Im Karst Dionysien und Partisanen

Giorgos Seferis und die neugriechische Dichtung wiedergelesen

Von Mario Pschera

«Es genügt nicht, dass sich die Literatur nur mit der Literatur beschäftigt. Eine mündige Literatur interessiert sich für alle Bereiche des Lebens, und die, die sich abkapselt, wird verwelken. Man wird vielleicht glauben, dass ich über einen nutzlosen Luxus rede, wie die Anhänger des oberflächlichen Ernstes die Kunst des Wortes nennen. Das Leben wäre schön, wenn sich das so verhielte. Aber der menschliche Ausdruck ist keine Ansammlung von Geräuschen, sondern verrät die psychische Befindlichkeit des Individuums. Und wenn er Leichtsinn, Inkonsequenz oder Unvernunft offenbart, dann bedeutet das, dass Leichtsinn, Inkonsequenz und Unvernunft irgendwo tief in uns selbst verborgen sind … Und das alles könnte ich mit dem Wort Tradition bezeichnen, dem wir oft ablehnend gegenüberstehen und das uns mit Schuld behaftet zu sein scheint. Es gibt wirklich Auffassungen, die besagen, die Tradition entrücke uns zu den Werken und Schöpfern der Vergangenheit; dass sie eine abgetane und nutzlose Sache sei und dem modernen technokratischen Menschen, der furchtbare Kriege und noch furchtbarere Konzentrationslager erleiden musste, keinerlei Hilfe bedeutet; diesem Menschen, der zwischen dem Zustand eines Raubtiers und eines Helden hin und her schwankt. Die Tradition sei also nutzloser Ballast, von dem man sich befreien müsse. Ich denke, diese Ansichten entspringen dem augenblicklichen Zweifel am Wert des Menschen. Das sind Symptome einer Panik, die, im Namen des Menschen, die Seele des Menschen zerstückeln will. Aber was bleibt, wenn wir den Menschen abschaffen?»

Als Giorgos Seferis dies in «Die Sprache in unserer Dichtung» anmerkte, hatte er das Exil der Weltkriegszeit schon hinter sich und war in seine Heimat zurückgekehrt. Der 1900 in der Nähe von Izmir geborene Seferis siedelte 1914 nach Athen über, studierte in Paris Rechtswissenschaft und trat 1926 in den diplomatischen Dienst ein. Mit 31 Jahren veröffentlichte er seinen ersten Gedichtband, mit 63 Jahren erhielt er den Literaturnobelpreis. Vielleicht war dies eine Geste gegenüber den «kleinen Sprachen», gegenüber einem Land, dessen übermächtige Vergangenheit zur Phantasmagorie einer konstruierten abendländischen Zivilisation wurde, dessen Bewohner indes allenfalls als illiterate halbasiatische Ziegenhirten belächelt wurden. Nach dem Unabhängigkeitskrieg und der Gründung des griechischen Staates setzten die Großmächte 1832 den Wittelsbacher Prinzen Otto von Bayern als König ein, der mit Soldaten und großem Gefolge in Athen einzog und wenig glücklich regierte - zu groß war das Selbstbewusstsein der Freiheitskämpfer. Bis zur Auflösung der innigen Verbindung zu Bayern 1885 mussten sich die Griechen mit knapp zwei Millionen Gulden bei «ihrem» Herrscherhaus verschulden. Otto I. wurde nach einem Aufstand 1862 durch einen Norddeutschen ersetzt. Nach dem ersten Weltkrieg gehörte Griechenland zu den Siegermächten, das Scheitern des Kleinasienfeldzugs und der erzwungene Bevölkerungstausch mit der Türkei brannte sich tief als ein Traumata bei Pontusgriechen wie Hellas-Türken ein. In der Zwischenzeit bekämpften sich Monarchisten und Republikaner, die Regierungen wechselten wie die Jahreszeiten. Als Mussolini ein Auge auf das neutrale Griechenland warf und am erfolgreichen Widerstand scheiterte, besetzte die deutsche Wehrmacht das Land. Die Griechen mussten die Besatzung bezahlen, zu Niedrigstpreisen ins Reich exportieren und Zwangsarbeit leisten. Bis 1944 konnte die Partisanenbewegung den Großteil des Landes befreien, die Deutschen hinterließen verbrannte Erde. Reparationen wurden bis zum heutigen Tag nicht geleistet.

Man muss diese Geschichte erinnern, vor deren Hintergrund die neugriechischen Dichtung entstand. Konstantinos Kavafis, geboren 1863, erschrieb sich noch ein Hellenentum, Selbstbehauptung in dem Bewusstsein, kein Grieche - im eng nationalstaatlichen Korsett - zu sein. Giorgos Seferis formuliert das so: «Er entstammt einer geistigen Hauptstadt, einer fast versunkenen, aber großen … einer Hauptstadt eines Reiches voller Gräber, jedoch eines unermesslichen Reiches … Das Hellenentum reichte tatsächlich über das Netz baktrischer Siedlungen über Anatolien bis nach Afghanistan und Nordindien, ließ sich weder ethnisch noch kulturell eingrenzen. So wie auch die antiken Hellenen alles waren, nur nicht eine Gruppe in völkischer Definition. Hellenentum bezeichnete eher eine Haltung, das Aufheben einer jahrtausendealten Tradition respektive heterogener Traditionen.

