Die neue Solidarität: Lohnverzicht

Die Arbeitskosten sind zu stark gestiegen, sagt der Arbeitgeberverband Gesamtmetall. Was ist tatsächlich passiert?

  • Von Eva Roth
  • Lesedauer: 4 Min.

In der Pandemie ist viel von Solidarität die Rede, auch die Unternehmen appellieren an den Gemeinsinn: »Alle müssen einen Beitrag zur Bewältigung der Krise leisten«, sagte der scheidende Gesamtmetallchef Rainer Dulger kürzlich. Konkret fordert der Arbeitgeberverband zum Start der Metall-Tarifrunde von den Beschäftigten Lohnverzicht. Denn die Arbeitskosten seinen »aus dem Ruder gelaufen«. Was ist passiert?

Die Lohnentwicklung in Deutschland war bis zur Finanzkrise 2008/2009 schwach bis miserabel, danach stiegen die Gehälter in der gesamten Wirtschaft deutlich stärker. In der Metallindustrie waren gerade die letzten Tarifabschlüsse relativ hoch.

Doch damit soll jetzt Schluss sein. Gesamtmetall fordert, dass die Tariflöhne dieses und nächstes Jahr gar nicht steigen. Stattdessen sollen die Gehälter sinken, indem Spätzuschläge gekappt werden und Beschäftige unbezahlt länger arbeiten. »Wir brauchen konstruktive Lösungen, die zu einer Senkung der Arbeitskosten je Stunde führen. Die sind in den vergangenen Jahren aus dem Ruder gelaufen. Wir sind bei den Arbeitskosten nicht mehr wettbewerbsfähig mit vielen Ländern innerhalb und außerhalb Europas«, befand Stefan Wolf, der seit Donnerstag Gesamtmetallchef ist, in der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung«.

Tatsächlich sind die Tarifgehälter in der Metall- und Elektroindustrie in den beiden vergangenen Jahren mit jeweils rund vier Prozent so stark gestiegen wie noch nie seit der Jahrtausendwende. Auf mittlere Sicht sind die Zuwächse indes unspektakulär: Seit 2010 legten die Tarifeinkommen jährlich im Schnitt um 2,8 Prozent zu und damit etwa so stark wie vor der Finanzkrise.

Die entscheidenden Veränderungen spielten sich eher außerhalb der Metall-Tarifsphäre ab: In der gesamten Wirtschaft stiegen die Entgelte der Beschäftigten ab 2010 im Durchschnitt um 2,6 Prozent und damit viel stärker als zuvor.

Diese gesamtwirtschaftliche Lohnentwicklung ist für Industriebetriebe relevant, etwa, weil sie Leistungen aus anderen Bereichen beziehen, von Ingenieursarbeiten über Logistik bis zum Wachdienst.

Dass die Arbeitskosten bei einem Zuwachs von jährlich 2,6 Prozent »aus dem Ruder gelaufen« sind, ist dabei eine gewagte These. Den Unternehmen geschadet hat das jedenfalls nicht: Nach der Finanzkrise hat Deutschland einen ungewöhnlich langen Aufschwung erlebt. Für keynesianische Ökonominnen und Ökonomen ist logisch. Aus ihrer Sicht sollten sich die Verdienste am Verteilungsspielraum orientieren, der sich zusammensetzt aus Zielinflationsrate der Europäischen Zentralbank (EZB) und Trendwachstum der gesamtwirtschaftlichen Produktivität. Legt man diesen Maßstab zugrunde, war die Entwicklung zuletzt nahezu mustergültig: Der Verteilungsspielraum lag in den 2010er Jahren bei 2,7 Prozent und entsprach damit fast dem Lohnplus. Alexander Herzog-Stein vom gewerkschaftsnahen Forschungsinstitut IMK erklärt, warum sein Institut diese Messlatte anlegt: Wenn die Produktivität steigt, stellen Beschäftigte pro Stunde mehr Güter her. An diesem Wohlstandsfortschritt sollen sie beteiligt werden. Zusätzlich sollten die Gehälter entsprechend der Zielinflationsrate von knapp unter zwei Prozent steigen. Dadurch wird die von der EZB angestrebte Preisentwicklung unterstützt, etwa, wenn Unternehmen die Preise anheben, weil die Arbeitskosten gestiegen sind. Im Auf- und Abschwung sollten die Gehälter aus keynesianischer Sicht einigermaßen gleichmäßig steigen, um die wirtschaftliche Entwicklung zu stabilisieren. Auch jetzt, in der Pandemie, würde ein gesamtwirtschaftlicher Lohnstopp nicht zur Sicherung von Jobs beitragen, sagt Herzog-Stein. Denn dadurch würde die Nachfrage weiter sinken, Firmen würden weniger Güter verkaufen und womöglich Personal entlassen. Statt eines Lohnstopps seien staatliche Hilfen in der Krise und für einen klimafreundlichen Umbau der Produktion sinnvoll.

Die preisliche Wettbewerbsfähigkeit von Firmen kann sich allerdings auch dann verschlechtern, wenn die Verdienste hierzulande nicht zu stark nach oben geschossen sind. Und zwar dann, wenn in anderen Ländern die Gehälter schwächer steigen. Genau das ist nach der Finanzkrise geschehen. Verantwortlich dafür war insbesondere die Austeritätspolitik in der Eurokrise.

So sind die Lohnstückkosten, also die Arbeitskosten pro hergestellter Einheit, in Deutschland zuletzt stärker gestiegen als im Rest der Eurozone. Allerdings ist der Rückstand aus der hiesigen Niedriglohnzeit nach der Jahrtausendwende immer noch nicht aufgeholt: Seit 2000 haben sich die Lohnstückkosten hierzulande um rund 26 Prozent erhöht, im Rest der Eurozone um 31 Prozent.

Wenn die Gehälter entsprechend dem gesamtwirtschaftlichen Verteilungsspielraum steigen, bedeutet dies: Die Lohnstückkosten, in denen der Produktivitätszuwachs bereits berücksichtigt ist, folgen dem EZB-Inflationsziel. Legt man dieses Ziel zugrunde, gab es in der gesamten Eurozone zu geringe Zuwächse (siehe Grafik).

Auch die Exportüberschüsse, die sich im vorigen Jahr auf 224 Milliarden Euro summierten, sind ein Indiz, dass hiesige Unternehmen wettbewerbsfähig sind.

Insofern liegt der Schluss nahe, dass die Metall-Arbeitgeber schlicht die Krise als Chance für Nullrunden sehen. Dabei knüpfen sie an den Zeitgeist an: So argumentiert Gesamtmetallchef Wolf, dass Industriebeschäftigte verzichten können, weil sie bereits gut verdienen. Altenpflegekräfte würden dagegen zu gering entlohnt. Dumm nur, dass Gesamtmetall nicht nur die Löhne für zu hoch hält, sondern auch die »Lohnnebenkosten«. Wenn letztere - also die Sozialbeiträge von Beschäftigten und Unternehmen - stagnieren oder sinken, beschränkt das die Einnahmen der Kranken- und Pflegeversicherung. Das erschwert wiederum eine solidarisch finanzierte Lohnerhöhung für Pflegekräfte.

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