Das Handauflegen ist nicht mehr modern, doch wird medizinische Autorität noch immer mit Männern verbunden.
Gender in der Medizin

Reich der weißen Götter

Die Medizin ist bis heute von männlichem Denken beherrscht.

Von Nina Schmulius

Es ist Nacht auf der Intensivstation in einem süddeutschen Krankenhaus. Medizinstudentin Anna L.* bereitet sich darauf vor, einer komatösen Patientin Blut abzunehmen. Sie muss sich konzentrieren, es ist ihre erste Nachtschicht, die Station nur mit zwei Pfleger*innen besetzt. Als Anna die Kanüle ansetzt, spürt die 20-Jährige plötzlich einen warmen Atem an ihrer Wange. Ein männlicher Körper drückt sich von hinten an sie, jemand raunt ihr ins Ohr: »Na, brauchst du Hilfe?« Anna erstarrt vor Schreck, drückt den Körper von sich weg, zieht mechanisch die Kanüle aus der Haut, und rennt aus dem Raum. Den Rest der Nachtschicht versteckt sich Anna am anderen Ende der Station. Sie hat Angst vor der Konfrontation mit dem Pfleger, der sie gerade sexuell belästigt hat: Er gilt als zuverlässig, ist äußerst beliebt bei seinen Kolleg*innen, um die Ende 30, verheiratet, zwei Kinder.

Dabei ist es nicht die erste Erfahrung, die Anna L. mit Sexismus im beruflichen Umfeld macht. Sie hat gelernt, sich zu wehren: Seit ihrem ersten Studientag wird die angehende Chirurgin mit spitzen Bemerkungen wie »Den Frauen gehört die Zukunft der Chirurgie, weil sie so kleine Hände haben« oder »Wollen Sie denn nicht Mutter werden« in Vorlesungen und Seminaren überhäuft. Auch in ihrem Nebenjob als OP-Assistentin an einer Universitätsklinik läuft es nicht besser. Als hier ein Oberarzt durch permanente sexuelle Verbalattacken auffällt, zeigt ihn Anna gemeinsam mit anderen Betroffenen bei der Personalabteilung an. Die Konsequenzen fallen jedoch anders aus als gedacht: Es dauert nicht lange, da steigt der Beschuldigte zum Chefarzt in einer anderen Klinik auf. Trotz Eintrag in der Personalakte.

Bemerkungen, Belästigungen

Geschichten wie diese kennt Sabina Schwachenwalde vom Zusammenschluss Feministische Medizinerinnen* viele. Und das nicht nur aus dem Fachbereich Chirurgie, der bis heute aufgrund der hohen körperlichen und mentalen Belastung als Männerdomäne gilt. Je öfter Frauen über ihre Erfahrungen im Berufsalltag sprächen, desto mehr Geschichten kämen zutage, weiß Schwachenwalde. »Die Schulmedizin in Deutschland ist männlich geprägt. Nur 13 Prozent Frauen besetzen Spitzenpositionen. Studien, Daten, Therapien und Medikamente - das gesamte medizinische Wissen und die Patient*innenversorgung beruht auf Erkenntnissen zum männlichen Körper und ist auf Männergesundheit ausgerichtet«, sagt die 29-Jährige, die an der Berliner Charité promoviert.

Männliche Tradition bestimme auch den Sprachgebrauch: »Wir sprechen vom Arztberuf, unsere Berufsverbände heißen «Ärztekammer», unser offizielles Organ heißt «Deutsches Ärzteblatt». Sexismus beginnt mit der Sprache, die patriarchale Muster und Hierarchien manifestiert. Das ist fatal für die Medizin, da sie stark durch männliche Hierarchien geprägt ist.«

Wann immer Diskussionen aufkämen, ob die Patient*innenversorgung oder die Qualität der medizinischen Forschung durch Mangel an Nachwuchs gefährdet sei - das Problem sei die »Feminisierung der Medizin«: Es gebe zu viele Medizinstudentinnen, die aufgrund von Familienplanung und Mutterschaft nach dem Studium ausfielen oder nur Teilzeit arbeiteten und es nicht in Führungspositionen schafften. Das sorge für Ärzt*innenmangel und bedrohe die Forschung. »Dabei wird übersehen, dass die jüngere Generation insgesamt andere Arbeitszeitmodelle fordert. Auch Männer wollen Teilzeit nehmen. Aber anstatt Parameter und Ursachen zu erforschen oder zu debattieren, wie wir Medizinern und Medizinerinnen Karriere und Familie ermöglichen, hört man in den Führungsetagen immer wieder einen männlichen Tenor: Als es mehr Männer im Studium gab, war alles besser - wir brauchen die Männerquote für die Zulassung zum Studium.«

