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Eschatologie und revolutionärer Elan

Niemandsland

Nach den Ferien in Ostberlin fuhr ich in den Westteil der Stadt, ins Hendrik-Kraemer-Haus in der Lichterfelder Limonenstraße, wo die Niederländische Ökumenische Gemeinde ihren Sitz hatte. Ich stellte mich der Pastorin Bé Ruys vor. Sie stammte aus einer großbürgerlichen Familie, eine kleine, sehr lebendige Frau, fünfzig Jahre alt. Sie verfügte über gute Kontakte in Ost- und Westberlin, die Gemeinde war ein Zentrum für Begegnungen zwischen Menschen aus Ost und West, Nord und Süd. Nach einer herzlichen Begrüßung sagte sie mir, wo sich das Zimmer befand, das sie für mich besorgt hatte: im vierten Stock des Missionshauses der Evangelischen Gossner Mission in der Handjerystraße, einer kleinen Straße im Ortsteil Friedenau, ruhig und sehr bürgerlich. Das Missionshaus war ein hässlicher Neubau der fünfziger Jahre, errichtet auf einem Trümmergrundstück. Mein Domizil bis Dezember 1970 war ein winziges Gemach, etwas über drei Meter lang und nicht einmal zwei Meter breit, Klappbett, Tisch, Stuhl, Kleiderschrank, Waschbecken, ein Bücherregal fehlte.

Die Stelle bei Taubes, die mir Gollwitzer besorgt hatte, bot mir zunächst die Möglichkeit, mich in Ruhe zu orientieren. Als Erstes fuhr ich nach Amsterdam, besuchte die Eltern und die Brüder, die inzwischen ausgezogen waren, und die Freunde aus der Jesuitenzeit, allen voran Huub Oosterhuis. Er und seine Freunde hatten heftige Auseinandersetzungen mit der römisch-katholischen Amtskirche. Oosterhuis wurde vom Generalobersten des Ordens nach einem Gespräch in Rom des Ordens verwiesen; das gleiche Schicksal traf einen gemeinsamen Freund, der zusammen mit ihm in Rom gewesen war. Die Affäre war das Hauptthema in der niederländischen Presse und fand auch in anderen Ländern breite Aufmerksamkeit. Ich muss gestehen, dass diese Konflikte mich nicht wirklich berührten. Ich hatte ein anderes Problem. Ich hatte beschlossen, trotz eines interessanten Angebots - eine Assistentenstelle in Ökumenischer Theologie an der Emory University in Atlanta - nach Westberlin zu gehen. In Amsterdam fragten mich meine Freunde, was ich dort vorhätte. Ich antwortete: »Ich habe keine Ahnung. Ein Hilfsstelle bei einem Professor, den ich noch nicht kenne, um dort eine Arbeit zu tun, von der ich nicht die leiseste Ahnung habe.« In Westberlin kannte ich niemanden, ich wusste lediglich eins: Nur wenn ich in geographischer Nähe zu Marianne wohnte, hätten wir eine Chance, eine Beziehung auszubauen, die eigentlich noch gar nicht begonnen hatte. In Amsterdam wurde ich gebraucht, in den USA hatte man Verwendung für mich, aber Westberlin?

Ich fuhr also nach Berlin zurück. Mein erstes Erlebnis dort war bizarr, nur möglich in Berlin während des Kalten Krieges. Ich war bei Marianne zu Besuch, übernachtete bei ihr, meine Erkältung entwickelte sich über Nacht zu einer eitrigen Mandelentzündung, das Fieber stieg auf über 39, ich konnte mich kaum auf den Beinen halten. Mein Visum lief um zwei Uhr nachmittags ab, bis dahin musste ich die Grenze überquert haben. Marianne nahm frei und bemühte sich um eine Visumsverlängerung. Unmöglich. Zwar hatte ein Arzt mir Reiseunfähigkeit attestiert, doch die Grenzbehörde entschied: Reiseunfähig heißt nicht transportunfähig. Ein Krankenwagen kam und brachte mich von Adlershof zum Checkpoint Charly. Ich sollte aussteigen, zu Fuß über die Grenze gehen und dann zusehen, wie ich weiterkam. Marianne fuhr bis zum Checkpoint mit, redete mit den Grenzbeamten und verlangte, sie sollten ein Taxi aus dem Westen kommen lassen. Sie erwiderten, sie hätten keine Möglichkeit, in Westberlin anzurufen, ich sollte die Grenze passieren und mir im Westen selbst ein Taxi besorgen. Als sie sahen, dass ich nicht in der Lage war, ohne Hilfe zu gehen, nahmen sie meinen Pass mit und ließen mich zum Krankenwagen zurückkehren. Der Fahrer hatte Mitleid mit mir und besorgte mir in einer Kneipe einen heißen Tee mit Kognak. »Das wird Ihnen guttun«, sagte er. Ich trank das Zeug, es beflügelte nur das Fieber. Inzwischen hatten die Beamten ihre liebe Not, nach Dienstschluss - es war inzwischen 20 Uhr - die übergeordnete Dienststelle zu erreichen, die allein die Möglichkeit hatte, Westberlin telefonisch zu erreichen. Die Prozedur dauerte mehr als eine Stunde. Endlich war ein West-Taxi da, der Beamte kam mit meinem Pass, unterstützte mich beim Gang zum Taxi und wünschte gute Besserung. Ich sah, wie Marianne winkte, das Taxi fuhr los und brachte mich in die Handjerystraße. Dort zahlte ich und bat den Fahrer, mich beim Treppensteigen in den vierten Stock zu stützen. Er brachte mich nach oben.

