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»Als wollte er etwas sagen und traute sich nicht.«

Der ukrainische Schriftsteller, Lyriker und Musiker Serhij Zhadan lehrt uns in seinem neuen Gedichtband »Antenne« die Kunst der Empfindsamkeit

Von Ingo Petz

Am Anfang steht der Tod. Der Vater stirbt. Der Vater des Autors, des Lyrikers, der es gewohnt ist, die Welt und ihre Schwingungen mit Worten zu fangen, sich einen Reim auf das Leben zu machen. Der Vater war kein Mann der Worte. Er hatte die Bücher seines Sohnes nicht gelesen. Aber er hat Tagebuch geführt - wie der Sohn nach dessen Tod herausfindet. Die Sprache sucht sich die Form, die Form sucht sich die Sprache, um das auszudrücken, was man fühlt, was man sieht, was bewegt. Der Vater, dem die Welt der Worte fremd war, hat dennoch geschrieben, buchhalterisch; in einer gestelzten, ungelenken Sprache. Hat alle möglichen Details festgehalten, »wo er gewesen war, was er gesehen, gehört hatte, wofür er sein Geld ausgegeben, wer ihn angerufen hatte. Er notierte die Geldbeträge, die ich ihm gab (was mich sehr beeindruckte), vermerkte die Lufttemperatur. Trockene, kühle Fakten. Wenig Bewertungen. Ein Minimum an Gefühlen. Als wollte er etwas was sagen und traute sich nicht.« Der Vater hat nicht direkt über seine Frau oder seine Kinder geschrieben, also über die Beziehung zu seinen Nächsten. »Ich musste seine Einträge zum Wetter lesen«, schreibt der Sohn, »um zu verstehen, wie wichtig wir ihm waren. Die große Magie des Schreibens besteht darin, selbst mit Zahlen Freude und Trauer ausdrücken zu können.«

Dieser Sohn ist Serhij Zhadan, der ukrainische Schriftsteller und Lyriker, ein genialisch talentierter Schreiber. Das hat er in unzähligen Gedichten und Romanen wie »Mesopotamien« (2015) und »Das Internat« (2018) unter Beweis gestellt. Zhadan ist Chronist der unabhängigen Ukraine, ihrer Umbrüche und Verwerfungen, und wie diese an der Seele reißen. Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn er in ein paar Jahren nicht mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wird.

In seinem Band »Antenne«, das aus zwei anderen Veröffentlichungen jüngeren Datums kompiliert hat, geht es darum, diese schwirrenden und schwer zu fassenden Seelenschwingungen einzufangen. Mit den Köchern der Sprache und der Form, mit der Angel der Lyrik. Dem Buch ist ein längerer Text vorangestellt über den Tod seines Vaters und darüber, dass der Tod mit seiner existentiellen Macht selbst die Atheisten bei einem Gebet zusammenrücken lässt. Zhadan erzählt, wie er von klein auf den Drang hatte, alles Gesehene, Gehörte und Gespürte aufzuschreiben. Der Text ist eine Selbstvergewisserung über das, was er als Dichter tut. »Der ständige Wunsch«, schreibt er, »die eigene Begeisterung zu teilen, er ist es, der dich zwingt, nach Wörtern zu suchen, sie umzustellen, Wörter zu plündern wie Vogelnester, sie zu schütteln, sie auf den Kopf zu stellen.«

So dringt Serhij Zhadan in das himmlische Reich der Stimmen und der Empfindsamkeit vor - dort, wo sich diejenigen tummeln, die nicht mehr existieren, aber in ihren Leben etwas zurückgelassen haben. Davon handelt auch der Gedichtband »Schiffsliste«, der bereits im vergangenen Jahr auf Ukrainisch erschien und aus dem eine Auswahl von Gedichten nun dieses Buch eröffnet. Es sind hymnische und gesanghafte Verswerke, die vielfach eher an Prosatexte erinnern. In ihnen beschwört Zhadan, nicht selten mit der Stimme des Sakralen und dem Klang des Liturgischen, Tote, Dämonen, Ertrunkene und Betrunkene, Liebestolle und Verstoßene. Es geht um das Große und Ganze - das Feuer des Lebens, um das, was bleibt, und das, was vergeht.

Es ist eine melancholische Landschaft des Lebens, die Zhadan so zärtlich und einfühlsam besingt. Der Leser wird auf eine mystische Reise gewirbelt, den Wörtern und ihren Bedeutungen folgend, über Verse, die sich verlieren, abbrechen und über einzelne Worttumulte in die nächste Etappe geschleudert - oder in die Leere, ins Nichts des eigenen Echos. Wie in einer grellweißen Schneelandschaft, in der man Schritt für Schritt seinen Weg sucht und in der nasskalten Luft die Stimme der anderen auszumachen versucht.

