Deshalb gibt es mich

Zwischen Bomben und Nagelstudios: Gedichte von Ocean Vuong. Von Nina Schaefer

Von Nina Schaefer

Asiatischen Menschen wird oft nachgesagt »klein, ruhig und feminin« zu sein, erzählt Ocean Vuong. In Amerika, wo er aufgewachsen ist, gelten diese Eigenschaften als schwach. Was passiert, wenn er, eine »asiatisch-amerikanische Figur«, aufhören würde, es Anderen recht zu machen - und sich um selbst kümmert?

Er wird hierzulande bekannter. 2019 erschien sein Roman »Auf Erden sind wir kurz grandios« auf Deutsch und bekam sehr gute Kritiken. Er wurde in 23 Sprachen übersetzt, nur nicht in Vietnam, wo Vuong geboren wurde. Seit diesem Buch gilt er als literarisches Wunderkind. Dieses Jahr wurde in Deutschland sein Lyrikband »Nachthimmel mit Austrittswunden« nachgeschoben. In den USA erschien er vor vier Jahren. Darin erzählt Vuong (s)eine Geschichte in Gedichten. Es ist eine Identitätssuche in Dauerschleife.

Vuong schreibt mit einer Direktheit, die nicht richtig greifbar ist. Als wolle er einem die Gedichte vor die Füße spucken. Er nimmt uns hinein in sein ebenso verletzliches wie starkes Selbst. Man versteht auf Anhieb um die Emotionalität der Themen, die Vuong manchmal fast zu pathetisch abarbeitet. Es geht um Krieg, Liebe, Sexualität, Sehnsüchte. Um Familie, Einsamkeit, die Gleichzeitigkeit von Zerstörung und Entstehung. Und um seine Vorfahren, denn wir befinden uns im Bombenhagel des Vietnamkriegs, wenn er schreibt: »Ein amerikanischer Soldat fickte ein vietnamesisches Bauernmädchen./ Deshalb gibt es meine Mutter./ Deshalb gibt es mich. Deshalb keine Bomben = keine Familie/ = kein Ich.« Vuong wurde 1988 in Ho-Chi-Minh-Stadt geboren und wuchs die ersten zwei Lebensjahre auf einer Reisfarm auf.

1990 floh seine Familie mit ihm über die Philippinen in die USA. Hier lebte er mit seiner Mutter und weiteren Verwandten zu siebt in einer Ein-Zimmer-Wohnung in Hartford, Connecticut. Sie gab ihrem Sohn, der früher anders hieß, den neuen Namen Ocean, »Weil wir, wie der Pazifische Ozean, weder in den Vereinigten Staaten noch in Vietnam zuhause sind«, das habe ihm seine Mutter gesagt.

Gleichzeitig war der neue Name ein Abwenden vom Vater, denn dieser schlug Vuongs Mutter und verließ die Familie. Und so geht es in den Gedichten auch um Männlichkeitsstereotype, der abwesender Vater kommt auffällig oft vor: »Wie jeder gute Sohn ziehe ich meinen Vater aus/ dem Wasser, schleife ihn an den Haaren/ durch weißen Sand, seine Knöchel graben eine Spur/ die Wellen blindlings auslöschen.«.

Die Mutter wiederum schlug Vuong. Weil sie nicht wusste, wie sie ihn anders beschützen könne, sagt er, und schreibt: »Zärtlichkeit / etwas, zu dem man geprügelt / wird.« Sie arbeitete sechs Tage die Woche in einem Nagelstudio. Auch, um ihrem Sohn ein Studium zu ermöglichen. Mittlerweile ist er Juniorprofessor für Lyrik an der Universität von Amherst. Seine Mutter ist stolz, und taucht auf seinen Lesungen auf, auch wenn sie seine Bücher nicht lesen kann, da sie kein Englisch spricht. Sein Roman »Auf Erden sind wir kurz grandios« ist ein Brief an seine Mutter, die ihn nicht versteht. »Ich erzähle meiner Mutter, worüber ich schreibe, aber es ist ein bisschen so, als würde ich ihr vom Mars erzählen.«

Vuong schreibt autofiktional. In seinen Gedichten tauchen dieselben Protagonist*innen wie in seinem Roman auf. Er sei ein Lyriker, der ungefähr bei der Wahrheit anfangen wolle und mit Kunst enden, beschreibt Vuong sein Schaffen. »Eines Tages werde ich Ocean Vuong lieben« heißt ein Gedicht von ihm. Darin schreibt er: »Einsamkeit ist immer noch Zeit, / die man mit der Welt verbringt.«

Es geht auch um das Öffnen hermetisch verschlossener Wunden. Er war ein stilles Kind mit strenger Erziehung. Ein Jugendlicher auf der Suche nach seiner Sexualität, weil niemand über das Schwulsein sprach und Queersein im Verborgenen gelehrt wurde. Jetzt bringt er seine Körperlichkeit zur Sprache, zärtlich und schonungslos.

Es ist gut, dass das Buch zweisprachig erschienen ist, weil die Übersetzung ins Deutsche von Anne-Kristin Mittag zwar tragfähig ist, aber nicht immer mit den englischen Wortspielen und -klängen mithalten kann. Empfehlenswert ist, erst den Roman zu lesen, dann die Gedichte. Von einem Schriftsteller, der uns über seine Lyrik zeigt, dass er sich von einer bestimmten Vorstellung des Seins abgewendet hat. Und uns einlädt, mitzusuchen, ohne Erklärungen zu erwarten.

Telemach

Wie jeder gute Sohn ziehe ich meinen Vater aus
dem Wasser, schleife ihn an den Haaren
durch weißen Sand, seine Knöchel graben eine Spur
die Wellen blindlings auslöschen. Weil die Stadt
jenseits der Küste nicht mehr da ist
wo wir sie zurückließen. Weil die zerbombte
Kathedrale nun eine Kathedrale
von Bäumen ist. Ich knie bei ihm, zu sehen, wie tief
ich sinken mag. Erkennst du mich,
Ba? Doch die Antwort bleibt aus. Die Antwort
ist das Einschussloch in seinem Rücken, das überfließt
von Meerwasser. Er ist so still, er könnte
jedermanns Vater sein, angeschwemmt
wie irgendeine grüne Flasche
zu Füßen eines Jungen, das Jahr darin
von ihm niemals berührt. Ich berühre
seine Ohren. Vergeblich. Ich drehe ihn
um. Sie anzublicken. Die Kathedrale
in seinen meerschwarzen Augen. Das Gesicht
nicht meines - doch eins, das ich tragen werde
wenn ich all meine Geliebten zur Nacht küsse:
so auch versiegele ich meines Vaters Lippen
mit meinen eigenen & mache mich
an die getreue Arbeit des Ertrinkens.

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