Auf meinem Flur wohnte ein schweizerisches Ehepaar mit zwei kleinen Kindern, Klaus und Ursula Bäumlin. Ich klingelte und bat Klaus, einen Notarzt anzurufen. Er sah, dass es mir ziemlich schlecht ging, er und seine Frau brachten mich auf mein Zimmer, ich schaffte es, mich aus- und einen Schlafanzug anzuziehen. Mein Fieber war inzwischen auf über vierzig Grad gestiegen. Ein Arzt kam und gab mir eine Spritze. Ursula und Klaus Bäumlin waren Theologen, er war ein Jahr freigestellt, um Kontakte mit kirchlichen Organisationen in Ostberlin zu knüpfen, sein Gehalt zahlte der Weltkirchenrat in Genf. Ich bat Klaus, am nächsten Tag in Mariannes Buchhandlung zu gehen und ihr über meinen Zustand zu berichten. So erfuhr sie, dass ich die Strapaze überlebt hatte. Das Fieber ging nur langsam zurück, nach einer Woche war ich fieberfrei. Die Mandelentzündung kam immer wieder, bis ich 1979 beschloss, mich von den Quälgeistern in meinem Rachenraum zu trennen.

In der folgenden Woche konnte ich mich endlich um meine Stelle kümmern. Ich stellte mich bei Jacob Taubes vor, einem kleinen, hageren Mann mit scharfen Gesichtszügen, dunklen Haaren und Augen, die mich musterten. Er war schon davon ausgegangen, dass ich kein Interesse mehr hatte. Dabei war ich dringend auf Einkünfte angewiesen, ich hatte noch keine Krankenversicherung, ich musste Arzt und Antibiotika bezahlen, dazu die Miete für das Zimmer. Taubes fragte, was ich bisher gemacht und welche Pläne ich hatte. Ich erzählte ihm, in welcher Situation ich mich befand und dass ich eine Dissertation über Ernst Bloch plante. »Bloch«, sagte er in einem Ton, der wenig Begeisterung verriet. Immerhin lud er mich zu seinem Doktorandenkolloquium ein. Taubes war mit einer Dissertation Geschichte und System der Eschatologie des Abendlandes promoviert und baute sie zu einem Buch mit dem Titel Abendländische Eschatologie aus. Eschatologie ist die jüdische und christliche Lehre über Ende und Ziel (eschatos) der Menschheitsgeschichte. Mir erteilte er die Aufgabe, eine möglichst vollständige Bibliographie über die Eschatologie im Schrifttum christlicher Theologen des 20. Jahrhunderts zu erstellen. So verbrachte ich 1968/69 viele Stunden in den Bibliotheken der Institute für evangelische und katholische Theologie sowie der Kirchlichen Hochschule. Ende des Semesters brachte ich ihm eine Liste mit mehr als hundert Titeln. Er schien zufrieden zu sein.

