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+++ Hunderte protestieren mitten im größten Corona-Hotspot Thüringens +++

Der Newsblog zur Coronakrise - Donnerstag, 26. November 2020: +++ Landrat des Corona-Hotspots unter Polizeischutz +++ Hildburghausen: Polizei sieht derzeit keine Organisation von rechts

  • Lesedauer: 5 Min.

Im bundesweit am stärksten von der Corona-Pandemie betroffenen Landkreis Hildburghausen sind derzeit alle Intensivbetten belegt. Das geht aus dem Register der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) mit Stand Freitagmorgen hervor. Das DIVI-Register listet für den Landkreis, in dem es ein Allgemeinkrankenhaus der Grundversorgung und eine Fachklinik für Psychiatrie und Neurologie gibt, insgesamt acht Intensivbetten auf. Sie waren am Freitag allesamt belegt, davon zwei mit Covid-19-Patienten. Diese mussten beatmet werden.

In dem Landkreis an der Grenze zu Bayern hat sich das Infektionsgeschehen noch einmal verschärft. Die Zahl der Neuinfektionen je 100 000 Einwohner innerhalb einer Woche erhöhte sich am Freitag nach Zahlen des Gesundheitsamtes auf inzwischen knapp 630 (Vortag: 602,9). Auf der Corona-Karte des Robert Koch-Instituts leuchtet der Kreis inzwischen als einzige Region in Deutschland pink. Die Zahl der aktiven positiven Corona-Fälle liegt laut dem Landkreis am Freitag bei 853.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz zeigte sich angesichts der Situation bei Intensivbetten alarmiert. »Wenn wir die Regeln ignorieren, hat das Folgen für die Menschen der Hochrisikogruppe«, sagte der Stiftungsvorsitzende Eugen Brysch am Freitag der dpa. Eine Situation wie in Hildburghausen könne sich auch in anderen regionalen Krankenhäusern rasch entwickeln. Dort werde ein Großteil der Covid-19-Patienten versorgt. Laut DIVI-Register sind auch im benachbarten Kreis Schmalkalden-Meiningen 40 von 52 Intensivbetten belegt, davon 12 mit Covid-19-Kranken.

Die Eindämmung des Coronavirus - und der erneute Herbst-Anstieg

+++ Landrat des Corona-Hotspots Hildburghausen unter Polizeischutz +++

Der Landrat des Landkreises, Thomas Müller, steht seit Donnerstag unter Polizeischutz. Er sei zuvor in den sozialen Medien beleidigt und bedroht worden und habe Anzeige erstattet, sagte ein Sprecher der Polizei in Erfurt am Donnerstagabend.

Die Drohung stehe »mutmaßlich im Zusammenhang mit der Corona-Schutzverordnung«, sagte der Sprecher. Die Kriminalpolizei Suhl bearbeite den Fall. Nach einem Bericht der Zeitung »Freies Wort« hieß es in einem mittlerweile gelöschten Facebook-Post: »Müller, du dummes Schwein. Nimm Dir einen Strick und häng Dich weg«. Ein Kommentar dazu wird ebenfalls zitiert: »Ich glaube es ist besser, wenn wir ihm dabei helfen«.

Müller hatte die Proteste gegen den strengen Lockdown in Hildburghausen als unverantwortlich kritisiert. Hunderte Menschen, die am Mittwochabend durch die Südthüringer Stadt gezogen seien, hätten nicht nur sich, sondern auch andere gefährdet, sagte der CDU-Politiker am Donnerstag.

Mit 629,8 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner innerhalb einer Woche hat der Landkreis bundesweit den höchsten Inzidenzwert. Um die Infektionswelle zu brechen, gelten seit Wochenmitte für die rund 63.000 Einwohner im Kreisgebiet drastische Beschränkungen: Sie dürfen bis zum 13. Dezember ihre Wohnungen nicht mehr ohne triftigen Grund verlassen, Schulen und Kindergärten wurden geschlossen.

+++ Hunderte protestieren mitten im größten Corona-Hotspot Thüringens +++

Intensivbettenauslastung nach Bundesland

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) hat an die Menschen im Corona-Hotspot-Landkreis Hildburghausen appelliert, sich an die neuen Infektionsschutzregeln zu halten. Es gebe ein großes Bemühen, mit strengeren Maßnahmen »Leib und Leben von Menschen zu schützen«, sagte er am Mittwoch nach einer Schalte der Ministerpräsidenten mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Er habe aber Bilder gesehen, die zeigten, dass sich mehrere Hundert Menschen auf dem Marktplatz versammelt hätten.