Die Frage, ob die Dichtung das Maß aller Dinge ist, um Sinn zu stiften und zu suchen, ist dabei eines der wiederkehrenden Themen: »Eine Dichtung der Drohungen entsteht,/ eine Dichtung der Zärtlichkeit entsteht./ Wie Getreidesilos brennen die Herzen./ Die Welten der Mietwohnungen kippen./ Gut, dass keiner von ihnen Gedichte schreibt./ Gut, dass sich nicht alles auf der Welt/ in Reime fassen lässt.« Und an anderer Stelle: »Dichtung beginnt dort, / wo dein Wortschatz endet.«

Zhadan beschwört mit großem Können ein Jenseits der Lebensrätsel, indem er mit einer vielgestaltigen Sprache eine Art metaphorischen Raum entwirft, aus dem einem der Atem der Ewigkeit entgegenhaucht. »Es ist die Erkenntnis«, hat er über seine Inspiration zu diesem Gedichtband geschrieben, »dass die Generation, die uns vom Tod getrennt hat, verschwunden ist.« Er selbst ist durch den Tod seines Vaters also näher an die Endlichkeit des Seins gerückt. So macht er sich auf die Suche nach dem, was unser Dasein überdauern könnte.

Der zweite Teil des Buches schließt an diese Idee an, auch wenn die Gedichte aus dem bereits im Jahr 2018 erschienen Buch »Antenne« stammen und diese weniger metaphorisch aufgeladen sind wie die des ersten Teils. Sprache finden für Empfindungen, die die Luft vernebeln, darum geht es: »Wir haben nur die Pflicht - das Wichtigste zu teilen: unsere Stimme, unsere Empfindsamkeit.« Und er fügt hinzu: »Mag der nächste Frühling kommen. Mag uns der Optimismus peinlich sein. Mögen die Stängel des Schilfrohrs wie Antennen das Wichtigste aus der Luft filtern - Rhythmus und Vergebung.«

Diese Gedichte, die sich eher an klassische Strukturen und Rhythmen halten, beschreiben eine lyrische Alltagschronik, in der auch immer wieder der Krieg zur Sprache kommt, der seit 2014 im Osten der Ukraine tobt. Serhij Zhadan ist ein besessener und ein ordentlich guter Beobachter, der sieht und begreift, auf welchen Wegen sich Schmerz und Verlust in den Alltag drängen und ihn verändern. So schreibt er über zwei Menschen an einer Straßenbahnhaltestelle: »Der Mann hält eine Tüte / aus der Apotheke in der Hand. / Die Frau hält einen Strauß Rosen. / Der Frau fällt der frische Gipsverband / an seiner rechten Hand auf. / Ihm fällt auf, dass ihr Strauß / sechs Rosen hat.« Es ist natürlich der fulminanten Übersetzungskünste von Claudia Dathe zu verdanken, dass man Zhadans Kunst auch im Deutschen zu greifen bekommt, auch wenn der phonetische Resonanzraum des Ukrainischen sicherlich kaum übertragbar ist.

Auch wenn die Gedichte, die den Krieg in sich tragen, nicht prägend für den gesamten Band sein mögen, sind sie mitunter die stärksten. »Der Krieg ist vorbei«, schreibt er, »an den Mauern wachsen neue Schwalbennester./ Die Kinder der gefallenen Kämpfer lachen im Hafen/ den Fremden zu.« Man hat Mühe, sich den poetischen Verwirbelungen zu entziehen - und wird einfach mitgewirbelt.

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Ich preise dich, Gott, ich preise dich.
Gepriesen sei dein Talent, heiter über das Schlimmste zu sprechen.

Deine Fähigkeit, die starken Menschen zu zwingen,
sich an die eigene Schwäche zu erinnern,
die Kunst, alle wehrlos zu machen
mit Aufrichtigkeit.
Gepriesen sei deine Müdigkeit,
die uns veranlasst, einander zu trösten,
gepriesen sei deine feine Ironie des Lehrers,
der weiß, dass die meisten Schüler, wenn sie
aus der Klasse gehen, nie wieder
eine mathematische Formel anwenden.

Gepriesen sei deine Abwesenheit, die längst
niemand mehr kümmert.

Gepriesen sei das Fluten des Lichts in der Morgenluft,
unsere Versuche, die Sprache der Bäume zu deuten,
unser Verliebtsein in die Wiedergeburt der Blätter,
unsere eigenwillige Lehre vom Beseitigen der Steine
aus dem Flussarm,
von der Vertiefung des Flussbetts,
von der Befestigung der Ufer.

Die Zähmung der Welt, das An-die-Brust-Drücken
der Klumpen Dunkelheit, in der Hoffnung,
dass sie von innen das Feuer erleuchten,
von dem du die ganze Zeit redest.

Gepriesen seien, Gott, deine Institutionen,
deine Kirche, die getragen wird von unserer Weigerung
einzusehen, dass es dich nicht gibt.

Gepriesen seien deine Geistlichen, die
auf den Wellen der europäischen Flüsse laufen
wie Zirkuskünstler über Glasscherben,
Geistliche, die Demut lehren wollten,
tatsächlich haben sie uns Dichtung gelehrt.

Angst, einer Handlung gleich, niedergeschrieben in einem
Buch.

Vergebung, die sich
dank der Evangelisten in Worte fassen lässt.

Gepriesen seist du für deine Unglaubwürdigkeit.

Die Sonne brennt über der verlorenen Stadt.

Die Sonne brennt, die Propheten sind da.

Sie beweinen die Stadt, die kämpft und nicht aufgibt.

Sie beweinen die Stadt, die erfüllt ist von Tapferkeit.

Sie weinen und begreifen nicht -
woher all die Liebe kommt bei denen,
die niemals geliebt wurden.

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