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Reisen im Kopf

Was verlieren wir, wenn wir nicht nach Belieben frei durch die Lande streifen können?

  • Von Gunnar Decker
  • Lesedauer: 7 Min.

In Woody Allens »Die letzte Nacht des Boris Gruschenko« fällt der Satz, der Tod sei immerhin eine Gelegenheit, weniger Geld auszugeben. Ein schlagendes Argument, wenngleich auch ein Zeugnis der Unverhältnismäßigkeit. Man muss nicht gleich tot sein - ein »Beherbergungsverbot« tut es auch. Doch von diesem Einspareffekt einmal abgesehen, was verlieren wir, wenn wir nicht nach Belieben frei durch die Lande streifen können? Natürlich elementare Freiheiten, was sich schon an der Praxis des Strafvollzugs zeigt, der es erlaubt, »geringfügige« Freiheitsstrafen zu Hause - mit einer elektronischen Fußfessel zur Überwachung - abzubüßen. So ungefähr geht es uns gerade.

Da ist also auf der einen Seite der Verlust an Eindrücken, Bildern und Begegnungen, von allem, was nicht nur digitale Lebensersatzstoffe sind. Erkenntnis beginnt oft damit, dass man etwas mit eigenen Augen sieht, was dann Stoff zum Denken gibt. So bildet sich der Mensch. Aber wenn er zwangsweise eingeschränkt wird in seinem unmittelbaren Kontakt mit der Welt, kann darin, neben dem Verlust, auch ein Gewinn liegen?

Reden wir von Askese. Mönche und Ex-DDR-Bürger (in Sachen Westreisen und Konsum) kennen sich damit aus. Etwas nicht haben zu dürfen, ist in unserer bis zur Beliebigkeit pluralistischen Gesellschaft eigentlich nicht die Regel. Man kann fast alles kaufen, was man zu bezahlen in der Lage ist. Normalerweise, aber im Moment nicht. Reiche und weniger Reiche vereint, dass sie gerade nirgendwo weder ein Ein- noch ein Fünfsternehotel buchen können, auch Flugreisen, weder ins billige Antalya noch auf die nicht ganz so billigen Seychellen, sind verboten. Wenn da nicht ein Hauch von Kommunismus weht - unerwartet herrscht plötzlich Gleichheit in der Gesellschaft, allerdings unter negativem Vorzeichen.

Aber sehen wir es positiv. Etwas nicht zu bekommen, steigert das Vorstellungsvermögen. Denn jeder Reise sollte etwas vorausgehen: Fernweh, die Befreiung auf Zeit aus provinzieller Enge. Sehnsucht zieht den Geist ins Offene! So war der Süden lange Zeit das - zumeist unerreichbare - Arkadien-Ziel für jene, die im kalt-dunklen Norden leben mussten. Kehrt diese starke Sehnsucht wieder, wenn uns der Süden verboten bleibt? Und ist solcherart Intensivierung von Erwartung vielleicht schon mehr als das, was uns die Tourismusindustrie jemals zu bieten vermag?

Im Grunde durchleben wir gerade die Frustration eines Konsumenten, der merkt, dass er mit seinem Geld nichts von dem kaufen kann, was er sich wirklich wünscht. Denn die echten Wünsche berühren unser Sein, nicht das Haben. Gewiss, das kennt man alles längst, Erich Fromms Buchtitel »Haben oder Sein« (apodiktisch als Gegensatz formuliert) kann fast jeder zitieren. Aber es jetzt selbst erfahren - auch noch open end - ist etwas anderes.

Vom traurigen Fahrplanschuster

Ich erinnere mich an einen merkwürdigen Text, der es auf unerklärliche Weise in ein DDR-Schulbuch brachte: Peter Roseggers »Der Fahrplanschuster«. Der Autor berichtet darin von seiner Kindheit als »Waldbub« in einem kleinen steirischen Dorf. Dort gab es einen Schuster, der am liebsten Fahrpläne las - und all die Reisen, die er selbst nicht machen konnte, unternahm er im Kopf. Wer von den Dörflern doch einmal die Eisenbahn nehmen musste, der ging zuvor zum Fahrplanschuster und bekam alle gewünschten Zugverbindungen, die dieser auswendig wusste.

Viele Jahre später trifft der vormalige »Waldbub«, nun ein ausgewachsener Autor, in einer größeren Stadt den Fahrplanschuster wieder, der - aus welchen Gründen auch immer und seien es bloß dramaturgische für die Ökonomie dieser Erzählung - jetzt dort lebt. Nach der mitgeteilten Wiedersehensfreude erinnert sich Rosegger an die besondere Fähigkeit des Schusters - er bittet ihn um eine Fahrplanauskunft. Doch der Schuster lacht und gibt zur Antwort, früher wusste er das, heute nicht mehr, da reise er selbst. - Eine Antwort, mit der ich, ehrlich gesagt, weder damals als Schüler fertig geworden bin, noch heute. Was will uns der Autor bloß damit sagen - und was das DDR-Schulbuch der Siebziger Jahre? Simpel gedeutet heißt es: Jetzt brauche ich keine Reisen im Kopf mehr machen, denn jetzt mache ich das, wovon ich früher bloß träumen konnte. Wenn er allerdings in den Westen wollte, dann musste solch ein DDR-Schuster erst Rentner werden. Wie schön, kann er dann doch tun, was er immer gern tun wollte!