Diese Menschen, so Ramelow, hätten damit das Signal gegeben, dass sie das Infektionsgeschehen in ihrem Kreis nicht interessiere. »Sie sind zwar in dem Landkreis, in dem die höchste Infektionsrate in ganz Deutschland ist, aber sie signalisieren, dass sie die Maßnahmen zur Unterbindung der Infektionen wohl eher ablehnen«, sagte Ramelow.

In der Stadt Hildburghausen hatten sich am Mittwochabend nach Angaben der Polizei rund 400 Menschen auf dem Marktplatz bei einer nicht angemeldeten Demonstration versammelt, um gegen die strengen Anti-Corona-Regeln in dem Landkreis zu protestestieren. Die Polizei setzte Pfefferspray ein. Mehrfache kommunikative Versuche, die Teilnehmer zum Verlassen der Demonstration zu bewegen, seien fehlgeschlagen, teilte die Polizei in der Nacht zum Donnerstag mit. Verletzte gab es den Angaben zufolge nicht. Gegen 20.45 Uhr seien die Proteste beendet gewesen. Insgesamt seien mehr als 30 Anzeigen erstattet worden. Die Proteste fanden während der Beratungen der Ministerpräsidenten mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) statt.

Die Teilnehmer sprachen nach Angaben von Bürgermeister Tilo Kummer (Linke) von einem »Spaziergang«. »Ich bin fassungslos«, schrieb Kummer am Abend auf Facebook. »Der Markt in Hildburghausen ist voller Menschen! Etliche tragen keine Masken! Was muss denn noch passieren, bis manche den Ernst der Lage begreifen?« Etliche Menschen im Kreis kämpften um ihr Leben. Ganze Kitas, Schulen, Rettungswachen, Feuerwehren hätten in den letzten zwei Wochen in Quarantäne gemusst. »Kann man da nicht mal zwei Wochen Abstand halten?«

In Hildburghausen gab es laut Zahlen des Robert Koch-Instituts von Mittwoch 526,9 Infektionsfälle auf 100.000 Einwohner pro Woche - das ist das bundesweit stärkste Infektionsgeschehen. Ab einem Wert von 50 gilt eine Region als Risikogebiet.

Ramelow appellierte an die Menschen in Hildburghausen, solidarisch zu sein und »sich gegenseitig zu helfen und sich zu unterstützen«. Gerade im Raum Südthüringen sei die Situation in den Intensivstationen der Krankenhäuser angespannt. »Wenn man dann auch noch mit einer größeren Form von Missachtung und Leugnung glaubt, darauf reagieren zu können, erweist man seinen Mitbürgern einen Bärendienst«, sagte Ramelow.

+++ Linksfraktionschef Bartsch kritisiert Merkels Corona-Politik +++

Die Linke im Bundestag hat der Bundesregierung nach den Gesprächen mit den Ministerpräsidenten der Länder Fehler in der Corona-Politik vorgeworfen. »Ob in Schulen, in Zügen, Pflegeheimen oder Krankenhäusern, die Bundesregierung hat in den acht Monaten deutlich zu wenig getan. Jedes Theater hat sich besser auf den Corona-Winter vorbereitet als die Bundesregierung«, sagte Fraktionschef Dietmar Bartsch am Donnerstag in der Aussprache zur Regierungserklärung von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im Bundestag. Merkel hatte zuvor die Bund-Länder-Beschlüsse vom Mittwoch im Parlament erläutert.

Bartsch kritisierte erneut das Verfahren der Bund-Länder-Runden. Der Bundestag dürfe dann im Nachhinein ein bisschen darüber debattieren, bemängelte er. Merkel müsse ihre Erklärungen im Parlament nicht nach, sondern vor solchen Treffen mit den Ministerpräsidenten machen. »Ich fordere Sie auf, vor der nächsten Runde hier zu erklären, was Ihre Herangehensweise ist. Bei schweren Grundrechtseinschränkungen muss der Bundestag entscheiden, egal wie sehr Sie das nervt.« Agenturen/nd

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