Die erste Sitzung des Kolloquiums begann damit, dass wir alle unsere Dissertationsprojekte vorstellen mussten. Ermutigend sagte Taubes, unsere Projekte seien samt und sonders gefährdet. Er erklärte das nicht weiter. Wir wussten nur, dass es immer wieder Schwierigkeiten gab mit professoralen Zweitgutachtern, die Taubes’ Doktoranden, erst recht wenn sie an der FU als linke Aktivisten bekannt waren, ablehnten und die Arbeiten mit »ungenügend« bewerteten. Wirbel verursachte die Doktorarbeit über Max Weber von Wolfgang Lefevre, ehemaliger SDS-Vorsitzender und Teilnehmer an unserem Doktorandenkolloquium. Taubes setzte die Arbeit Lefevres schließlich gegen den wütenden Widerstand nicht weniger Professoren durch. Taubes war vielen Kollegen ein Dorn im Auge und seine Doktoranden mussten den Kopf hinhalten.

Taubes schlug uns vor, wir sollten Erkenntnis und Interesse von Jürgen Habermas lesen. Niemand widersprach. Ich begann mit der Lektüre und begriff so gut wie gar nichts. Verglichen mit Hegel war das Deutsch der Frankfurter Schule, geistige Heimat von Jürgen Habermas, für mich fast Chinesisch. Erst recht, als die Teilnehmer des Kolloquiums es für nötig hielten, sich auch selbst im Jargon von Habermas & Co auszudrücken. Ich fühlte mich vollkommen fehl am Platz. Dennoch habe ich das Buch gewissenhaft durchgearbeitet, mein Exemplar weist von Anfang bis Ende angestrichene Stellen, Fragezeichen, kritische Kurzsätze auf. Im Grunde ging es um Wissenschaftstheorie, um die Anwendung naturwissenschaftlicher Methoden auf die Geisteswissenschaften, insbesondere die Soziologie. »Radikale Erkenntniskritik [ist] nur als Gesellschaftstheorie möglich«, schrieb er und kehrte sich gegen die Kollegen, die noch bei Kant hängen geblieben waren, und gegen jene, die sich dem Positivismus zugewandt hatten. Solche ideologischen Kämpfe wurden in den sechziger und siebziger Jahren mit harten Bandagen geführt. Ich lernte einiges, aber dieses Wissen blieb mir äußerlich, Erkenntnistheorie war schlicht nicht mein Thema, das Buch führte in meinem Bücherregal eine verstaubte Existenz.

Zwischendurch musste ich mich um eine Aufenthaltserlaubnis kümmern. Normalerweise wurde ein Ausländer aus dem westlichen Ausland zunächst »ausländerbehördlich erfasst«; nach drei Monaten bekam er eine Aufenthaltsgenehmigung für ein Kalenderjahr, danach für fünf Jahre und schließlich, wenn man sich brav verhielt und nicht auf Kosten deutscher Sozialkassen lebte, eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis. Ich jedoch wurde immer wieder »ausländerbehördlich erfasst«, erst Mitte 1970, 18 Monate nach der Einreise, bekam ich meine erste einjährige Genehmigung. Als ich mich erdreistete zu fragen, warum das bei mir so lange dauerte, beschied man mir, es werde noch ermittelt. Auf mein Insistieren, was es bei mir denn zu ermitteln gebe, herrschte mich ein Mitarbeiter an: »Diese Frage steht Ihnen nicht zu.« In Westberlin fragt man nicht nach, man lässt demütig die Behörde tun, was sie, und nur sie, für richtig hält. Erst 1991 wurde mir bei der Lektüre meiner Verfassungsschutzakte klar, woran die Verzögerung gelegen hatte.

Abschied von einem messianischen Jahrhundert

Die Autobiografie eines mit Leib und Seele engagierten linken Theologen: Nicht ob Gott existiert, ist Ton Veerkamps Frage, sondern was in einer Gesellschaft gerade als Gott fungiert wie heute das kapitalistische Weltsystem. Seine Geschichte führt von der Amsterdamer Kindheit im Krieg über US-Bürgerrechtsbewegung, Ruf nach Berlin, Friedensbewegung und die trüben 90er bis in die Gegenwart. »Links sein und Engstirnigkeit schließen sich für mich aus.« Mitreißend, anekdotenreich und geschichtsbewusst erzählt Ton Veerkamp sein Leben - von einem Weg, der ihn von Amsterdam über Umwege nach New York und schließlich nach Westberlin brachte: vom Banklehrling zum Jesuiten und dann zum Studentenpfarrer, der 28 Jahre lang ausländische Studierende beriet und nicht selten ihr Überleben ermöglichte.

Ton Veerkamp:
Abschied von einem messianischen Jahrhundert.
Politische Erinnerungen
Ariadne/Argument
296 S., geb., 24,00 €

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