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»Wir improvisieren, was das Zeug hält«

Tafeln mildern Folgen der Armut - jetzt täte es not, über Ursachen zu reden, sagt Vorsitzender Jochen Brühl

  • Von Inga Dreyer
  • Lesedauer: 7 Min.

Vor der Bernauer Tafel geht es an diesem sonnigen Herbsttag ein wenig zu wie auf dem Basar. Ein Mann mit Baseballkappe und Lederjacke managt das Ganze. Frank Vierath ruft Preise aus, die eher symbolische Obolus sind, und ermahnt Wartende, sich in die Namensliste einzutragen. »Ist sehr gut, das Waschmittel, habe ich schon probiert«, sagt Vierath und lacht hinter seinem schief sitzenden Mund-Nasen-Schutz.

Eine Kundin in gelber Daunenjacke möchte die in ihrem Einkaufswagen liegenden Blumensträuße bezahlen. Die Blüten sehen ein wenig schlapp aus, aber mit etwas Wasser wird das schon wieder. »Ich finde es toll, dass es für Menschen, denen es nicht so gut geht, diese Möglichkeit hier gibt«, sagt Viola. Die Rentnerin aus der Kleinstadt Bernau im nördlichen Berliner Umland kauft im Außenbereich der Tafel ein - dort, wo jede*r hinkommen kann, ob bedürftig oder nicht. Für den Innenbereich muss man sich registrieren. Dafür sei ihre Rente zu hoch, sagt Viola. Aber draußen stöbere sie gerne. »Ich finde es gut, wenn nicht so viel verschwendet wird.«

Auch während der zweiten Coronawelle bleibt der Laden der Bernauer Tafel unter strengen Abstands- und Hygieneregeln geöffnet. »Die Tafel ist lebenswichtig für viele Menschen«, sagt Vierath, der sich seit zehn Jahren ehrenamtlich engagiert. Viele Kund*innen kennt er schon lange. »Ich fertige sie nicht nur ab, sondern rede auch mit ihnen. Manche haben so wenig, dass es weder hinten noch vorne reicht.« Seit Beginn der Coronakrise kämen noch mehr Menschen als früher. »Manchmal ist es schwer, alle zufriedenzustellen.«

Zu den neuen Kund*innen der Tafeln zählen Menschen, die in der Krise ihren Job verloren haben. So wie Zornitsa Videnova. Die 30-Jährige wartet vor dem Tafel-Laden. Sie stammt aus Bulgarien, lebt seit vier Jahren in Deutschland und arbeitet als Reinigungskraft in Hotels und Apartmenthäusern. Normalerweise. Denn seit dem Frühjahr ist sie arbeitslos. Für ein paar Wochen arbeitete sie in einer Bäckerei, aber momentan findet sie gar nichts mehr. »Alle meine Kollegen sind arbeitslos«, erzählt sie. Die Glastür, vor der sie wartet, ist mit Hinweisen gepflastert - zu Sicherheit, Hygiene und Weihnachten. Das gemeinsame Fest müsse ausfallen, doch der Weihnachtsmann werde den »Tafelkindern« Geschenke nach Hause bringen, wird versichert.

Die Coronakrise stellt die 950 lokalen Tafeln in Deutschland vor große Herausforderungen. Im Frühjahr mussten zeitweise bis zu 400 von ihnen schließen. Auch zum Schutz der Ehrenamtlichen, von denen mehr als 60 Prozent älter als 60 Jahre sind und selbst zur Risikogruppe gehören. »Sowohl diejenigen, die helfen, als auch diejenigen, die zu uns kommen, sind verunsichert«, sagt Jochen Brühl, Vorsitzender der Tafel Deutschland e.V.

