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Sehr erfolgreich und sehr umstritten

Während Amazon in Frankreich auf dem Land gut ankommt, wächst auch der Widerstand gegen die Übermacht des Onlinehändlers

  • Von Ralf Klingsieck, Paris
  • Lesedauer: 4 Min.

Während in Frankreich wegen der gegenwärtigen Coronakrise fast alle Geschäfte geschlossen bleiben müssen und viele kleine Händler vor dem Ruin stehen, boomt der Internethandel. Auf den die Konsumenten verständlicherweise ausweichen. Der größte Nutznießer ist der US-Internethändler Amazon. Er konnte durch die Regierung in Paris nur mit Mühe dazu bewegt werden, den eigentlich für den 27. November geplanten »Black Friday« in Frankreich um eine Woche zu verschieben. Bis dahin sollen auch die kleinen Läden wieder öffnen dürfen und ihre Chance fürs Weihnachtsgeschäft bekommen.

»Weihnachten ohne Amazon«, fordert nun eine Petition in Frankreich, die von Politikern linker und grüner Parteien und Organisationen sowie von Persönlichkeiten des kulturellen Lebens, Gewerkschaftern und Nichtregierungsorganisationen unterzeichnet wurde. In dem Text, der den Begriff »Boykott« vermeidet, um nicht mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen, wird Amazon als »digitaler Wegelagerer« charakterisiert. Gleichzeitig wird dazu aufgerufen, durch das eigene Kaufverhalten bewusst den lokalen Handel zu unterstützen. Noch weiter geht eine zweite Petition »Stoppt Amazon, bevor es zu spät ist«. Sie wurde von Attac, Greenpeace und weiteren 120 Organisationen und Persönlichkeiten im Internet gestartet. Sie prangern die sozialen Ungerechtigkeiten an, die durch Corona und Giganten wie Amazon noch vertieft werden. Um dessen Steuerflucht endlich ein Ende zu bereiten, wird eine Sondersteuer auf den Umsatz internationaler Internethändler in Frankreich gefordert. Die gegenwärtige Berechnung der Unternehmenssteuer anhand des Gewinns lädt förmlich dazu ein, diesen trickreich zu »optimieren« und in Steueroasen »in Sicherheit« zu bringen.

Frankreich war Ende der 1990er Jahre das erste Land Europas, in dem sich Amazon ansiedelte. Heute gibt es hier sechs große Distributionszentren und zwei weitere sind im Nordosten und im Südwesten des Landes geplant. Außerdem gibt es mehr als 20 regionale und lokale Umschlag- und Zustellzentren, zu denen pro Jahr bis zu zehn neue hinzukommen sollen. Doch dieses Wachstum wird dadurch gebremst, dass sich vielerorts Widerstand formiert, sobald Pläne für eine Amazon-Ansiedlung bekanntwerden.

Gegenwärtig konzentriert sich der Widerstand auf geplante Standorte unweit von Nantes, Rouen und Mulhouse, während Amazon in Mondeville bei Caen schon aufgegeben hat. Deswegen geht der Internethändler dazu über, Immobilienunternehmen vorzuschicken und sich zu einem neuen Standort erst zu bekennen, wenn der Bau fertig ist und vollendete Tatsachen geschaffen wurden. Es gibt aber durchaus auch Orte in wirtschaftlichen Krisenregionen, in denen Amazon mit seinen Arbeitsplätzen und Lokalsteuern willkommen ist.

Das trifft beispielsweise auf ein Zustellzentrum nahe dem bretonischen Quimper im Nordwesten Frankreichs zu, das 2021 den Betrieb aufnehmen soll. Schon seit Monaten bewerben sich dort Menschen um einen Job. Für viele, vor allem junge Franzosen ist ein Arbeitsplatz bei Amazon sicher kein Traumjob, aber oft ist er ein Einstieg ins Arbeitsleben oder eine Übergangslösung. In den vergangenen zehn Jahren hat Amazon in Frankreich 4500 der heute 9500 festen Arbeitsplätze geschaffen. Allerdings gingen für jeden hier neu geschaffenen Platz schätzungsweise zwei bis vier im traditionellen Handel verloren, und die Arbeitsbedingungen bei Amazon sind immer wieder Anlass für Streiks und Prozesse vor den Arbeitsgerichten.

Doch über einen Mangel an Kunden kann sich Amazon nicht beklagen. Zusammen mit seinen Händlern, die ihre Ware auf dem Amazon-Marketplace verkaufen, werden auf der französischen Onlinepräsenz des Konzerns rund 22 Millionen verschiedene Artikel angeboten. Im vergangenen Jahr kam es zu insgesamt 186,2 Millionen Bestellungen. Dabei macht der Marketplace rund die Hälfte des Gesamtumsatzes von Amazon in Frankreich aus.

Vor allem auf dem Lande, wo der Einzelhandel dünn gesät ist und es oft auch bis zum nächsten Supermarkt weit ist, wird Amazon dankbar angenommen und kräftig genutzt. Die Logistik ist auf hohem Niveau und wird immer weiter perfektioniert, um den Vorsprung zur Konkurrenz weiter auszubauen. Im vergangenen Jahr haben 21 Millionen Franzosen bei Amazon eingekauft, das ist mehr als jeder zweite Erwachsene. Bei 20 Prozent liegt der Marktanteil des US-Onlineriesen im Internethandel, der in Frankreich wiederum 10 Prozent des gesamten Einzelhandels ausmacht. Durch die Coronakrise ist der Umsatz in diesem Jahr um 40 bis 50 Prozent gestiegen, erklärte Frédéric Duval, der Chef von Amazon France, in der vergangenen Woche in einem Rundfunkinterview.

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