Schimäre »Feminisierung«

Die Forderung nach einer Zulassungsbeschränkung für Frauen in der Medizin ist so alt ist wie die Zulassung von Frauen zum Studium selbst, also knapp 120 Jahre - so ein Beitrag im Deutschen Ärzteblatt aus dem Jahr 2011. Weiterhin warnt der Artikel, dass Einschätzungen wie eine drohende Feminisierung der Medizin auch die öffentliche Berichterstattung und Wahrnehmung von Frauen in der Medizin beeinflusse. Ein Umstand, von dem männliche Mediziner in Führungspositionen, Politiker*innen von der CDU oder AfD und von Clickbait-Journalist*innen anscheinend immer wieder profitieren, wenn sie öffentlich nach der Männerquote rufen.

Dass auch Frauen darunter sind, erklärt sich Dr. med. Christiane Groß, Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes (DÄB) so: »Es sind Frauen, die männliches Denken antizipiert haben. Wenn Sie als einzige Frau unter vielen Männern immer wieder die gleiche Argumentation zur Männerquote hören, glauben Sie am Ende selbst daran.« Für Groß mangelt es in Politik und Gremien an weiblicher Sichtweise, jungen Studentinnen fehlten sichtbare Role Models. Dafür macht sie auch die Unsensibilität der Medien verantwortlich. In vielen Talkshows säße beispielsweise nur eine Quotenfrau neben vielen anderen Männern. Auch Covid-19 wird überwiegend von männlichen Fachleuten erklärt. Für die Medizin fordert sie: »Wir brauchen eine Parität der Geschlechter und zwar vor allem in den Führungspositionen.«

Bislang verhallt der Ruf nach dieser Männerquote allerdings im Nirwana. Weder die maßgebliche Politik noch die größeren Fachmedien - von »Ärztezeitung« bis »Zahnmedizin online« - greifen sie bejahend auf. Das Gesundheitssystem hat andere Probleme als den Anteil weiblicher Studierender: die fortschreitende Ökonomisierung des Ärzt*innenberufs zum Beispiel oder familienfreundliche Arbeitszeiten. »Oder die Fehlerkultur«, ergänzt Mattis Manke, Bundeskoordinator für medizinische Ausbildung in der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd). »Die starren Hierarchien verhindern es, Fehler anzusprechen und aus ihnen zu lernen.« Manke zieht einen Vergleich zwischen dem Reich der sprichwörtlichen »Götter in Weiß« und dem Berufsbild der Pilot*innen: Diese würden »für das Melden von Fehlern bezahlt. Wir nicht. Das ist falsch.«

Männliche Türwächter

Die strengen Hierarchien hinderten auch daran, sich über sexistische Belästigung zu beschweren. Dazu käme: »Studentinnen werden auch in Forschung und Lehre durch männliche Gatekeeper unbewusst benachteiligt: Schlüsselpositionen in Wissenschaftsredaktionen sind hauptsächlich von Männern besetzt, die wiederum Männer fördern.« Seine Kollegin Cecilie Helling ergänzt: »Alltagssexismus und stereotype Rollenverteilungen sind in Deutschland in jeder Branche ein Karrierehindernis. In der Medizin fangen wir gerade erst an, Spezifika für unsere Berufsgruppe zu sehen. Dazu zählen auch die Patient*innen, die sich sexistisch verhalten, wenn sie Medizinstudentinnen mit «Schwester» und den Pflegepraktikanten mit «Herr Doktor» ansprechen.«

Wie Chancengleichheit gelingen kann, hat der bvmd - der sich bereits 2017 vorsorglich gegen jene Männerquote ausgesprochen hat - in einem Positionspapier erarbeitet. Dabei fiel auf, dass das Thema in der Medizin noch nicht verlässlich genug erforscht ist, es mangelt an Zahlen und Studien. Um Chancengleichheit zu erreichen, fordert der bvmd die Einführung eines Kaskadenmodells: Der Anteil an Frauen einer jeden Karrierestufe soll sich durch den Anteil der Frauen auf der direkt darunter liegenden Qualifizierungsstufe ergeben.

Es wird dauern, bis etwas derartiges umgesetzt ist. Anna L. und ihrer Generation wird das alles nicht mehr viel helfen. Und auch wenn L. inzwischen eine Promotionsstelle gefunden hat, in der ihre Kompetenzen wertgeschätzt werden, hat sie den Traumjob Chirurgin inzwischen an den Nagel gehängt: »Als mir klar wurde, dass mein Geschlecht immer die größere Rolle spielen wird, egal wie gut oder schlecht ich meinen Job mache, habe ich aufgegeben.«

* Die Quelle wurde anonymisiert

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