpädagogin traf die Nachricht, dass sie sich in der Nähe einer positiv auf das Coronavirus getesteten Person befunden habe, überraschend. Sie sei seit acht Monaten vorsichtig, sagt die Neuköllnerin, die in einer kleinen Wohngemeinschaft lebt, habe komplett vom Homeoffice aus gearbeitet, sehr wenige Menschen in Innenräumen getroffen, auf Abstand und Hygiene geachtet. Nun ist es doch passiert, ausgerechnet in den zwei Wochen, die sie sich in diesem Coronajahr Urlaub genommen hatte. Auf mehr als das allgemein kursierende Wissen zu Virus und Ansteckung war sie bislang nicht angewiesen, aber nun hoffte sie, über das Gesundheitsamt an »substanzielle Informationen« zu kommen. »Ich habe mich sofort in Selbstquarantäne begeben und dann versucht, das Amt zu erreichen«, berichtet die 45-Jährige. Symptome hat sie keine.

In der Warteschleife der Bezirkshotline sind 50 Personen vor ihr, sie habe dann darauf verzichtet »alle drei Minuten« anzurufen, weil genau das ja das System überlaste. Sie informiert sich weiter im Internet, fragt bei anderen Betroffenen nach - allen ist unklar, ob sie als Kontaktpersonen ersten oder zweiten Grades gelten, ob man sich in der angespannten Situation testen lassen solle? »Ich hatte ein schlechtes Gewissen, einen Test zu machen, um mich aus der Quarantäne zu befreien«, sagt Meyer, andere bräuchten die Kapazitäten sicher mehr. Erreicht hat sie dann erst nach fast einer Woche jemanden. »Eine Hotline, die nur zu den gleichen Zeiten besetzt ist wie das Amt, das ist ein schlechter Witz«, sagt Meyer. Aber anstatt »konstruktive Vorschläge« zu machen, habe ihr die Mitarbeiterin am anderen Ende nur geraten: »Lesen Sie sich alles im Internet durch.« Für die Medienpädagogin keine große Hilfe. Dann habe sich die Dame darüber aufgeregt, wie eine solche Infektionssituation überhaupt entstehen könne. »Seit einer Woche hatte sich meine Wohngemeinschaft und mein Umfeld mit nichts anderem beschäftigt, und das bekomme ich vom Staat zu hören?« empört sich Lilith Meyer. Für sie stellt sich die Situation so dar: »Ich verzichte auf Lohnfortzahlung, lasse das überlastete System in Ruhe, zahle den Preis, weil ich vorher Glück hatte und warte ab.« Aber das sei ja nur möglich, weil sie auf Rücklagen zugreifen könne und ihr Arbeitgeber ihr nicht sofort kündige, wenn sie keine Quarantäne-Bescheinigung vorlegt.

Bezirk räumt Überlastung der Hotline ein

Laut Bezirksamtssprecher Christian Berg arbeiten im Pandemiestab derzeit 223 Personen, beinahe täglich kämen neue hinzu. Räumlichkeiten und Ausstattung für die Vielzahl der Mitarbeitenden werde parallel »hochgezogen«. In der Telefonhotline sind 15 Mitarbeitende immer im Einsatz. »Wir analysieren durchgängig die telefonische Nachfrage der Hotline. Es gibt in der Tat an manchen Tagen eine zeitweise Überlastung, während der dann nicht alle Anrufe sofort angenommen werden können. Wir arbeiten an einer Lösung«, erklärt Berg auf Nachfrage.

Die Überlastung des Gesundheitsamts ist für Antigoni Ntonti vom Bezirksvorstand der Linke Neukölln nur ein Versäumnis im Corona-Managements des Bezirks. Für sie müsste in der Behörde mehr Personal fest angestellt werden, statt Bundeswehrsoldaten einzusetzen. Auch anderweitig sei man »sehr enttäuscht« vom zuständigen Gesundheitsstadtrat Falko Liecke (CDU), sagt Ntonti zu »nd«. Dieser habe in ihren Augen »politisch versagt«.

»47 Prozent der Menschen im Bezirk sind Migrant*innen, und es fehlt nach wie vor an ausreichend Übersetzungsangeboten«, erklärt die Linke-Lokalpolitikerin. Liecke suche die Verantwortung für hohe Infektionszahlen im Bezirk immer bei anderen. Erst seien es rumänischstämmige Menschen gewesen, dann arabisch-türkische Personen, die sich auf großen Hochzeitsfeiern träfen, erklärt Ntonti. »Er sollte in dieser Zeit an der Seite der Menschen im Bezirk stehen«, findet sie.

Lehrer fühlen sich allein gelassen

Dazu käme die nach wie vor schlechte Situation in den Neuköllner Schulen und Kitas, es herrschten Überforderung und ein Mangel an tragfähigen Konzepten. Viele Lehrer*innen fühlten sich mit der Situation allein gelassen, kritisiert Ntonti. Während die Linke fordert, Kitas, Schulen und andere Bildungseinrichtungen mit modernen Lüftungs- und Luftfilterungsanlagen auszustatten, empfiehlt die Schulstadträtin Katrin Korte (SPD) eine allgemeine Maskenpflicht in allen Klassen während des gesamten Unterrichts.

Die Abfrage des Bedarfs an Luftfiltergeräten, für die der Bezirk 268 000 Euro vom Senat erhalten habe, laufe noch, heißt es vom Bezirksamt. Es erklärt, dass rund die Hälfte der 28 000 Schüler*innen im Bezirk Anspruch auf ein Endgerät für die Teilnahme am digitalen Unterricht habe. Bislang haben erst 1445 eines aus Spenden des Landeselternausschusses und von der Senatsbildungsverwaltung erhalten. Zur Zeit befinden sich laut Behörde rund 2500 Schüler*innen in Quarantäne, 23 Schulen wurden in die Stufe Orange des Corona-Stufenplans eingestuft. Die restlichen Schulen stehen auf Gelb.

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