Sportökonom Holger Preuß von der Mainzer Gutenberg-Universität
Corona im Sport

Ein Koloss im Wanken

115,5 Milliarden Euro generierte der Sport bisher jährlich - es wird deutlich weniger

Von Andreas Müller

Millionen Sportreibende müssen gerade zum zweiten Mal in diesem Jahr wochenlang auf ihr Hobby verzichten und der neuerliche Lockdown dürfte mit dem Monatsende keineswegs erledigt sein. Mit Sorge schaut der Breitensport, schauen Kinder und Jugendliche und Hobbysportler auf den kommenden Mittwoch, wenn die große Politik auch für den kleinen Sport die Corona-Weiche für die nächsten Wochen und Monate stellt. Ein Dauer-Lockdown samt weiterhin geschlossener Sportstätten ist nicht auszuschließen.

Das wäre nicht nur eine Verlängerung der seelischen Grausamkeit für die rund 27 Millionen Vereinssportler in ihren bundesweit rund 90 000 Vereinen, die ihre lieb gewonnenen Trainingsstunden wieder reihenweise aus dem Kalender streichen müssen. Weit handfester als die psychischen und motorischen Folgen für die »Sporttreibenden außer Dienst« könnten die pandemiebedingten wirtschaftlichen Folgen für den Sportbetrieb als Ganzes sein. »Valide und präzisere Aussagen über die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie auf den deutschen Sport erhoffen wir uns erstmals im ersten Quartal nächsten Jahres, wenn die Ergebnisse einer Studie vorliegen, mit der wir im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft gerade begonnen haben«, sagt Holger Preuß von der Mainzer Gutenberg-Universität. Der renommierte Sportökonom stellt klar: Bei der avisierten Gesamtanalyse gehe es um weit mehr als um die Addition von »roten Zahlen« aus den Ligen in den einzelnen Sportarten und die Verluste von Vereinen und Verbände des organisierten Sports.

Fast 1,3 Millionen Menschen sind im Sportsektor beschäftigt

Preuß unterstreicht, dass es unzählige Korrelationen sind, die den Sportsektor als Ganzes ausmachen und die in ihrer Vielfalt zu betrachten sind. Welch einen Koloss der Sport unter gesamtwirtschaftlichen Gesichtspunkten darstellt, förderte erstmals eine große Erhebung vor sieben Jahren zutage. Im Ergebnis mehrerer aufeinander abgestimmter aufwendiger Einzelstudien entstand ein »Satellitenkonto«, das dem Sportsektor in Deutschland eine Wirtschaftskraft auf Augenhöhe mit der Automobilbranche attestierte. Die vom und mit dem Sport erzielten volkswirtschaftlichen Effekte seien - konservativ gerechnet - jährlich mit einem Volumen 115,5 Milliarden Euro zu veranschlagen, fanden die Forscher seinerzeit heraus. Nachfolgende Updates bestätigten diese enorme Bedeutung. Der Sport ist mit seiner Bruttowertschöpfung, Preuß zufolge, mit dem gesamten Personen- und Güterverkehr vergleichbar. Er rangierte in »normalen Zeiten« vor der Pandemie vor volkswirtschaftlichen Kalibern wie der Chemischen Industrie oder der Metallindustrie.

In der Sportwirtschaft waren 2016 fast 1,3 Millionen Menschen beschäftigt. Allein der sportbezogene Konsum bewegte sich bei über 80 Milliarden Euro jährlich, nicht zu vergessen den Umsatz von neun Milliarden beim »Passivsport« von Pay-TV-Abos bis zu Sportreisen. Von 100 Euro des privaten Konsums flossen knapp fünf Euro in Ausgaben für den Sport. »Dies illustriert seinen wirtschaftlichen Stellenwert und zeigt zugleich, dass es sich um ein äußerst heterogenes Gefüge handelt«, betont der Mainzer Professor. »Seine Bestandteile sind von der Corona-Pandemie nicht alle gleichzeitig und gleichmäßig, sondern sehr unterschiedlich betroffen.«

Wenn nun weniger oder gar keine Tickets mehr an Zuschauer in den Arenen verkauft werden dürfen, zu wie vielen zusätzlichen Abonnements wird das bei den Pay-TV-Sendern führen? Müssen Sportwettenanbieter wegen »Geisterspielen« um Wetteinsätze fürchten? Wenn bei privaten und organisierten Sportreisen totale Flaute herrscht, wie sehr schießt im Gegenzug der Umsatz bei Bekleidung und Schuhwerk zur sportlichen Betätigung vor der Haustür in die Höhe? Es sind unzählige solcher Korrelationen und Wechselwirkungen, die in der Gesamtbetrachtung hierzulande den Sportbetrieb und dessen wirtschaftliche Bedeutung ausmachen.

