Auf dem Friedhof wird es Herbst: Ein Ort der Ruhe, der auch Leben ausstrahlt.
Totensonntag

Es sah so schön aus

Blumen für die Mutter am Totensonntag.

Von Ingrid Heinisch

Am ersten November, an Allerheiligen, habe ich meiner Mutter Sonnenblumen aufs Grab gelegt. Das letzte Mal. Es war nicht leicht, zu dieser Jahreszeit noch Sonnenblumen zu finden. Meine Mutter ist vor einem halben Jahr mit 94 Jahren gestorben, sie war katholisch. Ich selbst bin nicht gläubig. Und ich hasse Grabgestecke. Aus gutem Grund.

Es war nicht der erste Tod in meiner Familie, den ich bewusst erlebt habe. Das war der meines Bruders, der mit siebzehn starb. Das ist fünfzig Jahre her und hat das Leben unserer Familie bestimmt. Keiner von uns hat seinen Tod wirklich verwunden. Er starb vier Tage vor unserem Umzug aus der pfälzischen Kleinstadt Kaiserslautern in einen Vorort von München: Gröbenzell. Kaum dort angekommen, mussten meine Eltern eine Grabstelle für ihren toten Sohn finden.

Viel Auswahl hatten sie nicht. Gröbenzell war ein Vorort, der in den letzten Jahren ungeheuer gewachsen war. So auch der Friedhof. Kaum ein Baum. Es war eine steinerne Wüste mit ein bisschen Grün zwischendrin. In Bayern sind die Grabsteine groß und protzig. Meine Eltern wählten einen dezenten grauen Stein mit schlichter Inschrift. Eine Tanne haben sie neben dem Grab gepflanzt. Die mussten wir nach fünfzehn Jahren entfernen, weil sie nach den Vorschriften des Friedhofs zu hoch und dazu breit gewachsen war.

Die Hitze der Grableuchten

Dass es anders sein kann, habe ich in Polen erlebt. An einem 1. November, als ich in mein damaliges Zuhause fuhr und vom Zug aus überall Lichter sah, deren Herkunft ich mir erst erklären konnte, als ich mit Freunden den Friedhof zu Hause besuchte. Sie hatten keine toten Angehörigen. Das war egal. Ihre Kinder lernten die Verbundenheit zu den Toten. Auf den scheinbar verwaisten Gräbern zündeten sie Grableuchten an. Es war schwierig, überhaupt eine freie Stelle zu finden. Es war ein kalter Novembertag. Aber die Grableuchten verströmten im Gegensatz zu den bei uns gebräuchlichen eine solche Hitze, dass wir in unseren schweren Winterjacken zu schwitzen begannen. Es war schön.

Fünfzig Jahre hat meine Mutter ihren Sohn überlebt. Die letzten drei Jahre vor ihrem Tod hat sie ihre Wohnung praktisch nicht mehr verlassen. Ich habe für alles gesorgt, was sie brauchte. Und natürlich war ihr Tod ein Thema zwischen uns. Sie hat ihn nicht gefürchtet. Das Grab meines Bruders und später auch meines Vaters hatte sie aufgelöst. Sie konnte sehr pragmatisch sein: » Ich komm dort sowieso nicht mehr hin«, meinte sie prosaisch schon vor zehn Jahren.

Wo also sollte sie begraben werden? Von einer Bekannten, mit der sie Rommé spielte, hatte sie den Flyer einer halb anonymen Begräbnisstätte in Brandenburg bekommen. Das erschien mir zu billig. Aber ich wollte mit ihrem Einverständnis tun, was für uns, für mich und meinen Sohn, richtig war. Am Ende war es für uns alle drei richtig. Welche Erleichterung war es für mich, einen Platz für meine Mutter zu finden, den wir gern besuchen würden. Ich hatte schon vorher von Friedwäldern gehört, aber dass das in meiner unmittelbaren Nähe möglich ist, das wusste ich nicht. Am Fürstenbrunner Weg in Charlottenburg habe ich diese Stelle für sie gefunden. Als mich ein Mitarbeiter des Friedhofs zum ersten Mal dort hingeführt hat und ich mir aussuchen durfte, wo ihre Urne begraben werden soll, blühte der Waldmeister. Der Duft war sozusagen ohrenbetäubend. So wie das Gezwitscher der Spatzen. Das Licht fiel zwischen den Bäumen auf den Waldboden und zeichnete unregelmäßige Muster.

