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Weihnachten zu dritt

Andreas Fritsche hält sich an die Regeln, auch wenn er zuweilen skeptisch ist.

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 2 Min.

In Berlin sollen wegen der Coronakrise maximal fünf Personen zusammen Weihnachten feiern dürfen, plus Kinder bis zum Alter von 14 Jahren. Bei einer Familie mit drei älteren Kindern müssen die Großeltern wegbleiben. Weiß der Senat, dass diese im Bundesvergleich harte Vorschrift in der Praxis nicht durchsetzbar ist? Sicher wird der eine oder andere Bürger hinter der Gardine stehen und die Nachbarn bei der Polizei melden.

Doch wie viele Einsätze sollen die Beamten fahren? Wir wissen doch, dass die Bevölkerung dieser Stadt nicht geneigt ist, durchaus vernünftige Regeln zu akzeptieren. Als Fußgänger oder Radfahrer beachten gefühlt allenfalls zehn Prozent der Einwohner rote Ampeln. Dabei geht es doch bei den Verkehrsregeln darum, Tote und mit Verletzten überfüllte Kliniken zu vermeiden.

Ich persönlich halte mich an Regeln, wenn es nichts schaden kann. Ich warte an der roten Ampel. Ich bin seit anderthalb Jahren nicht mehr im Urlaub gewesen und habe so lange auch meine Eltern nicht mehr besucht, obwohl das zwischendurch möglich gewesen wäre. Aber mein Vater hatte nun einmal trotzdem Angst vor einer Ansteckung. Dafür habe ich Verständnis, genauso wie für Jugendliche, die von den Beschränkungen genervt sind.

Ich habe sogar ein ganz kleines bisschen Verständnis für diejenigen in der linken Szene, die sonst immer alles äußerst kritisch sehen, aber aktuell die Maßnahmen der Regierung zur Eindämmung der Pandemie kaum hinterfragen und Protestdemonstrationen am liebsten gleich verbieten möchten.

Es ist schwer geworden, sich zu orientieren. Es gibt AfD-Anhänger, die strenge Kontaktbeschränkungen wünschen, und Linke, die bei den Querdenkern mitlaufen. Bei der Beurteilung der Lage geht der Riss durch Familien und Freundeskreise.

Ich persönlich war diesen Sommer angesichts zwischenzeitlich sehr geringer Coronazahlen skeptisch gegenüber den aufrecht erhaltenen Beschränkungen, ohne sie deswegen zu verletzen.

Als die Zahl der Toten hochschnellte und die Intensivstationen sich dann doch rasch füllten, habe ich meine Einschätzung überdacht. Wir werden Weihnachten zu dritt feiern und mit den Großeltern nur telefonieren. Die Polizei werde ich nicht anrufen.

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