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  • Nach den Wahlen in den USA 2020

Das Irischsein des Lebens

Joe Biden hat ein Buch veröffentlicht - über Familientragödien, Hoffnungen und seine Haltung zu Putin

  • Von Reiner Oschmann
  • Lesedauer: 4 Min.

Der künftige US-Präsident hat irische Wurzeln. Von daher ist Joe Biden mit Erfahrungen der keltischen Insel vertraut. In deren wechselvoller Geschichte war es bekanntlich nie weit bis zur nächsten Heimsuchung - oder wie es Bidens irischstämmiger Senator-Kollege Daniel Patrick Moynihan einmal fasste: »Nicht zu begreifen, dass einen das Leben aus der Bahn werfen wird, bedeutet, das Irischsein des Lebens zu verkennen.«

Das »Irischsein des Lebens« hat Biden ausgekostet. Und daraus, im Original schon 2017, ein Buch gemacht, das nun auf Deutsch vorliegt - rechtzeitig zum Wahlsieg. »Versprich es mir« ist ein merkwürdiges Werk: Es schrammt in Passagen, leider auch im Auftaktkapitel die Grenze zum Kitsch. In weit größeren Abschnitten aber zeigt sich das Merkwürdige lesenswert. Der Band verknüpft Familientragödie mit seinen vor allem außenpolitischen Positionen, die er als Vizepräsident verfolgte - und als nächster Präsident verfolgen könnte.

Kurz nach dem 30. Geburtstag verliert Biden im Dezember 1972 seine Ehefrau Neilia und ihre gemeinsame Tochter Naomi bei einem Autounfall. Die zwei- und dreijährigen Söhne Hunter und Beau werden schwer verletzt. Die Vereidigung als US-Senator findet noch während des Aufenthalts der Kinder im Krankenhaus statt. Am 30. Mai 2015, als Biden seit gut sechs Jahren Stellvertreter von Präsident Obama ist, stirbt der erstgeborene Sohn mit 46 an einem Glioblastom, einem besonders aggressiven Hirntumor. Beau, verheiratet und Vater zweier Kinder, war bei seinem Tod Generalstaatsanwalt des kleinen Ostküstenstaates Delaware.

Joe Bidens Erinnerungen sind dem couragierten Überlebenskampf seines Sohnes und - parallel dazu - seinen Verpflichtungen als Vizepräsident gewidmet. Die Ungewissheit um die Zukunft des Sohnes, die schließlich der Aussichtslosigkeit Platz macht, überschattet seinen Dienst. Und die US-amerikanische wie die Weltpolitik fordert den Vizepräsidenten oftmals in Augenblicken, da er an der Seite seines Sohnes im Krankenhaus zu sein hoffte. Die Aufopferung der Familie für den Todkranken ist so groß, wie die Rahmenbedingungen, unter denen die ärztlichen Koryphäen ihre Rettungsversuche unternehmen, großzügig sind.

Der Vater weiß um diese Privilegien, weiß, wie exklusiv in dieser Frage die Situation des Sohnes ist, verglichen mit der einfacher Amerikaner, die bei teurer Behandlung schnell die Vernichtungskräfte des US-Gesundheitswesen spüren. Dennoch kommt der Tag, an dem die Ärzte im Reed-Militärhospital Bethesda, in dem sich fünf Jahre später Donald Trump mit seiner Covid-19-Erkrankung inszeniert, der Familie die letzte Hoffnung nehmen müssen. Barack Obama hält die Trauerrede, bevor sich sein Vize vier Tage darauf wieder zum Dienst meldet: »Ich musste etwas zu tun haben, um nicht den Verstand zu verlieren.«

Der Demokrat Biden ist seit Jahrzehnten vor allem Außenpolitiker und arbeitete aktiv auf diesem Feld auch an Obamas Seite. Nach Bidens Worten war dies eine Bedingung für seine Zusage, als Vize zu kandidieren. Zunächst habe er Obamas Einladung abgesagt: »Ich war schon seit 35 Jahren Senator der Vereinigten Staaten, ich liebte meine Arbeit und verehrte die Institution.« Nachdem ihn die Familie umgestimmt hatte, war es ihm wichtig, nicht nur Grüßonkel im Weißen Haus zu sein - erfreut sich das Amt des »Veep« doch schon seit Gründung der USA häufigen Spotts. Gründervater Benjamin Franklin etwa hatte vorgeschlagen, den Vizepräsidenten mit »Eure Überflüssige Exzellenz« anzureden.

Biden wollte als Vize zu allen Themen mitreden können. »Ich will der letzte Mann im Zimmer sein - bei jeder wichtigen Entscheidung«, habe er Obama gesagt. »Sie sind der Präsident. Ich nicht. Das ist klar. Aber wenn Sie mich wegen meiner Erfahrung haben wollen, dann will ich der sein, der Sie als Letzter berät.« Obama stimmte zu, und Biden kümmerte sich um mehrere Regionen.

All das findet in den Erinnerungen Raum, nicht zuletzt seine Positionen zur Ukraine und zu Russland. Hier lesen sich die politisch interessantesten Passagen. Mehrfach beschuldigt er Russland, dass es wegen der völkerrechtswidrigen Annexion »der autonomen ukrainischen Republik Krim« und der Destabilisierung der Ost-Ukraine nicht zu dem von Obama gewünschten Neustart (»reset«) der Beziehungen zu Moskau gekommen sei. Der Buchautor und baldige Präsident Joe Biden: »Putins Angriff auf die Ukraine war nicht nur so ärgerlich, weil er eine lang geltende internationale Norm verletzt hatte, sondern auch ein konkretes Abkommen. Wenige Jahre zuvor hatte die Ukraine ihr Atomwaffenprogramm aufgegeben - im Gegenzug für eine Garantie der Vereinigten Staaten, des Vereinigten Königreichs und Russlands, ihre Grenzen wie auch ihre Souveränität zu respektieren. Zwei der drei großen Länder hatten ihr Versprechen gehalten.«

Joe Biden: Versprich es mir - Über Hoffnung am Rande des Abgrunds. A. d. Amerik. v. Henning Dedekind u. Friedrich Pflüger. C. H. Beck, 250 S., geb., 22 €.

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