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Gewalt im Netz wird oft noch nicht ernst genommen

Jenny-Kerstin Bauer vom Verband der Frauenberatungsstellen und -notrufe über zunehmende digitale Gewalt gegen Frauen

  • Von Birthe Berghöfer
  • Lesedauer: 5 Min.

Weltweit erleben Frauen häusliche und sexualisierte Gewalt. Im Internet erfahren sie »digitale Gewalt«. Was ist damit gemeint?

Damit sind alle Formen von geschlechtsspezifischer Gewalt gemeint, die im digitalen Raum stattfinden und mit technischen Hilfsmitteln und digitalen Medien ausgeübt werden: mit Handys, Apps, auf Onlineportalen und sozialen Plattformen oder auch per Mail. Digitale Gewalt funktioniert aber nicht getrennt von der »analogen«. Sie stellt meistens eine Ergänzung oder Verstärkung bereits bestehender Verhältnisse und Dynamiken dar. In unseren Beratungsstellen beobachten wir, dass es zunehmend Angriffe auf Frauen im öffentlichen digitalen Raum gibt. Die Täter agieren meist anonym, bedrohen aber auch unter Klarnamen und organisieren sich.

Begünstigt die Anonymität im Netz Gewalt gegen Frauen?

Wie wir aus sozialpsychologischen Studien wissen, kann sie gewaltbegünstigend wirken, muss aber nicht. Genauso gut kann eine fehlende Strafverfolgung oder die Schnelligkeit des Internets Gewalt begünstigen. Das Grundproblem sind die bestehenden Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern.

Die reale Welt ist vielfach von Männern dominiert - das Netz auch?

Könnte man sagen. Anfänglich dachte man noch, das Netz könnte ein genderneutraler Raum werden, aber wir wissen, dass viele Webseiten, Anwendungen und Inhalte von Männern erstellt, programmiert und designt werden. Frauen und andere marginalisierte Geschlechter sind in der Minderheit. Zudem werden Nutzer*innen, die sich im digitalen Raum zu bestimmten Themen äußern oder auch schlicht als Frauen erkannt werden, häufig angegriffen - vor allem von cis-männlichen Tätern.

Täter, die nicht immer Unbekannte sind.

Ja, auch die Gewalt von Ex-Partnern und sexualisierte Gewalt digitalisieren sich zunehmend. Der Täter ist den Betroffenen also oft bekannt, weil sie eine Beziehung mit ihm haben oder hatten. Es gibt Untersuchungen darüber, dass 70 Prozent der Frauen, die über digitale Medien Gewalt erfahren, auch schon eine Form von körperlicher oder sexualisierter Gewalt durch ihren Ex-Partner erlebt haben. Seit Jahren lässt sich ein Anstieg geschlechtsspezifischer digitaler Gewalt in den verschiedensten Formen erkennen: Stalking und die Anwendung von Spionagesoftware, heimliches Filmen und sogenannte Deepfakes, wo Bilder der Betroffenen in pornografische Inhalte montiert werden. Außerdem das Kontrollieren von Cloud-Diensten, Hacking oder auch Identitätsdiebstahl. Wir merken, auch durch internationale Studien, dass sich digitale Gewalt aktuell vor allem in Richtung bildbasierte Gewalt entwickelt. Noch unter Einverständnis aufgenommene Bilder werden ohne Zustimmung ins Internet gestellt oder auch zur Erpressung benutzt. Auch heimliches Filmen und Bildmanipulationen nehmen zu.

Das Netz ist auch ein recht öffentlicher Raum. Wie sichtbar wird da Gewalt?

Das ist immer die Frage, wie wachsam man selbst durchs Netz geht. Besonders digitalisierte häusliche Gewalt geschieht noch viel im Verborgenen, wobei ich nicht ausschließen würde, dass man das nicht auch mitbekommen kann. Deutlich sichtbar sind Beleidigungen, Beschimpfungen, Belästigungen, Vergewaltigungs- und Todesdrohungen gegen Frauen und andere Personen marginalisierte Geschlechter, die sich im Internet positionieren - politisch, aktivistisch, feministisch.

Wie kann gegen digitale Gewalt vorgegangen werden?

Ein effektives Vorgehen darf niemals zulasten der Privatsphäre gehen. Der digitale Raum bietet ja zugleich auch Frauen und marginalisierten Geschlechtern die Möglichkeit der Teilhabe und des Austauschs in einem sehr wichtigen Medium. Es ist zudem wichtig, die Täter mehr in den Blick zu nehmen und zur Verantwortung zu ziehen. Den Betroffenen darf keine Schuld zugeschrieben werden mit Fragen wie »Warum hast du denn deine Bilder geteilt?« Und dann liegt die Verantwortung ganz klar auch bei den Betreibern sozialer Netzwerke und Onlineplattformen wie solchen, die pornografische Inhalte anbieten: Gibt es Löschmöglichkeiten für Informationen, Bilder und Tweets? Wird den Betroffenen geglaubt oder ihr Anliegen einfach abgetan?

Der bff hat zudem mit www.aktiv-gegen-digitale-gewalt.de eine Webseite ins Leben gerufen, wo Tipps und Hinweise für Betroffene und Unterstützer*innen gegeben werden. Da wird beispielsweise auf sichere Passwörter, Privatsphäre-Einstellungen und eine Zweifaktoren-Authentifikation hingewiesen – Handwerkszeug, mit dem man schnell gegen digitale Gewalt vorgehen kann.

Gibt es Webseiten, die besonders vorbildlich mit digitaler Gewalt umgehen?

Hatespeech ist in den letzten Jahren schon mehr in den Fokus gerückt und gesetzliche Änderungen haben dazu geführt, dass sich soziale Netzwerke mehr mit dem Thema beschäftigen mussten. Da ist schon etwas passiert, Best Practice Beispiele gibt es allerdings leider keine.

Gibt es politische Bestrebungen, das Netz sicherer zu machen?

Es wird immer wieder gesetzlich nachgebessert: Seit 2017 gilt das Netzwerkdurchsetzungsgesetz zur Verbesserung der Rechtsdurchsetzung in Onlinemedien, und im Juli dieses Jahres wurde ein Gesetzespaket gegen Rechtsextremismus und Hasskriminalität beschlossen. Dabei liegt der Fokus allerdings auf Hatespeech. Wie sich das auch auf digitale Gewalt im Kontext naher Beziehungen auswirkt, muss noch geprüft werden.

Die Anerkennung von digitaler Gewalt als tatsächliche Gewalterfahrung findet in Gesellschaft, Politik, Justiz und bei Plattformbetreiber*innen und -entwickler*innen in Deutschland allerdings noch sehr eingeschränkt statt. Die Sensibilisierung voranzutreiben ist also enorm wichtig, auch, um das Thema nicht von anderen geschlechtsspezifischen Gewaltformen loszulösen. In ein paar Jahren werden wir keine Unterscheidung mehr machen zwischen häuslicher, sexualisierter und digitaler Gewalt, weil das einfach stark miteinander verwoben ist.

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