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Das Gewissen, 1936

Der achte Rath-Roman von Volker Kutscher

Mit grellen Bildern, spektakulären Suiziden und wilden Tanzszenen schildert auch die dritte Staffel der ARD-Serie »Babylon-Berlin« die späten 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, das Emporkommen der Nazis in der Gesellschaft und damit auch in der Polizei.

Mittendrin ist Kriminalkommissar Gereon Rath, der mysteriöse Mordfälle in den Babelsberger Studios der Universal-Film AG aufklären soll. Rings um die Haupthandlung gibt es viele Nebenstränge, sowohl in düstere als auch in grelle Farben getunkt. Die Zuschauer müssen sich mit vielen Handlungsebenen gleichzeitig auseinanderzusetzen - ein irrer Reigen, der anmutet wie der berühmte Tanz auf einem Vulkan. So, wie die Endphase der Weimarer Republik ja auch oft beschrieben wird. Die Regisseure und Drehbuchautoren setzen das Wissen um die Zeitläufte voraus. Man weiß um den weiteren Verlauf und Ausgang.

Anders verhält es sich bei den Romanvorlagen von Volker Kutscher. In »Olympia«, dem nun erschienenen achten Band der Rath-Serie, lässt Kutscher seine Figuren ihre Zeit greifbarer erleben und das politische Geschehen erfahren.

Gereon Rath, ursprünglich Kriminalkommissar aus der preußischen Provinz Köln, ist inzwischen im Berlin der Mittdreißiger Jahre angekommen. Der aus konservativ-liberalen Kreisen stammende, eigentlich unpolitische Polizist, muss sich unter den Nazis der Entwicklung der Zeit stellen - aus der preußischen ist inzwischen die Reichspolizei geworden. Rath ist mittlerweile zum Oberkommissar beim Landeskriminalpolizeiamt ernannt worden. Mit Hitlers Erlass vom Juni 1936 wurde Heinrich Himmler, bislang Reichsführer SS und Chef der Geheimen Staatspolizei (Gestapo), zum allmächtigen Chef der Deutschen Polizei und somit auch der Kriminalpolizei ernannt. Zudem wurde auch der Sicherheitsdienst (SD) der SS in das System integriert.

Dies ist das Spannungsfeld, in dem Gereon Rath im Olympiajahr 1936 den Mord an einem US-amerikanischen Sportfunktionär aufklären soll. Im Sommer ist Berlin im Olympiafieber, mit großem Tamtam will sich die Naziführung als weltoffen präsentieren. Im Vorfeld der Olympischen Spiele hatte es international internationale Proteste gegen die Nazis wegen der politischen Verfolgung und der zunehmenden Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung gegeben. Etliche Nationen, vor allem die USA, drohten, die Spiele von Berlin zu boykottieren. Ein Mord im Olympischen Dorf kann da nur kontraproduktiv wirken. Und so wird Rath vom SD aufgefordert, verdeckt und im Stillen zu ermitteln. Die Nazis denken an eine kommunistische Verschwörung, um die Spiele kurz vor ihrer Eröffnung doch noch zu torpedieren. Rath, der nicht an ein solches Komplott glaubt, muss sich den Befehlen fügen. Zunehmend gerät der Oberkommissar in ein Räderwerk, das nicht nur seine Ehe mit Charly, die aus ihrer Abneigung gegen die Nazis kein Hehl macht, gefährdet, sondern auch ihren früheren Pflegesohn Fritze, der zufällig Zeuge des Anschlags auf den US-Funktionär wurde.

Kutscher versteht es, in leisen Tönen die Gewissenskonflikte seines Protagonisten darzustellen. Hatte der Autor in den ersten sieben Bänden der Reihe sowohl die Verstrickungen der Unterwelt Berlins mit einer korrupten Polizei, als auch den zunehmenden Einfluss von SA und SS auf die Behörden gezeigt, so arbeitet er in »Olympia« die brutale Übernahme der Kontrolle durch den Geheimdienst SD heraus. Dabei lässt Kutscher geschickt historische Personen mit fiktiven Helden agieren, in einem wie immer präzise recherchierten Setting.

Man darf gespannt sein, ob und wie sich Gereon Rath dem faschistischen Machtapparat entziehen kann, oder ob er sich resignierend unterordnen wird, um eines Tages so zu enden, wie Hans Falladas Kommissar Eschinger, der in »Jeder stirbt für sich allein« nur noch den Freitod als Ausweg sieht. Diese Zuspitzung des inneren Konfliktes Raths hebt Volker Kutschers Romanserie von üblichen Kriminalgeschichten ab.

Volker Kutscher: Olympia. Der achte Rath-Roman. Piper. 542 S. geb. 24 €.

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