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Vernunft im Lockdown, die dritte

Stephan Fischer zum über Nacht erneut verlängerten Novemberlockdown

  • Von Stephan Fischer
  • Lesedauer: 3 Min.

Wenn man bemerkt, dass ein bestimmtes Maßnahmenbündel nicht den gewünschten Erfolg hat – dann verlängert man es am besten. Unangekündigt über Nacht, egal wie sehr Grundrechte weiter eingeschränkt bleiben. Aber wiederum mit Ausnahmen, damit auch wirklich niemand mehr folgen kann. Und das führt dann nur deshalb nicht zu einem Aufschrei, weil die Maßnahmen eben deshalb keinen Erfolg haben, weil ein Teil der Menschen sie ohnehin nicht spürt. Oder sich daran nicht hält. Oder sie von selbst aus Vernunft, Eigen- und Fremdschutz bereits übererfüllt.

Der sogenannte Teillockdown wurde nun quasi über Nacht bis zum 10 Januar verlängert. Das entscheiden Kanzleramt und Länderchefs jetzt einfach so. Man wollte zwar erst am 15. Dezember darüber entscheiden, aber egal. Mecklenburg-Vorpommern schert dabei aus, aber das ist ja nur ein Bundesland von 16. An ein Ende zum 20. Dezember glaubte ja eh niemand mehr. Und warum der »Novemberlockdown« so genannt wurde … Nun, weil er im November begann. Nun ist dieser seit über einen Monat in Kraft und hat bisher nicht für sinkende Infektionszahlen gesorgt. In Ländern wie Sachsen geht die zweite Welle gerade erst so richtig los. Und weil die Maßnahmen bisher so viel gebracht haben, werden sie verlängert. Aber am 10. Januar ist dann bestimmt Schluss mit dem Novemberlockdown. Nachdem zu Weihnachten und Silvester »als Belohnung« alle Bestimmungen gelockert wurden. Außer in Berlin, aber das ist ja nur ein Bundesland von 16. Wenn dann die Schulen im Januar wieder öffnen. Wenn man sie nicht schließen muss, obwohl sie ja wie ständig von Kultusministerinnen und –ministern wiederholt wurde, nichts mit der Pandemie zu tun haben. Deshalb musste man dort auch seit März kaum etwas tun, außer Lehrer und Schüler sich selbst zu überlassen.

Die Bekämpfung des Virus erfordert Handeln, zu dem diese Gesellschaft offenbar kollektiv nicht mehr in der Lage ist. Sie erforderte dazu eine politische Kommunikation, die glaubwürdig auf das Ziel des Gesundheitsschutzes orientiert. Stattdessen wird sich in der messianischen Hoffnung auf einen Impfstoff immer weitergehangelt, immer in der Hoffnung, dass die eigenen Versäumnisse nicht zu offenkundig werden. Die Bürger, die sich schützen wollen, werden alleingelassen, beim Rest wird an Vernunft und Empathie appelliert, die sich größere Teile der Gesellschaft offenbar erfolgreich abtrainiert haben. Und alle werden wie unmündige Kinder behandelt, denen die Wahrheit nicht zuzumuten und sie deshalb immer Stück für Stück vertröstet werden. Wann bringt denn endlich der Osterhase die Erlösung, wenn es jetzt der Weihnachtsmann offenbar nicht schafft?

Warum die zweite Verlängerung des Novemberlockdowns kaum noch etwas auslöst? Weil man es bereits vor Wochen wissen bzw. ahnen konnte. Weil einen hier gar nichts mehr überrascht. Und weil man selbst alle Kraft für die Ansteckungsvermeidung und Pandemiebewältigung aufwenden muss.

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