Kavafis, der 1933 an einer Krebserkrankung starb, rang mit seiner Identität als Einzelner, als schwuler Mann zudem in einer Zeit, in der solches Fühlen nur in sublimierter Form geduldet war. Für Giorgos Seferis und den elf Jahre jüngeren Odysseas Elytis war die Beschränkung auf das eigene, lyrisch gebrochene Ich keine Option. Seferis geht an wechselnden Orten ins Exil und kehrt erst 1944 nach Griechenland zurück. Dort erlebt er im Dezember die Schlacht um Athen, den Kampf von Regierungs- und britischen Truppen gegen die kommunistisch geprägte Widerstandsbewegung EAM, als einen Vorgeschmack auf den Kalten Krieg. Politisch wurde seine Dichtung bereits vorher, »der Krieg frisst sich in Kopf, Herz, Physis«, distanzierte, diplomatische Betrachtung war ihm nicht mehr möglich. Die Dichtung verbindet ihn mit jenen, die kämpfen und sterben. Nach dem Krieg ist er weiter als Diplomat tätig, geht nach Ankara und Beirut, ist in Syrien, Irak und Jordanien akkreditiert und entdeckt das Hellenentum außerhalb des bornierten griechischen Regimes. Und das Wirken der neuen Kolonialmächte in diesen Ländern, die die alten ablösen. Die Zerrissenheit, das antike Göttergemetzel findet seine Fortsetzung in der Neuzeit; und die Dichtung Seferis’ kann und muss aus dem Vollen schöpfen. Dem europäischen Bildungsbürger hält er mittels des olympischen Inventars die griechische Tragödie vor Augen, wohl wissend, dass sich die Herrscher des Abendlandes nicht um die hellenischen Katzen, die gegen Schlangen kämpften, scheren würden: »… wie ein versunkenes Schiff/ hinterließen sie keine Spur auf dem Schaum / weder Glockengeläut noch Miauen. / Kurs halten! / Nichts zu machen, die armen Katzen, / Gemetzel Tag und Nacht / und das geschluckte Gift vom Natternblut. / Jahrhundertelang Gift, Generationen von Gift. / Kurs halten! wiederholte der Steuermann ungerührt.« Soll man sich an Seferis wagen? Unbedingt. Der Band ist mit einem ausführlichen Glossar versehen, das manche Zeilen entschlüsseln hilft, sowie einem informativen Nachwort. Und die Lektüre Seferis’ lässt einen auch andere, von Müller bis Hacks, noch einmal anders lesen.

Und weil die Gelegenheit hier schon einmal ist: natürlich muss »To Axion Esti« von Odysseas Elytis in Zusammenhang mit Seferis empfohlen werden; nach meinem Leseverständnis gehört beider Lektüre zusammen. Odysseas, der Partisanendichter, wurde vor allem durch die Vertonung des »Gepriesen sei« durch Mikis Theodorakis bekannt. Doch hatte dieser aufgrund der Länge des Hymnus nur Teile davon ausgewählt, was ihm nicht angelastet werden soll. Die musikalische Umsetzung im Ohr, wird man seine Freude an der vollständigen Fassung haben, an der Musikalität des Textes, die sich auch in der Übersetzung wiederspiegelt. Polyphonie und der Wechsel zwischen Erzähler-, Solo- und Chorstimme funktionieren auch im geschriebenen Wort. Und wenn man das Oratorium in der griechischen Fassung von Giorgos Dalaris dazu hört - ohne das Verdienst der Dresdner Einspielung von 1982 schmälern zu wollen - , das Erdige, Tonhöhenwechselnde, Rembetikogeschulte im Liturgischen, bekommt man vielleicht eine Ahnung von diesem Hellenentum, diesem Fortleben einer jahrtausendealten Tradition, als die hellenische Menschheit keine Grenzen kannte und trotz allen Göttergemetzels das Menschenleben und die wieder und wieder auferstehenden Götter feierte.

.........

Die Sonne da hat mir und dir gehört: wir teilten sie uns
wer leidet hinter der goldenen Seide, wer stirbt?

Schreiend schlug eine Frau sich an die dürre Brust: »Ihr feiges Pack,
die Kinder hat man mir genommen, sie zerfleischt, ihr habt sie umgebracht
mit eurem sonderlichem Mienenspiel nachts Glühwürmchen im Blick
verloren blindlings in Gedankengängen.«

Blut wurde trocken auf der Hand, ein Baum ließ sie ergrünen
ein Krieger schlief, den Speer an sich gedrückt, der seitlich auf ihn Licht warf.

Uns hat die Sonne gehört, hinter der Goldstickerei nichts zu sehen
später kamen die Boten, keuchend, verdreckt
gaben stammelnd Wirres von sich
zwanzig Tage und Nächte über Steppe, nichts als nur Dornen
zwanzig Tage und Nächte spürten sie blutende Pferdebäuche
nicht eine einzige Rast, um Regenwasser zu schlürfen.

Du wiesest an, erst auszuruhen und dann zu reden, geblendet hatte dich das Licht.

Sie starben mit den Worten: »Uns bleibt keine Zeit« und griffen noch nach ein paar Strahlen;
du hattest ganz vergessen, dass niemand sich mehr ausruht.

Eine Frau heulte auf: »Ihr feiges Pack!« wie nachts ein Hund
sie war bestimmt mal schön, wie du
mit feuchtem Mund, zuckenden Adern unter der Haut,
zur Liebe bereit.

Die Sonne da hat uns gehört; du behieltest sie ganz, wolltest mir nicht folgen
und dann erfuhr ich von diesen Dingen hinter dem Gold und der Seide;
uns bleibt keine Zeit. Es stimmte, was die Boten sagten.

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