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Ernst und Spaß

Plattenbau

  • Von Benjamin Moldenhauer
  • Lesedauer: 3 Min.

Deafheaven-Konzerte haben etwas arg Bezauberndes, insbesondere zu Beginn. Zwei Gitarren machen schönen Krach, eine Weltschmerz und Abgeklärtheit verströmende Fläche aus Noise. Derweil stiert Sänger George Clarke ins Publikum, als säße er seit acht Stunden im Flixbus, und das Klo ist kaputt. Sein stechender, konzentrierter Blick, nicht frei von Theatralik, kündet davon, dass etwas sehr Kathartisches kurz bevorsteht. Und so ist es ja auch: Schlagzeuger Daniel Tracy - sagenhaft flink und präzise - zählt ein, und alle rennen zusammen los, in Höchstgeschwindigkeit, unterbrochen immer wieder von elegisch ausgewalzten Passagen, die Melodie, Kitsch und Redundanz vereinen. Clarke kreischt und krächzt dazu wie ein Opernsänger, der gerade doll gewürgt wird.

Der Spektakelfaktor dieser Musik ist relativ hoch. Dabei ist das Konzept sehr einfach: Man bedient sich aus verschiedenen Strängen der Intensitätsmusik, die ursprünglich nichts miteinander zu tun hatten, Black Metal und Shoegaze-lastigem Postrock in diesem Fall, und packt das dann aufeinander. Und wenn einem ein abgestandenes Gitarrensolo in den Sinn kommt, packt man das einfach noch oben drauf.

Deafheaven wurden vor zehn Jahren in San Francisco gegründet. Sie waren nicht die ersten, die diese Crossover-Idee hatten, aber sie haben den Crossover besonders kommensurabel und glatt gestaltet. Bei dem heiligen Ernst, den diese Band auf der Bühne ausstrahlt, fällt erst beim zweiten oder dritten Hören auf, wie cheesy das eigentlich alles ist. Nimmt man die Musik aber nicht so ernst, wie die Band es offenbar tut, macht sie großen Spaß.

Die letzte Tour von Deafheaven musste pandemiebedingt abgesagt werden. Die Band hat nun ein Album mit dem Set, das eigentlich geplant war, eingespielt. Eine Best-of mit acht Stücken, quer durch die zehnjährige Bandgeschichte. Im engeren Sinne nötig wäre das nicht gewesen. Schön aber, wie offenherzig Deafheaven an diesem Punkt sind: »To rebound from the financial and morale hit, we put together an album of the set we intended to perform.«

Die Neuaufnahmen fügen den Songs nichts hinzu und sind zudem so perfekt gespielt, dass auch der Reiz des Rohen, Spontanen wegfällt, den Live-Alben manchmal dann ja doch haben. Publikum, das auratisch rumgrölen könnte, war bei den Aufnahmen auch nicht im Raum. Trotzdem ist »10 Years Gone« eine sehr hübsche Angelegenheit. Hört man zum Beispiel »From the Kettle Onto The Coil«, »Dream House« oder »Daedalus« (eins der schönsten Stücke und die erste 2011 erschienene Single) in angemessener Lautstärke, packt einen starker Drang, ein Loch in die Wand zu treten und dann vor lauter Lebensfreude schon ganz blöd und triumphierend aus dem Fenster zu hüpfen.

Die Musik peilt immer das gleiche an: ein mit Weltschmerz versetztes Maximum an Energie soll auf den Hörer überspringen, auf dass Euphorie sich im Körper der Hörer*in ausbreite. Das klappt auch hier wieder einmal sehr gut, und man vergisst dann auch gerne, dass die Musik von Deafheaven in den ersten zehn Jahren mit maximal vier Ideen ausgekommen ist.

https://deafheavens.bandcamp.com/album/10-years-gone

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