Die Schönheit der Nützlichkeit

Ein Buchtitel, der nicht übertreibt: »Das Streben nach Vollkommenheit« über japanische Handwerkskünste

  • Von Jürgen Schneider
  • Lesedauer: 4 Min.

In den 1980er Jahren wurde der Welthandels- und Industrieriese Japan zum Hightech-Weltmeister - für Nippontopia war kein Ziel zu hoch gesteckt. Die Fortschrittsgläubigkeit erfuhr durch die Nuklearkatastrophe vom März 2011 im japanischen Atomkraftwerk Fukushima Daiichi eine Zäsur. Wegen der aktuellen Corona-Pandemie schrumpft die japanische Wirtschaft, was vielen Betrieben schwer zusetzt - darunter auch zahlreiche kleine traditionelle Handwerksbetriebe, von denen viele arge Probleme haben und vor dem Ruin stehen. Da viele Mitarbeiter dieser Betriebe schon recht alt sind, wird mit einer Zunahme von Schließungen gerechnet, wenn die Wirtschaft sich nicht erholt. Das bedeutet jedoch, dass so manche Tradition verschwinden wird.

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Irwin Wong & Gestalten (Hg.): Das Streben nach Vollkommenheit.
Japanisches Handwerk zwischen Tradition und Moderne.
Verlag Gestalten, 320 S., geb., 45 €.

So betrachtet könnte das Buch »Das Streben nach Vollkommenheit. Japanisches Handwerk zwischen Tradition und Moderne« eine Art papiernes »Denkmal« werden - für die Produkte hoch spezialisierter und äußerst geschickter Handwerkerinnen und Handwerker, die den Spagat zwischen Handwerk und Moderne beherrschen.

In diesem exzellent gestalteten und bebilderten Buch wird die Leserschaft auf eine Reise durch die Regionen Japans mitgenommen und mit Werkstätten vertraut gemacht, in denen jahrhundertealte Techniken auf hohem Niveau weitergeführt werden. Und dabei wird kaum etwas ausgelassen: Sumo-Gürtel, maßgeschneiderte Hausschuhe, die aufwendige Lackkunst, Samurai-Rüstungen, handgeschöpftes Papier, dessen sich einst schon Rembrandt bediente, Masken für das No-Theater, Pinselherstellung, die kunstvolle Bemalung von Seidenkimonos und nicht zuletzt die Produktion des japanischen Nationalgetränks Sake, deren Techniken sich bis in die Nara-Zeit (710-784) zurückverfolgen lassen.

Einige dieser Handwerkskünste werden der »Volkskunst« (Mingei) zugerechnet, die Soetsu Yanagi (1889-1961) schon in seinem Buch »Die Schönheit der einfachen Dinge« beschrieben hat. Für ihn ist die Schönheit nicht von der Nützlichkeit zu trennen. In dem von Irwin Wong herausgegebenen Buch »Streben nach Vollkommenheit« beginnt die Vorstellung der Handwerkskünste mit der zeitaufwendigen Herstellung der traditionellen Langbögen, die aus zwei Schichten von getrocknetem Sumachholz bestehen, um das fünf verkohlte Bambusstreifen geleimt werden. Mit 80 bis 100 Bambuskeilen wird die Leimverbindung unter Spannung gesetzt. Die Konstruktion hat sich seit dem 17. Jahrhundert nicht verändert, und die Wettkämpfer des modernen Kyodo, des japanischen Bogenschießens, verwenden weitgehend die gleichen Bögen wie vor 200 Jahren. Berühmt für die Bogenherstellung ist die Burgstadt Miyakonojō in der Region Kyūshū.

Katana heißt das traditionelle japanische Schwert, das bis zum Beginn der Meiji-Zeit im Jahre 1868 die meistverbreitete Kriegswaffe und zudem das Statussymbol der Samurai, ja deren »Seele« war. Nur der japanischen Kriegerklasse stand das Recht zu, ein Katana zu besitzen und zu tragen. Die Heimat vieler moderner Schwertschmiede ist der Ort Seki, der auch für seine Küchenmesser bekannt ist. Einer Überlieferung nach war der erste Schwertschmied von Seki ein Mann namens Motoshige, der in der Kamakura-Ära (1185-1333) in die Gegend zog.

Der heute in Seki wirkende Schwertschmied Fujiwara Kanefusa ist der 26. Meister in einer Reihe von Kanefusa-Schwertschmieden, die bis 1400 zurückreicht. Zum schwierigen Prozess des Schmiedens eines Katanas sagt er: »Die Flammen lehren einen alles - ihr Knistern, ihre Farbtöne, das Orange, Gelb und Rot.« Die Herstellung von Katanas unterliegt einer strengen Reglementierung. Jedes gefertigte Schwert muss bei der Regierung registriert werden, und jeder Schmied darf pro Monat nur zwei Schwerter produzieren.

In der Stadt Miki werden traditionelle Metall-Werkzeuge für die Verarbeitung von Holz oder zum Verputzen hergestellt - Holzhobel, Handsägen, Meißel und Kellen.

Auch im japanischen Tee-Zeremoniell wurden Metallutensilien beliebt, wie etwa der Eisenkessel. Porzellan und Töpferwaren gewannen ebenfalls im Rahmen des Tee-Zeremoniells an Bedeutung. In »Das Streben nach Vollkommenheit« werden mehrere Handwerker vorgestellt, die sich der Keramikkunst verschrieben haben.

Der junge Töpfer Naoe Koide wirkt in der Präfektur Okayama, früher als Bizen bekannt, und widmet sich den Bizen yakimono, Keramikprodukten, deren Charakteristikum natürliche Erdtöne sind. Diese Stücke sind durch eine Ästhetik gekennzeichnet, »die in starkem Kontrast zum hochtechnologischen Auftreten des modernen Japan steht. Die Spontaneität, die jedem Bizenyaki-Stück innewohnt, ist Sinnbild für die schlichte Schönheit der Natur.« Wirklich zufrieden ist Naoe Koide jedoch nur mit einem von tausend Stücken.

Unabdingbares Zubehör zum Tee-Zeremoniell ist der Teebesen, der aus einem einzigen Stück Bambus geschnitzt wird. In Takayama stellt Tango Tanimura diese kleinen Kunstwerke her. Er ist der Spross einer langen Reihe von Teebesen-Herstellern, die über 500 Jahre zurückreicht.

»Traditionelles Handwerk«, so der Sumo-Gürtel-Hersteller Ono, »ist nur eine Kopie (...) Der Schüler lernt, indem er den Meister kopiert. Wenn sich inmitten dieses Prozesses nichts verändert, dann hört das Handwerk auf, lebendig zu sein, und gehört ins Museum.« Die anhaltende Corona-Pandemie könnte den Prozess der Museifizierung trotz dieses Veränderungswillens beschleunigen.

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