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  • Berlin
  • Menschen mit Behinderungen

Selbstbestimmt und selbstvertreten

Für Menschen mit Behinderung geht es nicht um besondere, sondern um allgemeine Rechte

  • Von Claudia Krieg
  • Lesedauer: 4 Min.

Steffi will selbst bestimmen, was sie anzieht. »Ich entscheide für mich, das ist Selbstvertretung«, erklärt die Trickfilmfigur und beeindruckt damit ihren Kumpel Max, der dazu meint: »Toll, ich traue mich oft nicht.« Deshalb lädt Steffi Max ein und zeigt ihm die Möglichkeiten, wo man seine Meinung sagen und zeigen kann, was man gern möchte: zu Hause, auf der Arbeit, überall.

Die eigene Stimme zählt

Dass Steffi und Max zwei Menschen mit Behinderungen darstellen, wird erst auf den zweiten oder dritten Blick deutlich. Der vierminütige Erklärfilm »Meine Stimme zählt«, den die Berliner Lebenshilfe zusammen mit der Aktion Mensch zum diesjährigen Tag der Menschen mit Behinderung auf ihrem Youtube-Kanal veröffentlicht hat, soll denen Mut machen, die vielleicht oft denken: Mir hört niemand zu. Er soll Mut machen, seine Stimme zu erheben und seine Wünsche und Bedürfnisse zu äußern. Gerade Menschen mit Behinderungen oder Einschränkungen machen trotz des jahrzehntelangen Kampfes um Selbstbestimmung und Gleichbehandlung wiederkehrende Erfahrungen von Diskriminierung. Dazu kann auch gehören, nicht gehört zu werden, wenn man die eigenen Wünsche formuliert. Denn Selbstvertretung heißt: Das will ich. Der Film erklärt nicht, wie behinderte Menschen »ticken«, er erklärt ihnen, dass sie sich nicht von denjenigen ohne Einschränkungen sagen lassen sollen, was ihre Bedürfnisse sind. Aber auch untereinander müssen Menschen, ob mit oder ohne Behinderung, sich artikulieren dürfen. Deshalb begleitet Steffi Max auf der »Straße der leichten Sprache« zu seiner Wohngemeinschaft und steht ihm dabei zur Seite, einen großen Wunsch auszusprechen - was er sich bis dahin nicht getraut hat. Eine Situation, die vielen bekannt vorkommt? Aus diesem Grund ist der kleine Film auch lehrreich für alle.

Dass es für Menschen mit Behinderung nicht um Sonderrechte geht, erklärt auch Dagmar Pohle (Linke), Bezirksbürgermeisterin von Marzahn-Hellersdorf: »Wir alle haben das Bedürfnis nach geeignetem Wohnraum, nach Bildung, nach einem sinnvollen und ausreichend gut bezahlten Job, möchten vielleicht gerne in einem der zahlreichen Vereine Sport treiben und unseren Alltag nach unseren eigenen, selbstbestimmten Vorstellungen gestalten«, heißt es in einer Mitteilung der Bezirksbürgermeisterin zum 3. Dezember. Besonders sei daran nichts. Besonders sei es vielmehr, dass alltägliche Dinge, die für Menschen ohne Behinderung selbstverständlich sind, von Menschen mit Behinderung auch elf Jahre nach Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention noch erkämpft werden müssten. In Marzahn-Hellersdorf wird mit dem Bezirksbeirat für Menschen mit Behinderung ein Aktions- und Maßnahmenplan erarbeitet, der diese Situation langfristig verbessern soll.

Unter den Bedingungen der Corona-Pandemie sind solche Vorhaben unter anderem dadurch erschwert, dass Menschen mit Behinderungen zu Covid-19-Risikogruppen gehören oder andere Einschränkungen dazu führen, sich in einer von Unsicherheit geprägten Situation eher zurückzuziehen als andere. Darauf wiesen Verbände bereits zu Beginn der Coronakrise hin.

Diese Erfahrung macht auch Lina Gühne, Leiterin beim Projekt »Jobbrücke« vom Diakonischen Werk Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Etwa 30 Berufstätige beraten hier ehrenamtlich Menschen mit Einschränkungen bei Bewerbungsstrategien und der grundlegenden Orientierung auf dem Arbeitsmarkt.

Sensibilität statt Bevormundung

An sich sei das ein »kleines, aber feines Nischenprojekt«, erklärt Gühne dem »nd«, in dem »kostbare Spezialerfahrung« entstehe. Aber es einfach auf digital umzustellen, sei gar nicht so einfach, erzählt sie weiter: »Wer auch sonst scheu ist oder an einer seelischen Erkrankung leidet, für den ist es schwer, wenn er sich im direkten Gespräch nicht mal mehr an einer Tasse Kaffee festhalten kann.« Für viele Menschen sei die Zeit sehr hart und auch im Projekt habe sie einige Beratungsnehmer*innen bereits »verloren«, meint die Diakonie-Mitarbeiterin.

Es braucht in der Pandemie Sensibilität für Menschen mit Einschränkungen, zum Beispiel auch, weil sie aufgrund von Sehbehinderungen Abstand nicht einhalten können oder auch Hinweise übersehen, ganz abgesehen von Menschen mit chronischen Atemwegserkrankungen, die mit einer Mundnasenbedeckung nur sehr schlecht Luft bekämen. Darauf verwiesen haben die Landesbehindertenbeauftragte Christine Braunert-Rümenapf und Niels Busch-Petersen, Leiter des Handelsverbands Berlin-Brandenburg, in einem Brief an die Betriebe des Berliner Einzelhandels bereits im August.

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