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Sodom: Soundtrack für Mofa-Fahrer

Die Metal-Band Sodom feiert mit »Genesis XIX« ihr Comeback zu alter Stärke – mit unangenehmen Beigeschmack: Textlich dockt man bei den Rechten an

  • Von Christian Klemm
  • Lesedauer: 4 Min.

In Hipster-Kneipen wird für gewöhnlich kein Thrash Metal gespielt. Warum auch? Dieses extreme Musikgenre ist die Antithese zu allem, was modisch ist: Metal-Fans kommen entweder im tiefergelegten Opel oder auf der Mofa (mit angebohrtem Auspuff, versteht sich) vorgefahren, haben fettige lange Haare, tragen Nieten- und Patronengurte und trinken vor jedem Konzert mindestens einen Sechserträger Bier leer - und mindestens einen danach. Mit Rollkragenpullover, Jutebeutel und Adorno-Gesamtausgabe im Rucksack ist man in dieser Szene falsch.

Der Prototyp des ungewaschenen Metallers ist Tom Angelripper, der eigentlich Thomas Such heißt. Angelripper ist Kopf der Thrash-Metal-Kapelle Sodom aus Gelsenkirchen, hat früher auf der Zeche gearbeitet und läuft seit Beginn seiner Karriere mit mindestens drei atü auf dem Kessel durch die Gegend. Seine Band - der Bassist und Sänger ist eine Art Alleinherrscher bei Sodom - hat nun mit »Genesis XIX« ein neues Werk veröffentlicht, das 16. seit der Bandgründung 1982.

»Genesis XIX« ist ein doppeltes Comeback für das Assi-Kommando aus dem Ruhrpott: Zum einen ist mit Frank Blackfire ein Mann in die Band zurückgekehrt, der bereits Ende der 1980er Jahre die Gitarre bei den Gelsenkirchenern bedient hat - und damit mitverantwortlich für Genre-Perlen wie »Persecution Mania« und »Agent Orange« ist. Zum anderen lassen Angelripper und Mannen mit »Genesis XIX« die schwächeren Platten vergessen, die Sodom zuletzt veröffentlichten. Also alles richtig gemacht? Nicht ganz.

Tatsächlich versprüht das neue Album durch seine erdige Produktion den Charme der 1980er Jahre: Ein digitales Vollprogramm, das schon so manche Aufnahme mehr nach Nintendo als nach Metal hat klingen lassen, sucht man auf »Genesis XIX« vergebens. Die zwölf Songs - mal in höherer Geschwindigkeit, mal im Schneckentempo vorgetragen - haben ein gesundes Maß an Melodien, sodass nicht nur Fans des hemmungslosen Krachmachens zum Headbangen eingeladen werden, sondern ebenfalls Freunde etwas filigranerer Klänge auf ihre Kosten kommen. Vorschlaghammer meets Florett sozusagen. Dann und wann kommt auch etwas Punk-Rock-Atmosphäre auf, was dem Album nur gut tut. Auch das erinnert den Hörer an die gute alte Zeit, denn Sodom waren bereits in ihren Anfangstagen vom Punk beeinflusst.

Und doch gibt es etwas zu kritisieren: So fehlen der Platte die Hits. Highlights jeder Sodom-Show sind die vielen Kracher, die Angelripper und Konsorten in ihrer langen Karriere vertont haben: Bei »Wachturm« (eine spöttische Hymne auf das Mitteilungsblatt der Zeugen Jehovas), »Agent Orange« (über das fürchterliche Entlaubungsmittel der US-Amerikaner im Vietnam-Krieg), »Die stumme Ursel« (ein Einsamer Jüngling vergnügt sich sexuell mit einer Gummipuppe) und »The Saw Is the Law« (textlicher Nonsens) werden von den Fans immer gefeiert. »Genesis XIX« hat nichts, was die Fans live so zum Ausrasten bringen könnte. Auf der Platte gibt es viele starke Songs (»The Harpooneer«, »Sodom & Gomorrah« und den Titeltrack beispielsweise), die auch in ein Sodom-Liveset gehören. Aber Bandklassiker sind es nicht.

Es gibt auf der Platte einen Song namens »Nicht mehr mein Land«, der vor allem durch seinen Text negativ auffällt. Darin sind Zeilen zu lesen wie: »Nicht mehr mein Land, Nicht mehr mein Gott, Die Freiheit stirbt auf dem Schafott.« Oder: »Das Leben dient nur der Arterhaltung, Die Liebe nur Mittel zum Zweck, Wenn Recht mit Unrecht kopuliert, Wird Widerstand zur Pflicht.« Diese Zeilen sind erstens etwas ungelenk und pathetisch, können zweitens alles und nichts bedeuten. In Corona-Zeiten, in denen irgendwelche »Querdenker« und AfD-Sympathisanten Woche für Woche die Straßen dieser Republik unsicher machen und von »Zwangsimpfungen« und »Corona-Lüge« schwadronieren, haben diese Worte aber einen unangenehmen Beigeschmack. Auch wenn Angelripper im »Metal Hammer« betont, »weder rechts noch links« zu stehen; so ein Text passt eher auf ein Album der Böhsen Onkelz als auf die neue Sodom-LP. Und wenn der Musiker sagt, er ordne sich selbst »in der politischen Mitte« ein, dann knüpft er damit indirekt an ein Narrativ der Rechten an, die in jüngster Vergangenheit ebenfalls »weder links noch rechts« gewesen sein wollen, sondern »vorn«. Das Dilemma ist: Angelripper merkt offenbar selbst nicht, in welches Fahrwasser er durch »Nicht mehr mein Land« gerät. Und genau das macht einen langjährigen Sodom-Fan schon etwas traurig.

Sodom: »Genesis XIX« (Steamhammer/SPV)

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