Seeräuber-Jenny und Surabaya-Johnny

Jenő Rejtő alias P. Howard und seine Kintopp- und Groschenroman-Parodien sind wieder da

Irgendwann kommt das Schiff mit acht Segeln und fünfzig Kanonen an Bord und rächt die Erniedrigten und Beleidigten, die den Tresen wischen, das Brot backen und am Fließband schuften. Und weil jeder Traum und jede Sehnsucht gut genug ist, damit ein paar Pennys zu verdienen, erfanden geschäftstüchtige Verleger und Filmproduzenten den Groschenroman und das Kintopp. Hach, was waren das für aufregende Zeiten! Harry Piel jagt den Schwarzen Pierrot und fahndet im Zirkus Beely nach wichtigen Dokumenten und maskierten Mördern. Wackere Burschen, Kuriere, falsche Prinzen, Kokotten und Kapitäne tingeln durch die Kneipen von Frisco und Rio, schippern übers Chinesische Meer und schwitzen sich im Dschungel von Borneo zu Tode. Doch immer mit Happy End. Der Sensationen aber ist gar kein Ende.

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P. Howard (i. e. Jenő Rejtő): Ein Seemann hieß Marita. Ein Piratenthriller. A. d. Ungar. v. Vilmos Csernohorszky jr. Elfenbein, 160 S., br., 22 €.

Wo ein Bestseller ist, ist immer auch die Parodie nicht fern. Auf Parodien verstand sich der 1905 geborene Jenő Reich alias Jenő Rejtő alias P. Howard. Der abgebrochene Student begann mit 28 Jahren seine mit absurdem Wortwitz glänzenden Antiheldengeschichten zu schreiben und zählt noch immer zu den beliebtesten ungarischen Schriftstellern.

Im vorläufig letzten Buch einer sechsbändigen Reihe wird dem ambitionierten Meeresganoven Jimmy Reeperbahn auf der Suche nach einem Schiff mit verschwundenen Fachleuten und Wissenschaftlern, die für das Militär Metallvorkommen erkunden sollen, von seinem Mentor und Intimfeind Fred Unrat (der auch so stinkt, wie er heißt) eine, ja, Kapitänin vor die Nase gesetzt. Frechheit! Nicht nur ist diese Kapitänin Marita eine sexy knallharte Kerlin, sie erliegt auch noch dem Charme des dubiosen Kupfergrafen, statt sich mit dem entflammten Jimmy zu arrangieren. Derweil Sülze Strebsam, der jodelnde Schnapsvertilger anfänglich wertvolle, wenn auch verrauschte Hinweise auf das zu lösende Rätsel gibt, dann aber mit seiner tragbaren Zimmertür gar zu rabiate Lösungsvorschläge anbietet.

Die Jagd führt zu einer Insel, die auf keiner Karte verzeichnet ist, leider ist sie das Revier des Großen Drachens, der mit seiner Piratenbande ein großes Piff-Puff-Paff zu veranstalten weiß. Das ist die große Stunde des Fred Unrat, der nicht nur der gerissenste Hund der Südsee ist, sondern anscheinend auch Verbindungen in höchste Kreise hat. Zu jeder Geschichte gibt es eine Vorgeschichte, eine falsche Fährte reiht sich an die nächste: Liebe Leser, Sie werden gar nicht anders können, als sämtliche Bücher von Jimmy & Co. zu lesen. Das ist das James-Bond-Prinzip.

Und Sie werden dranbleiben, denn die Szenen und Dialoge sind zum Schreien komisch, wahres Amphetamin für die kleinen grauen Zellen, wie Poirót sagen würde: »Oho! Nur weil man ein Messer in Sie hineinsticht, haben Sie noch kein Recht, es zu behalten. Das ist Selbstjustiz! Zum Glück gibt es noch Gerechtigkeit auf der Welt!« »Ich berufe mich ja nicht auf die Gerechtigkeit, sondern auf die Medizin. Der Wirt sagt, das Messer muss drinbleiben. Ärztliche Vorschrift!« - »Der Arzt soll über seine eigenen Sachen verfügen, das Messer ist mein Werkzeug!« - »Hm … schwierige Sache …«

Jetzt behaupten Sie nicht, dass sei alles nur billiger Schund. Die große Lotte Lenya, Kurt Weills Seeräuber-Jenny, war sich nicht zu schade, 1963 als abtrünnige KGB-Agentin mit 007-Sean Connery einen giftig-letal-erotischen Tanz aufzuführen. Lang lebe der Groschenroman und seine Veralberung, das beste Antidot gegen Sissi-Schmerz und Mel-Gibson-Pathos. »Nimm doch die Pfeife aus dem Maul, du Hund!«

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