Ich bin die Faust!

Angélica Freitas dekliniert die Frau

Von Mario Pschera

Breitbeinig und großmäulig kommen in »Der Uterus ist groß wie eine Faust« die Zeilen der 1973 im brasilianischen Süden geborenen Angélica Freitas daher, lassen sich krachend auf das eingeschüchterte Sofa fallen und fangen dröhnend zu lachen an. Aber olala! Wieso sollen nur Männer Rasierklingen unter den Achseln und fette Wummen tragen dürfen. Der Gauchismo hat sich über die Jahrhunderte austoben dürfen - lasst uns mal über das starke Geschlecht reden.

Und dann, folgt man allein den Überschriften, reiht sich ein Klischee ans andere: eine saubere Frau/ eine gute Frau / eine sehr hässliche Frau / eine nüchterne Frau / eine dicke Frau / eine wahnsinnig hübsche Frau / eine Frau putzt wahnsinnig gern ihre Zähne etc. pp. Freitas dekliniert den Kanon herunter, wie eine Frau zu sein habe, wie sie sein könnte und wie sie ist - genauer, wie sie die männliche Grammatik formt. »Woman is the nigger of the world« sangen John Lennon und Yoko Ono 1972, und Freitas dreht den Spin noch eins weiter: »eine nüchterne Frau / ist eine saubere Frau / eine betrunkene Frau / ist eine dreckige Frau // von allen Tieren der Welt / mit Krallen oder ohne / ist die betrunkene dreckige Frau / am besten verwertbar // die Ohren das Maul / der Bauch die Knie / ja bis hin zum Ringelschwänzchen / dem kleinen Finger den Knöcheln«. Das ist so romantisch wie eine Liebe und viele Tode bei Quentin Tarantino, da kommt kein Gedanke an Schminke und Kunstblut auf, das schaut sehr, sehr echt und deprimierend aus. Aber - da ist das dröhnende Lachen, ein böser Sarkasmus, und der ist folgerichtig, der Diktatur der Deklination entkommt man nicht.

»ich hol nur kurz Zigaretten‹/ sagte die bärtige Frau/ ›du gehst jetzt nirgendwo hin‹ / sagte Amelia ›setz deinen behaarten/ Hintern aufs Sofa / wir müssen reden.‹ / die bärtige Frau schnaubte / gehorchte jedoch der Gefährtin // Amelia erzählte von ihrer Kindheit / in Dortmund / und dass sie begehrt war / weil kein bisschen eitel / dass nicht weniger als fünf Jungs / sie zur Frau wollten / weil ihr Preis-Leistungsverhältnis bekannt war / mehr Kilometer pro Liter / usw usw usw // ›und jetzt erzähl was von dir…« Die Geschichte beginnt vor Millionen vor Jahren und endet doch nur in einer kapitalistischen Erfolgsstory (irgendwie). Die Geschlechterkonstruktion spielt keine Geige und wirkt, nun ja, auch tatsächlich konstruiert. Insofern schlägt Freitas jede verkopfte queerfeministische Distinktionsparole durch ihre hemdsärmlige, nicht aber simplifizierende Direktheit. Brecht und Barthes werden zitiert, es klingt »fleiß und industrie« des Wieners H.C. Artmann durch, bös kindliche Sprachspiele: »spitzi spatzi / Spinnenbein / wer verwaltet / Muttis Innerein«.

Die Übersetzerin Odile Kennel spielt erkennbar mit, macht sich nicht hinter der Dichterin unsichtbar (oder behauptet, sie zu sein). Sie kommentiert, gibt Varianten, lässt die künstliche Intelligenz von Google mitmachen - ein unerschöpflicher Quell der Heiterkeit - und legt die Transduktionsarbeit offen. Ein schöner Ansatz. Nur hätte eine zweisprachige Ausgabe mehr aus dem Material herausholen können, da wurde eine Chance vertan. Mensch, Mensch, lieber Verleger, dann lass das Buch zwei Euro mehr kosten,bezirze den Layouter und mach den Polyglotten eine Freude!

die Frau ist eine Konstruktion

das kann nicht anders sein
die Frau muss im Grunde
ein Wohnkomplex sein
alles ist gleich
alles gleich verputzt
nur jeweils anders gestrichen
ich persönlich bin eine Frau
mit Backsteinfassade
bei der Eigentümerversammlung bin ich meist
am schlechtesten gekleidet
ich sage ich bin Journalistin

(die Frau ist eine Konstruktion
mit zu vielen Löchern
ein einziges Leck
Bild der Frau ist das Ministerium
für Abwasserangelegenheiten

Pardon
man spricht nicht von Scheiße in Bild der Frau)
Sie sind eine Frau
was wenn Sie auf einmal erwachen, binär und blau
und das Licht an- und ausknipsen, den ganzen Tag?
(sind Sie gerne Brasilianerin?
heißen Sie gerne Virginia Woolf?)

die Frau ist eine Konstruktion
Schminke ist Tarnung
jede Frau hat einen schwulen Freund
wie gut es doch ist, Freunde zu haben
alle Freunde haben einen schwulen Freund
der eine Frau hat
die ihn Fred Astaire nennt
es ist schon ganz schön spät
die Psychologinnen aus dem
Café Freud schauen sich an und lächeln
nichts wird sich ändern -
nichts wird sich jemals ändern -

die Frau ist eine Konstruktion

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