Es gibt sogar Gewinner der Pandemie. Wie den Golfsport. »Corona ist für uns die beste Marketingkampagne«, fasst Stefan Quirmbach, der Präsident der deutschen Niederlassung der »Professional Golfers Association (PGA), die Auswirkungen für seinen Sport zusammen. Für einen regelrechten Boom auf den bundesweit rund 700 Anlagen hätten zwei Faktoren gesorgt: Einmal führten eingeschränkte Reisemöglichkeiten dazu, dass bereits aktive Golfspieler, die ansonsten gern im Süden einputten, weitaus öfter als normalerweise auf Plätzen in heimischen Gefilden spielen. Hinzu kam der Drang von Menschen nach risikofreier sportlicher Betätigung an der frischen Luft, der dem Golfsport viele neue Anhänger bescherte. «Wenn im Internet um Mitternacht neue Startzeiten angeboten werden, dann sind die in wenigen Minuten komplett ausgebucht», freut sich Stefan Quirmbach. «Trotz allem ist das eine Momentaufnahme. Wir sind nicht naiv und schauen nicht ohne Angst voraus.»

Kleinere Sportvereine mit größerer Überlebenschance

Mit einer ersten Komplettbilanz für das Wirtschaftsgut Sport ist zwar erst im Frühjahr zu rechnen, aber Grundlegendes kann Holger Preuß schon jetzt prognostizieren: «Tendenziell scheint es so, dass normale Sportvereine mit mehreren hundert Mitgliedern und ehrenamtlicher Führung ohne größere Personalkosten am wenigsten Probleme haben und bekommen. Jedenfalls dann, wenn ihre Mitglieder zur Stange halten und Vereinsmitglied bleiben. Bewegt sich die Fluktuation in den üblichen Grenzen, ist die wirtschaftliche Basis dieser Vereine im Wesentlichen gesichert. Die typischen kleineren Sportvereine sind am wenigsten bedroht.»

Je kommerzieller der Sport, desto ungünstiger

Das größte Risiko für den Sportbetrieb in Zeiten der Pandemiehärten stellen Abhängigkeiten dar. Je abhängiger ein Verein, ein Verband, ein Team oder eine ganze Liga von Finanzquellen wie Sponsoren, Merchandising, Gastronomie, dem Verkauf von Tickets und Erlösen aus TV-Verträgen sei, desto größer sei das wirtschaftliche und existenzielle Risiko. «Je kommerzieller der Sport, desto ungünstiger die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen», so die Faustregel des Experten. «Wenn die Einnahmen aus dem Ligabetrieb schwinden oder komplett ausbleiben, dann führt dies zum Zusammenbruch der Profiligen und auch einiger uns lieb gewonnener Vereine.»

Selbst wesentliche Strukturelemente wie die Verbände sehen sich inzwischen bedroht. Zwei Drittel von ihnen fürchten, das nächste Jahr nicht zu überleben, besagt die jüngste der vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) in Auftrag gegebene «Corona-Analyse». Ein Untersuchungsergebnis, das den Sportökonomen nicht überrascht. «Die Verbände sind Non-Profit-Organisationen mit einem gemeinnützigen Charakter. Daher dürfen sie kaum Rücklagen bilden und können nicht ausschließlich von den Beiträgen ihrer Landesverbände und den Abgaben ihrer Einzelmitglieder existieren.» Entsprechend benötigten sie weitere Quellen, Einnahmen aus den Ligabetrieb oder von Meisterschaften zum Beispiel. Blieben Zuschauer und Aktionen aus, würden sich auch Sponsoren zurückziehen.

Dann könne es «selbst für Spitzenverbände wirtschaftlich eng» werden, weiß Holger Preuß, warnt aber vor Hysterie. Es werde nicht so schlimm kommen, dass Gebilde wie Fechter-, Radfahrer- oder Tischtennis-Bund oder andere Sportverbände auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Doch infolge der Finanznot müssten sie ihren Personalbestand deutlich einschränken und damit ihre Arbeitsfähigkeit. «Organisatorisch wäre das ein Zurück zu Verhältnissen, wie sie vor vielleicht 30 Jahren herrschten.»

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