Überraschungen des Pessimismus

Best of Menschheit, Teil 48: Pessimismus

  • Von Tim Wolff
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Gabe und der Fluch des Menschen, sich eine Vorstellung von der Zukunft machen zu können, hat unter anderem zu Gestalten wie dem Orakel von Delphi, Nostradamus und dem Zukunftsforscher Matthias Horx geführt. Ja, man könnte fast - rückblickend - sagen, Matthias Horx ist das, was passiert, wenn man altgriechischen Priesterinnen und frühneuzeitlichen Apothekern die psychedelischen Dämpfe, die mutig gepanschten Mittelchen und den religiösen Wahn nimmt: etwas Todlangweiliges.

Der Mensch will gar nicht wissen, was ihm bevorsteht, er will es bestenfalls ahnen und im Nachhinein es richtig gewusst haben (obligatorischer Hinweis: Das gilt natürlich vor allem für den männlichen Teil der Spezies, der seine Geschlechtsidentität so erfolgreich identisch mit dem Menschsein gleichgesetzt hat).

Der Erfolg des Homo sapiens beruht nicht nur auf dem Präventionsparadox, sondern auch auf der Fiktionalisierung der Zukunft. Wobei Fiktionalisierung nicht ganz der richtige Begriff ist. Es ist eher so: Der Mensch verträgt die Defiktionalisierung der Vorhersage nicht. Sie ist als Abfallprodukt der Wissenschaft historisch zu neu, um nicht etwa bis an den Rand der Leugnung und darüber Warnungen von Klimaforschern mit apokalyptischen Religionsszenarien gleichzusetzen. Gleichfalls beliebt: »Wir haben das Ozonloch, das Waldsterben, Tschernobyl überlebt, da wird der Klimawandel auch nicht so schlimm sein« - bei aller Ignoranz, dass keines dieser globalen Probleme wirklich gelöst ist und die Zwischenlösungen gegen den massiven Widerstand des jeweils Herrschenden erzielt wurden.

Und doch könnte man fast melancholisch werden, wenn man an diese Katastrophen eines anderen Jahrtausends denkt. Denn wenigstens existierten sie in einem großen Konflikt um politische Utopien. Gleich zwei weltmächtige Systeme erzählten in ihrer Konkurrenz Geschichten einer strahlenden Zukunft. War man unglücklich mit der Realität des einen Systems, konnte man sich die Erzählung des anderen nehmen - und hoffen.

Seit aber das eine System das andere lächerlich gemacht hat und den kompletten Planeten durchdringt, gibt es nur noch Dystopien (ein auch nur oberflächlicher Blick auf die Hervorbringungen der Kulturindustrie des Siegers reicht für diese Feststellung) - und eine realistische Bedrohung, die systemisch nicht in den Griff zu kriegen ist.

Als ich in diesem anderen Jahrtausend Kind war, diskutierte ich oft mit »Kindkollegen« (Gerhard Polt) die Vorteile von Optimismus und Pessimismus. Ich entschied mich meist für das zweite, weil mir Optimismus stets als Weg in die Enttäuschung erschien, was wiederum neuen, noch mehr Optimismus verlangt. Pessimismus hielt aber stets freudige Überraschungen parat.

Optimismus verlangt noch in jeder Gesellschaft, die der Mensch geschaffen hat, letztlich ein exponentielles Wachstum, das kein Individuum leisten kann. Die damit erzwungene Verblendung stürzt irgendwann die Depression. Pessimismus kommt der Natur, die sich einen Dreck ums Individuum schert, viel näher. Mit ihm kann man sie immer wieder ein wenig besiegen.

Vergleichsweise gute Zeiten waren das, wenn man mal von den Leuten absieht, die sich in diesen Diskussionen immer für eine dritte Option, den »Realismus«, entschieden haben. Das sind vermutlich die gleichen, die heute »weder rechts noch links« sind und damit rechts - und im schlimmsten Fall für die »Zeit« schreiben. In diesem Jahrtausend aber bin ich zum Optimisten geworden; schlicht weil der Ausblick so ein düsterer ist, dass das Ergebnis von Optimismus (sooo schlimm wird es nicht werden) ungefähr das ist, was früher Pessimismus hervorgebracht hat. Nur dass der Optimismus noch immer das Potenzial zur Enttäuschung hat, die zu dem niederschmetternden Ergebnis führt, das der kurrente Pessimismus schon kennt. Kurz: Es wäre schön, noch einmal in einer Welt leben zu dürfen, in der Pessimismus die gute Wahl ist. Wird es sie geben?

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