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Totenstille mit Tröten

Ungewohnte Atmosphäre und übliche Verdächtige beim Weltcupauftakt der Skispringer in Wisla

  • Von Lars Becker
  • Lesedauer: 4 Min.
Kam in der Keramikspur nicht immer gut zurecht: Markus Eisenbichler feierte in Wisla einen durchwachsenen Einstand in den Weltcupwinter.
Kam in der Keramikspur nicht immer gut zurecht: Markus Eisenbichler feierte in Wisla einen durchwachsenen Einstand in den Weltcupwinter.

Wie selbstverständlich wurden auch beim Weltcupauftakt der Skispringer die in Coronazeiten im Profisport üblich gewordenen Jubellaute über Lautsprecher eingespielt. Im Finaldurchgang des Teamspringens am Samstag war das aber eigentlich gar nicht nötig. Im Wald rund um die Adam-Malysz-Schanze von Wisla hatten sich nämlich über 100 besonders verrückte Fans eingefunden, die vor allem die Sprünge der polnischen Gastgeber lautstark mit Tröten feierten.

Den meisten Fliegern zauberte das ein Lächeln auf die Lippen. »Natürlich ist es fragwürdig, wenn in Corona-Zeiten kein Fan im Stadion sein darf, aber sie sich dann trotzdem daneben versammeln. Aber natürlich haben es alle wahrgenommen und ich fand es auch megacool«, berichtete der deutsche Vorflieger Karl Geiger mit einem Grinsen. Auch Olympiasieger Andreas Wellinger, der beim Teamspringen nur zuschauen durfte, fand die Aktion der »100 Verrückten« witzig. Vor allem, weil man »so eine Totenstille, speziell in Polen, sonst gar nicht kennt, weil sonst Zehntausende Zuschauer da sind«.

Die Pandemie verändert auch das Skispringen, das wurde beim Start in diesen an Höhepunkten reichen Winter mit Skiflug-WM und Nordischer Heim-WM in Oberstdorf überdeutlich. Die deutschen Flieger und Trainer Andreas Horngacher absolvierten sogar ihre Interviews mit FFP-2-Masken. »Wir schlagen lieber den vorsichtigen Weg ein, weil wir froh sind, dass wir überhaupt springen können«, sagte Horngacher zur Begründung. Auch im Springlager, wo sich die Athleten über Ländergrenzen hinweg sonst allzu gern austauschen, ging es sehr distanziert zu. »Man versucht, Kontakte zu meiden«, schilderte Andreas Wellinger.

Es ist also vieles anders in dieser außergewöhnlichen Skisprungsaison. Sportlich ist allerdings fast alles beim Alten geblieben, wie dieses Auftaktwochenende bewies. In der Teamkonkurrenz lag die deutsche Mannschaft mit Karl Geiger, Markus Eisenbichler, Pius Paschke und Constantin Schmid zur Halbzeit in Führung. Am Ende musste sich das Quartett des Deutschen Skiverbandes mit 8,7 Punkten (umgerechnet knapp fünf Meter) Rückstand auf Österreich mit einem starken zweiten Platz begnügen. Coach Horngacher war »extrem erleichtert, dass wir mit durchschnittlichen Sprüngen vorn dabei sind« - schließlich war die Ungewissheit mangels internationaler Wettkämpfe seit letztem Winter sehr groß.

Sportlich sind die meisten der »üblichen Verdächtigen« vorn dabei. Bei den Nationen neben Deutschland und Österreich besonders die drittplatzierten Polen und die auf Rang vier gelandeten Norweger. In der Einzelwertung fliegen neben gestandenen Größen wie Karl Geiger, Stefan Kraft aus Österreich, den Polen Dawid Kubacki und Kamil Stoch auch der norwegische Youngster Halvor Egner Granerud, Daniel Huber aus Österreich und sogar der Deutsche Pius Paschke vorn mit. »Wir haben im Frühjahr schon abgesprochen, dass Podestplätze das Ziel für Pius sind. Mit seinen Fertigkeiten soll er einen Weltcupsieg anstreben«, setzt Horngacher klare Ziele.

Die gelten für Markus Eisenbichler sowieso. Der dreimalige Weltmeister von 2019 hatte sich mit seinem deutschen Einzelmeistertitel im Rücken auch bei den Trainingssprüngen in Wisla in Topform präsentiert. Als es im Teamspringen darauf ankam, leistete sich Eisenbichler besonders im zweiten Sprung jedoch deutliche Fehler, was ihn am Ende den Sieg kostete. Horngacher verteidigte seine derzeitige Nummer 1 jedoch: »Wir haben in der Anfahrt zum Schanzentisch etwas ausprobiert, deshalb ist Markus nicht so balanciert hingefahren. Ich mache mir überhaupt keine Sorgen, wenn er mit für ihn schlechten Sprüngen so stark wie Kraft oder Stoch ist.«

Der grandiose Flieger Eisenbichler ist die größte deutsche Hoffnung für die Skiflug-WM, die in nicht einmal drei Wochen vom 11. bis zum 13. Dezember im slowenischen Planica über die Bühne geht. Der gesamte internationale Weltcup-Tross der Skispringer fliegt kommende Woche mit einem Charterflugzeug von München zum nächsten Weltcup nach Kuusamo. Von Finnland geht es danach weiter zum nächsten Weltcup im russischen Nischni Tagil und von dort dann direkt zur Skiflug-WM nach Slowenien.

Dort sollen nach derzeitigen Plänen sogar offiziell Zuschauer dabei sein - in ihren Autos auf einem riesigen Parkplatz. Statt getrötet wird im WM-Autokino der Skiflieger dann wohl gehupt.

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