Ein paar Wochen später war dann die Beerdigung. Alles dauerte damals seine Zeit wegen Corona. Nicht einmal die Friedhöfe funktionierten wie sonst. Aber egal. Mein Sohn war begeistert. Er ist Atheist, ich bin Agnostikerin. Aber wenn schon eine katholische Beerdigung, dann an einem Ort wie diesem, der für uns alle stimmte.

Ein elendiger Tod

Dies vor allem, weil wir beide vom Tod meiner Mutter verstört, wenn nicht sogar traumatisiert waren. Sie ist einen elendigen Tod gestorben, voller Schmerzen, die die Ärzte nicht in den Griff bekamen. Auch das hat etwas mit Corona zu tun.

Tagelang durfte ich sie nicht besuchen, nachdem sie ins Krankenhaus eingeliefert worden war. Von ihrer Operation wegen eines Darmverschlusses wurde ich erst einen Tag später informiert. Corona hatte offenbar alles außer Kraft gesetzt. Jede Patientenverfügung, jede Einfühlung. Jeden gesunden Menschenverstand. Erst zehn Tage später habe ich sie wiedergesehen. Und das war dem Pflegepersonal zu verdanken. Ich weiß nicht, wie die Ärzte den Begriff »schwer krank« definierten, den Zeitpunkt, ab dem man seine Angehörigen besuchen durfte. Die Schwestern - ich bitte um Verzeihung, es waren nur Schwestern - waren da klüger.

Als ich meine Mutter wiedersah, wollte sie nur noch sterben. Was ihr die Ärzte sehr übel genommen haben. »Sie macht nicht mit, sie will nicht mehr«, sagten sie. Selber dran schuld hätte ich gerade noch hinzufügen können. Was sie übersahen: Meine Mutter hatte innerhalb dieser neun oder zehn Tage alles vergessen, jede Orientierung verloren. Sie wusste nicht, warum sie in Berlin war, sie erinnerte sich nur noch an ihren Geburtsort Oppeln. Sie hatte sogar ihren Ehemann vergessen. Aber mich und meinen Sohn nicht - und vor allem nicht meinen so früh gestorbenen Bruder.

Nur für die Lebenden

Auf der Station, obwohl wegen Corona ziemlich leer und nicht ausgelastet, wollten die Ärzte meine Mutter nur noch loswerden. »Wir sind für die Lebenden, nicht für die Sterbenden da«, musste ich mir anhören. Und als ich bat, sie auf die Palliativstation zu verlegen: »Die ist für Menschen, die sterben müssen, nicht für welche, die sterben wollen.«

Es war wie ein Schlag ins Gesicht. So ein dummer junger Mann in seinem weißen Kittel, der sich anscheinend als Halbgott fühlte und nicht verstand, dass so einem alten Menschen einfach die Kraft ausgeht. Vor allem, wenn er allein ist.

Einen Tag später, ich hatte gerade alles organisiert, dass meine Mutter nach Hause kommen kann - das Krankenbett, den Pflegedienst, der mich mehr noch als zuvor unterstützen würde -, rief mich der Oberarzt an. Meine Mutter lag im Sterben. Sie hatte einen zweiten Darmverschluss, den sie zu operieren verweigerte. Was wie der Arzt zugab, auch nur geringe Erfolgsaussichten hatte. Egal, diese Entscheidung hat sie mir abgenommen.

