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  • Corona und soziale Folgen

Warten auf den Winterfahrplan

Lehrer- und Elternvertreter in Berlin fordern vor den Bund-Länder-Beratungen eine Abkehr vom Regelschulbetrieb

  • Von Maximilian Breitensträter
  • Lesedauer: 4 Min.
or den nächsten Bund-Länder-Gesprächen über weitere Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie am Mittwoch fordern Berliner Eltern- und Lehrervertreter die Politik angesichts von Rekord-Infektionszahlen an vielen Schulen zum Handeln auf. »Von dem Treffen der Ministerpräsidenten mit der Bundeskanzlerin muss endlich ein konkreter Impuls für einen Winterfahrplan an den Schulen ausgehen«, sagt der Vorsitzende des Berliner Landesverbands der Pädagogengewerkschaft GEW, Tom Erdmann, zu »nd«. Dieser müsse eine Abkehr vom allgemeinen Regelbetrieb beinhalten und den Wechsel von Präsenz- und Distanzlernen an weiterführenden Schulen ermöglichen.

Man habe als Berliner GEW bis dato gehofft, dass die Senatsbildungsverwaltung eine Vorreiterrolle im Kampf gegen die Ausbreitung des Covid-19-Virus an den Schulen einnehmen könnte. »Leider hält Bildungssenatorin Scheeres aber weiterhin geradezu dogmatisch an dem Mantra vom Regelbetrieb an den Schulen fest«, kritisiert Erdmann.

Deshalb setze man nun auf Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Die wollte bereits in der letzten Bund-Länder-Schalte in der vergangenen Woche neue Auflagen für Schulen durchsetzen, darunter etwa das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes für Schüler aller Jahrgänge und für Lehrer auf dem Schulgelände und während des Unterrichts sowie die Möglichkeit von Wechselunterricht. Die Pläne waren am Widerstand aus den Ländern gescheitert.

»Der Regelbetrieb bricht wie ein Kartenhaus in sich zusammen«, sagt GEW-Chef Erdmann. »Die Schulen auf Gedeih und Verderb offenzuhalten, verhindert an immer mehr Schulen ein strukturiertes Lernen.« Faktisch könne man mit Blick auf die Zahlen ohnehin schon lange nicht mehr von Regelschulbetrieb sprechen. Derzeit haben sich in Berlin bereits 1500 Schüler und rund 400 Pädagogen mit dem Coronavirus infiziert. Fast 700 Lerngruppen sowie Tausende Pädagogen und Schüler befinden sich in Quarantäne.

»Die Senatsbildungsverwaltung hat zu Beginn des Schuljahres die Rahmenbedingungen für das Alternativszenario mit einem Wechsel von Präsenz- und Distanzlernen festgelegt und verweigert nun, dass Schulen dies in den Schulen umsetzen«, schimpft Erdmann. Seiner Ansicht nach sei das Wechselmodell, bei dem ein Teil der Klasse in der Schule und der andere digital Zuhause beschult wird, die einzige Möglichkeit, um flächendeckende Schulschließungen noch zu verhindern. »Ich hoffe, dass es nicht schon fünf nach zwölf ist.«

Tatsächlich sieht der Corona-Stufenplan, mit dem die Senatsverwaltung die Seuche in den Bildungseinrichtungen in Absprache mit den Bezirksämtern eindämmen will, für die letzte von vier Stufen eine Mischung aus Präsenzunterricht und schulisch angeleitetem Lernen zu Hause vor. Bisher erlaubt Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) dieses Modell aber nur als Test von ein oder zwei Tagen in der Woche.

Die Sprecherin des Elternnetzwerks Berliner Gemeinschaftsschulen, Carola Ehrlich-Cypra, sagt, sie könne es gut verstehen, dass Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) die Schulen in der Pandemie offen halten wolle, damit insbesondere Kinder aus benachteiligten Haushalten in der Bildung nicht abgehängt werden. »Damit die Schulen aber nicht wieder komplett schließen müssen, brauchen wir ja gerade schnellstmöglich den hybriden Wechselunterricht für die weiterführenden Schulen«, sagt Carola Ehrlich-Cypra. Die bisherige Regelung von maximal zwei Tagen in der Woche gehe an den Realitäten vorbei. »Wenn wir jetzt nicht handeln und die Klassen halbieren, werden wir weitere Schüler bildungstechnisch verlieren.« Der Vorteil, lediglich kleine, fest zusammenhängende Lerngruppen in die Schulen zu lassen, liegt für sie auf der Hand. »Wir haben dann einfach viel weniger Schüler in den öffentlichen Verkehrsmitteln«, sagt Carola Ehrlich-Cypra. Die Schulen, die bereits mit dem Wechselmodell arbeiteten, würden durchweg positive Rückmeldungen geben.

Auch Landeselternsprecher Norman Heise wünscht sich eine generelle Genehmigung des Wechselunterrichts an Oberschulen. »Schulen, die die Tests erfolgreich absolviert haben und wo die Schulgemeinschaft ihr Einverständnis zur Umstellung auf hybriden Unterricht klar signalisiert haben, sollten die Möglichkeit erhalten«, findet Heise. Dies bedeute aber auch, dass die technischen Notwendigkeiten geschaffen werden müssten. »Wenn digitale Formate genutzt werden sollen, müssen diese auch von allen genutzt werden können«, fordert der Elternvertreter.
Wenn man den Wechselbetrieb auch an den Grundschulen einführen wolle, müsse man an die Betreuungsnotwendigkeiten der Kinder denken. »Das bedeutet die Betreuung teil- beziehungsweise wechselweise am Vormittag und am Nachmittag zu organisieren«, sagt Heise.

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