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Wenn Denkmäler fallen

Teil 157 der nd-Serie »Ostkurve«: Der 1. FC Magdeburg spielt um seine Zukunft

  • Von Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 4 Min.

Vor zwei Jahren hing ein Transparent am Magdeburger Stadion, darauf stand: »Den erfolgreichsten Trainer seit Krügel entlassen. Ihr werdet es noch bereuen!« Fans des FCM hatten damit ihre Kritik am Umgang mit Jens Härtel deutlich gemacht - und sollten recht behalten. An diesem Mittwoch kommt Härtel zurück: Im Ostderby kann er mit dem F.C. Hansa Rostock die Situation bei seinem ehemaligen Verein weiter verschärfen. Der 1. FC Magdeburg ist mit acht Punkten aus elf Spielen Vorletzter in der 3. Liga.

»Es gibt keine Trainerdiskussion. Wir haben eine knackige englische Woche vor uns und werden ruhig und sachlich daran arbeiten, die Mannschaft weiter in die Spur zu bekommen.« Das hat Otmar Schork am vergangenen Freitag gesagt. Bei der Niederlage im ersten dieser drei Spiele am Sonntag in Ingolstadt gefiel dem neuen Sportdirektor immerhin »die Mentalität«. Diese müsse das Team auch gegen Rostock zeigen. Der Derbycharakter des Spiels könnte zusätzliche Motivation sein, ebenso am kommenden Sonnabend beim FSV Zwickau. Die besondere Bedeutung solcher Spiele könnte aber auch zur Last werden - für einen seit längerer Zeit krisengeplagten Verein umso mehr. Und somit ist diese englische Woche wohl auch eine richtungweisende: Sollte am Ende für den FCM nichts Zählbares stehen, könnte der natürlich intern geführten Trainerdiskussion schnell eine Entscheidung gegen Thomas Hoßmang folgen.

Eine solche Entscheidung hatten die Magdeburger Ultras vom »Block U« schon vor drei Wochen gefordert. Damals hing kein Transparent am Stadion wie vor zwei Jahren, als Jens Härtel entlassen wurde. Der hatte mit zwei Aufstiegen in vier Jahren den FCM in die 2. Bundesliga und damit erstmals in den Profifußball geführt. Seine Popularität ist in Magdeburg so groß wie die Heinz Krügels, mit dem der Klub 1974 den Europapokal der Pokalsieger gewonnen hatte. Eine ähnliche Dimension hatten die Fanproteste Anfang November dennoch, weil nicht nur die Entlassung des Trainers gefordert wurde: »Mario Kallnik - packe deine Koffer und beschädige dein in harter Arbeit errichtetes Denkmal in Magdeburg nicht!«

Mario Kallnik ist noch da. Für das Gefüge und Funktionieren des Vereins, den er seit seinem Amtsantritt vor gut acht Jahren entschuldet und strukturell professionalisiert hat, ist das in schwerer Zeit wahrscheinlich auch gut so. Einen ersten Machtkampf im Verein hat er allerdings verloren. Der öffentlich geäußerten Kritik aus Vereinsgremien an seiner Machtfülle widersprach Kallnik anfangs noch. Dann gab der Geschäftsführer Anfang November seine Doppelfunktion als Sportdirektor doch auf. Seitdem hat er sich nicht mehr öffentlich geäußert. »Mario Kallnik steht aktuell nicht für ein Interview zur Verfügung«, teilte Vereinssprecher Manuel Holscher in dieser Woche »nd« mit. Selbst die Vorstellung des neuen Sportdirektors übernahm Aufsichtsratschef Lutz Petermann.

Harmonisch ist es beim FCM derzeit nicht. Das zeigt auch der Wechsel des Sportdirektors: Mit seiner ersten Amtshandlung begnadigte Otmar Schork die Führungsspieler Sören Bertram und Jürgen Gjasula. Deren Suspendierung durch Trainer Hoßmang hatte Kallnik noch wie folgt begründet: »Es ging um die Werte des 1. FC Magdeburg.« Und worauf sich Schork bezog, als er in seiner Antrittsrede davon sprach, das alle Eitelkeiten zurückgestellt werden müssten, ist unklar. Klar scheint, dass der neue Sportdirektor redet, wenn es ums Sportliche geht. So wie nach der Niederlage in Ingolstadt, als er dem Schiedsrichter aufgrund dessen Alters und zweier spielentscheidender Fehlentscheidungen die Befähigung absprach.

Die neue Aufgabenteilung auf der Führungsebene des Vereins hat Vorteile. Zum einen kann sich Kallnik als Geschäftsführer darauf konzentrieren, den FCM - auch coronabedingt - durch harte Zeiten zu führen. Dass er das gut kann, hat er bewiesen. Und Kallnik wird zudem davor bewahrt, wie mit der damals vorschnellen Entlassung von Jens Härtel und der Berufung der vier Nachfolger auf dessen Trainerstuhl, eine weitere zweifelhafte und folgenschwere Entscheidung zu fällen. Denn weitere Fehler sollte sich der FCM nach mittlerweile zweieinhalb erfolglosen Jahren nicht leisten. Ein Abstieg in die Viertklassigkeit würde den Verein um Jahre zurückwerfen. Deshalb spielt der 1. FC Magdeburg gegen Rostock und dessen Trainer Jens Härtel nicht nur gegen seine Vergangenheit, sondern schon um die eigene Zukunft.

Die komplette Serie: dasnd.de/Ostkurve

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