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Eine Welt ist nicht genug

Der Mete-Ekşi-Preis geht an Mädchen und junge Frauen of Colour, die aus feministischer Perspektive Migrationsbiographien filmisch verarbeiten

  • Von Anna Kücking
  • Lesedauer: 4 Min.
Mervete Bobaj hat das Projekt MPower gegründet. M steht auch für Mädchen
Mervete Bobaj hat das Projekt MPower gegründet. M steht auch für Mädchen

In den 1980er Jahren parken im Märkischen Viertel in Berlin noch VW-Käfer. Haltestellen mit gelben, löffelförmigen Verkehrszeichen ragen aus dem Boden, Fensterläden schimmern knallrot. Zu dieser Zeit beschließt Mervete Bobajs Vater, mit seiner Familie dorthin zu ziehen. An einen Ort, wo fast ausschließlich Deutsche wohnen. Doch das schert ihn kaum, es beflügelt ihn sogar - er will raus aus dem heruntergekommenen Schöneberger Altbau mit Außenklo, rein in die lichtdurchflutete Wohnung im 15. Stock. Nur eine einzige andere Familie mit Migrationsgeschichte habe es zu dieser Zeit in dem gesamten Block gegeben, erzählt Mervete. Heute hat jede*r dritte Berliner*in Migrationsgeschichte.

Mervete Bobaj, eine zierliche Frau mit einem kleinen Muttermal auf der rechten Wange, huscht durch die geräumige Küche des Projektraums von MPower in Neukölln, der nach dem bevorstehenden Essen duftet. Yeeun würfelt den Tofu, Jameela schneidet Frühlingszwiebeln zu kleinen Ringen, Goli rührt. Im Nebenraum stehen bereits zwei Laptops auf dem Tisch, der Beamer projiziert ein Bild an die Wand. Als die Teller leer sind, bleibt Mervete in der Küche, die anderen jungen Frauen gehen schnurstracks an die Arbeit.

»Herausragende Eigeninitiative«

Der Verein MPower, den Mervete Bobaj 2015 als Bildungs- und Partizipationsprojekt für Mädchen und junge Frauen mit Fluchtbiografie initiiert hat, hat gerade den mit 3000 Euro dotierten Mete-Ekşi-Preis erhalten. Der Fonds war 1992 gegründet worden, nachdem Mete Ekşi bei einer Auseinandersetzung zwischen deutschen und türkischen Jugendlichen ums Leben gekommen war. Für das Projekt hat sich die Jury aufgrund der herausragenden Eigeninitiative junger Frauen wie Yeeun, Jameela und Goli entschieden. Rund 20 Frauen zwischen 16 und 30 Jahren sind bei MPower aktiv. Der Verein verstehe sich eher als Kollektiv, sagt Mervete. Die Kurz- und Stop-Motion-Filme oder sinnlichen Filmessays handeln von der Realität und den Erfahrungen junger Frauen aus unterschiedlichsten kulturellen Kontexten.

Mervete sitzt vor ihrem Laptop. Aus dem Nebenraum dröhnt dunkle, weiche Musik in die Küche. Sie ist ein Netzwerkmensch. Andere Projekte von Migrantinnen findet sie »mega«, ihr Engagement sei »krass.« Diskriminierung oder die Wirksamkeit von Bestärkung - Empowerment - beschreibt sie eindrücklich. Akademische Fachwörter stehen bei ihr neben einer zugänglichen Alltagssprache. In der »Betonwüste«, wie das Märkische Viertel früher genannt wurde, hat sie sich als Kind oft verlaufen, alles sah gleich aus: gelbe Balkone, rote Fensterläden, weißer Beton. Als Jugendliche hörte sie Ska und Hip-Hop, lebte zwischen der albanisch-kosovarischen Welt ihrer Familie, strengen Lehrer*innen und jungen Skinheads. Die hätten aber nichts dafür gekonnt, sagt sie nachsichtig, das hätten sie von ihren Eltern gelernt. »Wir sind da zusammen rausgewachsen.« Doch es bleiben mehrere Welten in einer, das kennen auch die jungen Frauen von heute.

Herkunft als Mehrwert statt als Defizit

Yeeun, Jameela und Goli präsentieren ihre Filmschnipsel. Ihre Hände fahren präzise über das Mousepad, legen grelles Licht und optische Störungen über die Videosequenzen, der Raum zittert in der Musik. Alles erzeugt durch eine Methode, die sich VJ-ing nennt, kurz für Video Jockey. Erstes Bild: Am Himmel segeln die Flugzeuge. Sie kippen nach links ab, das Bild verkratzt, eine Frau steht an einer Telefonzelle, ihre Hände werfen hektisch ein paar Münzen in den Telefonapparat. Zweites Bild: Eine Frau, weißer Tüll, die Haare strohig und wild, zappelt. Sie zappelt, doch bleibt auf ihren Beinen stehen, verwandelt sich zu einem Tyrannosaurus Rex, transformiert sich im nächsten Moment zurück zu einer Frau.

Am Ende des Workshops, der in Zusammenarbeit mit der Berlinischen Galerie realisiert wird, steht eine audiovisuelle Performance: Videos werden live zu Musik gemixt, verfremdet, ästhetisiert. Yeeun und Jameela sind schon lange bei MPower, sie gehören zu den jungen Frauen, die gekommen und geblieben sind. Morgens lernten sie in Klassenzimmern Deutsch, aßen mit ihren Familien in Gemeinschaftsunterkünften zu Abend, an ihren freien Nachmittagen filmten sie. Goli kam in diesem Sommer dazu. Ein großer Teil der Arbeit des Kollektivs sind Mentoring-Programme und Unterstützungsangebote. Frauen können sich melden, um neu angekommene, geflüchtete junge Mädchen und Frauen zu unterstützen.

Als in den 1990er Jahren der Jugoslawienkonflikt begann, arbeitete Mervete während ihres Studiums ehrenamtlich und unterstützte geflüchtete Familien. Schon da bemerkte sie die Überzahl an Arbeitsangeboten im niederschwelligen Bereich: alles Pflege, alles Dienstleistung. Heute gebe es eine größere Sensibilisierung, findet sie. Das liege auch am Aktivismus der Betroffenen, an Frauen wie Mervete, und an einer jungen und selbstbewussten Generation von Menschen mit Migrationsgeschichte, die wissen, dass ihre Erfahrungen, Sprachen und ihre Herkunft keine Defizite sind, sondern ein Mehrwert. In dem kleinen Projektraum in Neukölln ist die Gleichwertigkeit dieses unterschiedlichen Wissens bereits Realität.

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