Werbung

Wir machen so etwas eigentlich nicht

DER FEIND STEHT RECHTS: Nach jedem Anschlag vollzieht sich ein Ritual. Verlässlich. Sicher. Auch nach der Tat in Trier, beobachtet Stephan Anpalagan.

  • Von Stephan Anpalagan
  • Lesedauer: 3 Min.

Bernd. Der Mann heißt Bernd. Und das wiederum ist natürlich nicht so gut.

Wann immer ein Anschlag auf Menschen, auf Menschenleben, auf die freiheitlich demokratische Grundordnung in diesem Land verübt wird, entfaltet sich ein zynisches Ritual. Eingeübt. Routiniert. Immer. Ausnahmslos.

Kaum wird der Anschlag publik, diesmal in Trier, mehren sich die Stimmen, die Informationen einfordern und Tathintergründe erfragen. Die wissen wollen, was es mit der Tatwaffe und dem Täter auf sich hat. Die einzuordnen versuchen, ob es politische oder religiöse Motive gegeben haben könnte, die zu dieser Tat geführt haben.

Nun ist diese Form der Neugier keineswegs verwerflich. Es liegt in der grausamen Natur der Sache, dass Menschen, die aus schlicht menschenfeindlichen Motiven heraus Frauen, Männer und Kinder umbringen, die aus Verblendung, Ideologie oder purem Menschenhass solcherlei Anschläge begehen, nicht im Rahmen dessen agieren, was auf den ersten Blick verständlich oder nachvollziehbar wäre. Aus journalistischer und wissenschaftlicher Sicht gibt es also eine Unmenge an Fragen, die sich im Anschluss an einen solchen Anschlag stellen. Fragen zur Tat, zum Tatmittel, zur Tatausführung, zum Tatmotiv, zum Täter, zur Tätergruppe, sie alle werden wichtig werden, nicht zuletzt, wenn es darum geht, die genauen Hintergründe eines solchen Mordanschlags aufzudecken und diejenigen zur Rechenschaft zu ziehen, die diesen Terror über die Opfer gebracht haben.

Aber, und man kann das kaum genug betonen, um all das geht es denjenigen, die wenige Minuten nach der Eilmeldung zum Anschlag nach der Staatsangehörigkeit der Täter, nach Stammbäumen und Vornamen fragen, nicht. Gar nicht. Überhaupt nicht.

Es geht vielmehr um vorgefertigte Pressetexte, um Facebook-Kacheln, Politikerstatements und menschenfeindliche Kampagnen, die in Dauerschleife um die selben Themenfelder kreisen: islamistischer Extremismus, kriminelle Ausländer, gewalttätige Flüchtlinge. Allesamt angereichert mit den immer gleichen Schreckensvisionen von vollen Booten, Menschenfluten, schwarzen Männern, die hierher kommen, um unsere weißen Frauen zu schänden. Es geht um nichts anderes als um Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, es geht um »uns« und »die Anderen«, es geht um ein Menschenbild, das eine unselige Tradition hat in diesem Land.

All dies ist in der Frage nach der Staatsangehörigkeit, der Religionszugehörigkeit, der familiären Situation und dem Vornamen des Täters verborgen. Kein gesellschaftliches oder wissenschaftliches Interesse, kein Relevanzkriterium und kein Nachrichtenwert stecken dahinter, vielmehr ist es die Hoffnung nach einem politischen Punktgewinn, der sich darin erschöpft, dass die herbeigesehnte Spaltung der Gesellschaft, die Mauer in den Köpfen und die Vorbehalte gegen »die Anderen« endlich Realität werden. Und mit ihr auch die Mutmaßungen am familiären Frühstückstisch oder all die strafrechtlich relevanten Witze in der dienstlichen Whatsapp-Gruppe.

Und dann das: Bernd. Der Mann heißt Bernd. Und das wiederum ist natürlich nicht so gut. All die aufgebaute Spannung, all die vorformulierten Pressetexte werden mit diesem langweiligsten aller deutschen Namen obsolet. Nein, sie verkehren sich gar ins Gegenteil: Es war nicht nur niemand von »den Anderen«, es war in diesem Fall gar jemand »von uns«! Der größte anzunehmende Unfall, das Worst-Case-Szenario, die Offenbarung, dass die Menschenfeinde unter unseresgleichen weilen.

Das ist natürlich überhaupt nicht gut. Nun gilt es zu debattieren, welche Tathintergründe infrage kämen. Natürlich hat nichts mit der Sozialisierung des Täters, mit seinen familiären Hintergründen oder seiner Religion zu tun - wie es der Fall wäre, wenn Muslime oder Flüchtlinge die Tat begangen hätten. Nein, im Falle eines »Bernds« müssen wir, wie bei Amokläufen der Vergangenheit bereits hinreichend erprobt, über Killerspiele, Paintball und Heavy Metal-Musik diskutieren, über Drogen und psychische Erkrankungen. Über schlechte Einflüsse von Außen. Über alles, nur eben nicht über uns selbst.

Denn »wir« machen so was ja eigentlich nicht. Eigentlich.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln