Polybios sprach von Sympoklē

Angelos Chaniotis berichtet über die Öffnung der Welt in der Antike

Von Armin Jähne

Ständig wird von Globalisierung geredet. Was aber meint dieser Begriff eigentlich? Das lateinische »globus« bezeichnet einen kugelrunden Körper, einen kugelförmigen Klumpen oder Ballen, einen dichten Haufen oder eine zusammengedrängte menschliche Masse. Bis zu heutigen Schlag- und Kampfworten wie »Global Marketing« oder »Globalstrategien« war es ein weiter Weg: wissenschaftlich, politisch, ökonomisch. Es dauerte Jahrhunderte, bis bewiesen war, dass die bewohnte Welt keine von Wasser umflossene Scheibe ist. Dieser Erkenntnis ging empirische Erkundung voraus, die mit politisch-imperialem Streben orientalischer und okzidental-antiker Großreiche einherging.

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Angelos Chaniotis: Die Öffnung der Welt. Eine Globalgeschichte des Hellenismus. WBG/Theiss, 542 S., 38 Abb., 35 €.

Zu denken ist dabei an Pharao Thutmosis III., während dessen Alleinherrschaft (1457-1425 v. u. Z.) das ägyptische Neue Reich seine größte territoriale Ausdehnung erfuhr: vom Euphrat im Nordosten bis zum 4. Nilkatarakt im Süden und Libyen im Westen. Innerhalb dieses quasi Weltreiches vollzog sich über die Tributzahlungen der unterworfenen Völker ein reger Fluss von Gütern und Informationen verschiedenster Herkunft.

Das persische Großreich wiederum, das von 550 bis 330 v. u. Z. existierte, hatte seinen Schwerpunkt in Mittelasien, schloss Ägypten und im Westen die kleinasiatische Küste ein. Seinem Expansionsdrang nach Europa setzten die Griechen ein Ende. Alexander III. von Makedonien (»der Große«) betrat 335 v. u. Z. die historische Weltbühne. In mehreren Feldzügen unterwarf er sich die Thraker bis zur Donau, bemächtigte sich der Levanteküste und Ägyptens, besiegte die Perser und überschritt den Hindukusch. Maßlos ist sein Drang, bis ans östliche Ende der Erdscheibe zu marschieren, doch im Punjab revoltieren seine Soldaten. Es geht den Indus abwärts, zurück nach Babylon, wo Alexander 323 v. u. Z stirbt.

Sein kurzzeitiges Reich zerfällt und macht den Nachfolgestaaten der Ptolemäer (Kernland Ägypten), der Seleukiden (Nahost und Mittelasien), der Antigoniden (Makedonien/Griechenland) und der Attaliden (Pergamon/Kleinasien) Platz. In der Folge werden all diese Länder nacheinander von der neuen mittelmeerischen Großmacht Rom aufgesogen.

Alexander III. hätte nach der Eroberung des Ostens seine Herrschaft auch nach dem Westen bis Gibraltar ausgeweitet. Sein Tod verhinderte das. Insofern waren die Römer seine politischen Erben, und sie waren zudem die Erben und Fortsetzer der für die hellenistische Staatenwelt typischen kulturgeschichtlichen Errungenschaften. Deshalb betrachtet Chaniotis die Zeitspanne zwischen Alexander III. und den Regierungsjahren des römischen Kaisers Marc Aurel (161-180 u. Z.) sehr dezidiert - und ihm ist vollauf zuzustimmen - »als eine zusammenhängende historische Epoche«, »als das lange hellenistische Zeitalter«. Dessen verbindende Elemente waren: die starke imperiale Tendenz in der Politik sowohl der hellenistischen Könige als auch des römischen Senats, die erhöhte Mobilität der Bevölkerung, die Verbreitung städtischer Lebensformen und Kultur, einschließlich der griechischen Sprache, Toleranz, die Entwicklung von Wissenschaft und Technik.

Ein weiteres Merkmal dieser Epoche, so Chaniotis, war jenes von den Römern übernommene gewaltige Netzwerk aus Königreichen, halb unabhängigen Dynasten und Stadtstaaten, das sich von der Adria bis nach Afghanistan, von der Ukraine bis nach Äthiopien erstreckte und durch die Römer komplettiert wurde. Ihm fügten sie Zentral- und Westeuropa und Teile Nordafrikas hinzu.

Betrachtet man dieses Ganze, das »lange« oder besser verlängerte »hellenistische Zeitalter«, drängen sich viele Bezüge zu unserer Gegenwart auf. Chaniotis vermeidet jedoch den Begriff »Globalisierung«, gibt lieber der Wortwahl des hellenistischen Historikers, Analytikers und Staatstheoretikers (200-120 v. u. Z.) den Vorzug: sympoklē (Verflechtung), gepaart mit dem Wort parathesis (Nebeneinander, Vergleich) - zum besseren Verständnis des Gesamtgeschehens, heißt es bei ihm. Ein erkenntnisreiches Buch, das eindrucksvolle Bilder einer außergewöhnlichen historischen Epoche liefert, voller neuer Ideen und zum Nachdenken über das Gestern und Heute.

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