Mittlerweile hätten sich die Tafeln auf Lebensmittelausgabe mit wenig Kontakt und verschärften Schutz- und Hygienekonzepten eingestellt. Das bedeute aber auch, dass ein wichtiger Raum der Begegnung wegfalle. »Wir merken, dass dann neben der Lebensmittelausgabe auch die sozialen Kontakte, die Unterstützung durch ein gutes Wort oder das gemeinsame Kaffeetrinken fehlen«, sagt Brühl.

Tafeln sollen in prekären Lebenslagen Spielräume schaffen, stellen aber keine Versorgung sicher. »Die Existenzsicherung muss der Staat leisten«, betont Brühl. Die Coronakrise aber zeige, dass gerade diejenigen, die sowieso hinten runterfallen, momentan noch stärker betroffen seien. »Es ist schon schwer, ohne Armut durch diese Zeiten zu kommen«, sagt er. Aber in beengten Verhältnissen sei dies schwieriger als in einer Fünfzimmerwohnung mit Garten. Die zweite Welle der Pandemie sollte seiner Ansicht nach auch Anlass sein, über die Ursachen von Armut zu sprechen - nicht nur über deren Folgen.

Ob der Bedarf für Unterstützung durch die Tafeln in der Krise steige, lasse sich noch nicht sagen, erklärt Brühl. Auch für Berlin und Brandenburg gibt es noch keine belastbaren Zahlen. Sabine Werth, stellvertretende Vorsitzende des Landesverbands Berlin/Brandenburg, beobachtet, dass der Andrang sich momentan in Grenzen hält. Weil viele ältere Stammkund*innen aus Angst vor einer Infektion nicht kämen. »Wir gehen aber davon aus, dass die Corona-Pandemie die Zahl der Bedürftigen erhöhen wird.«

42 der 45 Ausgabestellen von »Laib und Seele«, einer Aktion der Berliner Tafel, der Kirchen und des RBB, seien über Monate hinweg wegen der Coronakrise geschlossen gewesen. Momentan sind die meisten wieder geöffnet, berichtet Sabine Werth. Schon in der ersten Pandemiewelle wurde die Lebensmittelausgabe in Berlin fast komplett auf Auslieferung umgestellt. Ein enormer Kraft- und Organisationsaufwand - zumal viele ältere Ehrenamtliche ausfielen. Spontan meldeten sich jedoch 1500 jüngere Freiwillige, um beim Sortieren und Packen zu helfen. Zwischen März und September wurden etwa 130 000 Tüten mit Lebensmitteln an Berliner Wohnungstüren geliefert. Fahrradstaffeln wie die Rebel Riders, Fahrradaktivist*innen der Umweltschutzbewegung Extinction Rebellion, halfen bei der Auslieferung.

»Wir improvisieren, was das Zeug hält. Unsere Logistik ist das reinste Wunderwerk«, sagt Werth. Aber dieses Wunderwerk hat seinen Preis. »Wir pfeifen langsam alle auf dem letzten Loch«, erzählt sie. Denn seit März sei kein Tag wie der andere.

Die Unterstützung seitens der Politik lobt Werth. So wurde im Frühjahr dafür gesorgt, dass die Tafel Hilfe vom Technischen Hilfswerk bekam. Finanzielle staatliche Unterstützung aber lehnt Werth ab: »Die Berliner Tafel arbeitet seit 28 Jahren bewusst ohne staatliche Gelder. Wir wollen weiter freiwillig tätig und nicht abhängig sein.«

Ein Problem war auch der Rückgang von Lebensmittelspenden. »Als die Leute wie die Verrückten eingekauft haben, kam bei uns kaum noch etwas an«, erzählt Sabine Werth. Auch Jochen Brühl berichtet, dass die Tafeln zwischenzeitlich weniger Angebot hatten. »In einigen Regionen oder Städten ist das auch zurzeit noch so.« Die Schuld dafür könne jedoch nicht auf Hamsterkäufer*innen geschoben werden. Denn viele Menschen seien nun mal häufiger als sonst zu Hause und bräuchten mehr Lebensmittel. Dafür entstünden an anderen Stellen ungeplant Überschüsse, die jetzt bei den Tafeln landeten: von Kreuzfahrtschiffen oder Gastronomen, die wegen der Schließungen ihre Lager räumen müssen.