Aber warum macht mich die Geschichte trotzdem traurig? Weil sie von einem Verlust erzählt. Der Schuster verliert jene Fähigkeit, die ihn vor allen anderen auszeichnete. Seine Reisen im Kopf, die er unternahm, hat er jetzt gegen jene ausgetauscht, für die man sich bloß eine Fahrkarte kaufen muss. Fragt sich, wer mehr erlebt unterwegs. Nein, seine Träume zu realisieren ist eine trostlose Unternehmung. Hinterher ist der Traum weg und man selbst wieder ein Stück ärmer. Geht es nicht vielmehr darum, seine Träume vor falschen - also trivialen - Realisierungen zu schützen?

Zufall, der Gott der Wanderer

Stefan Zweig, die Poesie des individuellen Reisens gegen den touristischen Massenbetrieb verteidigend, schrieb bereits 1926 den Essay »Reisen und Gereist-Werden«. Darin lese ich: »Wenn wir reisen, tun wir’s doch nicht nur um der Ferne allein willen, sondern auch um des Fortseins vom Eigenen ... Wir wollen das bloße Dahinleben durch Erleben unterbrechen. Jene aber, die so gereist werden, fahren nur an vielem Neuen vorbei und nicht ins Neue hinein, alles Sonderbare und Persönliche eines Landes muß ihnen notwendig entgehen, solange sie geführt werden und nicht der wahre Gott der Wanderer, der Zufall, ihre Schritte führt.«

Ich jedenfalls möchte endlich wieder ganz real und vom Zufall geführt durch Venedigs Gassen laufen, jene verborgenen Wege, die ich im Kopf immer wieder gehe - um mich in ihrem Gewirr unweigerlich zu verlaufen. An Desillusionierungen hat diese Stadt bei mir längst alles erreicht, was sie erreichen konnte - und dennoch ist da ein Rest jener Traumsubstanz geblieben, die hier seit Jahrhunderten wächst und die mich weiter anzieht. Derzeit aber ist da ein Vakuum, etwas, das fehlt. Ein Jahr ohne Venedig! Es fängt sogar schon an, weh zu tun.

Sturm in Venedig

Neulich sah ich, weil ich nicht selbst hingehen und schauen konnte, im Fernsehen einen Film über Venedig, Drehbeginn im November vergangenen Jahres. Erstmals konnte ich so in den verborgenen Garten von Friedensreich Hundertwasser blicken, dem dieser von 1979 bis zu seinem Tod 2000 gehörte. Im 19. Jahrhundert hatte hier schon die österreichische Kaiserin Elisabeth (Sissi) tagelang Pflanzen aquarelliert. Seit Hundertwassers Tod verwaltet eine Stiftung den Garten, die hier erstmals Anfang November 2019 ein Filmteam hineinließ.

Gut hundert Meter von der kleinen Brücke, die über einen Kanal zum Garten führt, hatte ich mehrere Jahre lang im Sommer eine Wohnung gemietet, direkt hinter der Redentore-Kirche auf Giudecca. Nie hatte sich während meiner Aufenthalte das Tor in der Mauer zum Garten jemals geöffnet. Ein schier verwunschener Ort. Nun konnte ich dank der Filmbilder endlich dahinter blicken, eine elegische Gartenszenerie samt Palazzo, die zeitlos wirkte. Würde ich in meiner Vorstellung jemals dort spazieren gehen, unter den alten Bäumen, zwischen seltenen Pflanzen, die man aus aller Welt hierher geholt hatte?

Kaum, denn wenige Tage nach den Filmaufnahmen, am 11. November 2019, gab es in Venedig ein gewaltiges Unwetter mit anschließendem Hochwasser - die Bäume wurden entwurzelt, der Garten stand unter Wasser. Das Salz der Lagune wird hier so bald nichts mehr wachsen lassen. Das Filmteam kehrte zurück, filmte die Zerstörung - und diese Bilder bleiben.

Auch auf dem Balkon meiner sommerlichen Wohnung unweit des »Giardiono Eden« werde ich nie mehr stehen. Vor einigen Jahren entschlossen sich die auswärts lebenden Besitzer des Hauses mit immerhin mehreren Mietparteien, dieses zu verkaufen. Es wurde leer gezogen, die Türen und Fenster vernagelt - und seitdem tat sich nichts. So viel Schönheit auf einmal vernichtet zu wissen, das schmerzt - auch aus der Ferne.

Der Autor veröffentlichte das Buch »Venedig für Skeptiker«, erschienen in der Ornament-Reihe des quartus Verlages.

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