Wir konnten uns von ihr verabschieden. Sie litt große Schmerzen. Meinen Sohn habe ich dann nach Hause zu seiner Frau geschickt. Es war schon viel verlangt, dass sie uns beide für eine kurze Zeit gemeinsam an ihrem Bett duldeten. Ich durfte bleiben. Acht Stunden war ich bei ihr. Ich habe für sie gebetet, gesungen, ihre Füße massiert, sie gestreichelt, ihre Hand gehalten. Ihre Lippen befeuchtet. Und ihr immer wieder erzählt, dass mein Bruder auf sie wartet.

Sie hatte so unsägliche Schmerzen, dass ich versucht war, ihr ein Kissen aufs Gesicht zu drücken und sie zu ersticken. Sie hätte es gewollt, aber natürlich fehlte mir der Mut.

Es gab einen Moment, da ihre Glieder am ganzen Körper vor Schmerzen zuckten. Sie zappelte, um den Schmerz loszuwerden. Schreien konnte sie nicht mehr. Die nächste, noch höhere Morphiumdosis wirkte endlich. Wenig später ist sie gestorben.

In dieser Nacht haben wir, wenn auch getrennt, gemeinsam geweint. Mein Sohn, seine Frau und ich.

Die letzte Ölung

Die Bilder ihres wirklich elendigen Sterbens kann ich nicht vergessen. Umso tröstlicher war es für uns alle, sie an diesem Ort begraben zu dürfen, der so viel Friede und Ruhe, aber auch Leben ausstrahlt. Ich habe meine Mutter, obwohl ich schon lange aus der Kirche ausgetreten bin, katholisch beerdigt.

Gleich nachdem ich sie im Krankenhaus wiedergesehen hatte, so vollkommen schmal und trostlos, habe ich veranlasst, dass sie die letzte Ölung, heute nennt man es Krankensalbung, erhält. Es hat sie sehr getröstet und beruhigt. Befand sie sich jetzt doch im Zustand der Gnade. Damit war ihr das Paradies gewiss und das Wiedersehen mit meinem Bruder Hubert.

Daran glaube ich nicht. Aber um uns ging es ja nicht. Dennoch habe ich alles dafür getan, dass diese Beerdigung auch für uns gut sein würde. Und es war schön. Mit dem Pfarrer habe ich lange über meine Mutter geredet. Das Bild, das er von ihr zeichnete, passte. Er nahm auf uns, die Ungläubigen, Rücksicht. Wir sind zu Fuß an der Spree nach Hause gegangen. Wir haben gemeinsam gegessen, viel getrunken, uns meiner Mutter erinnert und viel gelacht. Zum ersten Mal habe ich die Tradition des Leichenschmauses verstanden.

Viel Zeit ist seit damals vergangen. Die Wohnung meiner Mutter, diese wunderschöne Wohnung, ist aufgelöst. Die Weltuhr steht jetzt bei meinem Sohn. Die Schreibtischlampe meines Vaters bei mir. Das Geschirr haben wir geteilt. Früher fanden wir es altmodisch. Heute tröstet es uns.

Vor ein paar Wochen war der 95. Geburtstag meiner Mutter. Es war ein sonniger warmer Oktobertag. Mein Sohn hat eine leuchtende rote Erika gepflanzt und Blumenzwiebeln rund um den Stein gesetzt. Seine Frau hat Rotkleesamen verstreut. Und ich habe drei Sonnenblumen hingelegt, die im Licht leuchteten.

Es sah so schön aus. So gar nicht, wie man es von einem Grab erwartet. Es hat nicht nur mich getröstet. Ich habe das Bild an ihre Schwester, aber auch an meine besten Freunde geschickt. Auf meinem Smartphone habe ich zufällig ein paar Videos von ihr gefunden. Sie sind drei bis vier Jahre alt. Damals war sie noch nicht so hinfällig. Welche Freude. Sie haben uns geholfen, die letzten schlimmen Bilder zu überdecken.

Allerheiligen bedeutet mir nichts, ebenso wenig wie der Totensonntag. Aber der Blumenladen um die Ecke hatte für mich Sonnenblumen besorgt. Welch ein Glück!

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