Auch bei der Tafel Bernau kommen weniger Lebensmittel an als vor der Krise. »Alles in allem unterstützen wir über 1000 Familien im Landkreis Barnim, bei stark zurückgehenden Lebensmittelspenden und einem 95-prozentigen Rückgang der Geldspenden«, sagt Tafel-Koordinator Peter Raske. Das funktioniere nur durch den permanenten Einsatz der mehr als 100 ehrenamtlichen Helfer*innen.

Im Moment gehe es vor allem darum, das verlässliche Angebot aufrechtzuerhalten, sagt Norbert Weich, Gründer und Vereinsvorsitzender der Tafel Bernau. Er sitzt an einem großen ovalen Holztisch im Bürogebäude gegenüber dem Tafel-Laden, hinter ihm an der Wand kleine gerahmte Bilder. Was heutzutage unter Labels wie »Foodsharing« und »Foodsaving« laufe, sei keine neue Idee, sagt der 70-Jährige. Tafeln setzen sich seit fast 30 Jahren dafür ein, dass Lebensmittel nicht verschwendet werden. Mit Erfolg, wie Weich betont. Bei Lebensmitteldiscountern werde inzwischen viel weniger weggeworfen.

Seit 20 Jahren engagiert sich Weich für die Bernauer Tafel - viel länger, als er selbst vermutet hätte. »Ich hatte mal gedacht, wir könnten die Tafeln irgendwann abschaffen, aber das werde ich wahrscheinlich nicht mehr erleben.« Denn auch in einem reichen Land wie Deutschland gebe es immer noch Bedürftige. So wurde die Bernauer Tafel nicht abgeschafft, sondern hat sich weiter professionalisiert.

Anfangs wurden Lebensmittel mit Privatautos durch die Gegend gefahren. Heute stehen Kühltransporter auf dem Hof. In Kooperation mit der Volkssolidarität und der Stadt Bernau betreibt der Verein neben dem Hauptstandort zwei weitere Ausgabestellen in der Stadt. In vier umliegenden Gemeinden werden einmal pro Woche Lebensmittel ausgegeben.

Hinzu kommt die mobile Tafel, die Essen ausliefert. Normalerweise werden auch in Übergangswohnheimen Lebensmittel ausgegeben - wegen des coronabedingten Besuchsverbots sei das aber gerade nicht möglich, erklärt Peter Raske.

Auch am Sitz der Tafel ist einiges anders als sonst. Das Tafel-Café ist eigentlich ein Ort, an dem sich Kund*innen treffen und ins Gespräch kommen. Momentan gibt nur Essen zum Mitnehmen.

Doch Corona ist nicht die einzige Herausforderung für die Bernauer Tafel. Sie muss ihren bisherigen Standort verlassen, denn der Vertrag wurde vonseiten des Vermieters gekündigt. »Das ist eine andere Geschichte, die uns im Moment schwer auf den Magen drückt«, sagt Weich. Ein neuer Ort sei im Gespräch, aber noch nicht offiziell bestätigt.

Während er im Büro die Logistik organisiert, geht draußen der Verkauf weiter. Ein junges Paar schiebt einen mit Obst, Gemüse und anderen Lebensmitteln gefüllten Einkaufswagen aus dem Laden. Vor fünf Jahren seien die beiden aus Syrien gekommen, erzählt der Mann. Die Tafel helfe ihnen dabei, ihre vier Kinder zu versorgen.

Nach ihnen ist Zornitsa an der Reihe. Sie hofft, sobald wie möglich wieder Geld zu verdienen. »Ich warte darauf, dass die Gastronomie wieder geöffnet wird und die Arbeit beginnt«, sagt sie, bevor sie durch die Glastür in den Laden schlüpft.

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