Sportvereine

Den Amateuren fehlt die Lobby

Sportvereine befürchten einen dramatischen Einbruch bei ihren Mitgliederzahlen.

Von Oliver Kern

Viel Sex-Appeal birgt das Thema Mitgliederzahlen nicht, doch an diesem Samstag wird beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) viel darüber geredet werden. Der jährlichen DOSB-Mitgliederversammlung, die diesmal digital veranstaltet wird, fehlt es auf den ersten Blick an spannenden Themen: keine Entscheidung zur Olympiabewerbung der Rhein-Ruhr-Region für die Sommerspiele 2032, auch wenn die emsigen privaten Organisatoren in diesem Jahr viel Druck aufgebaut haben. Präsident Alfons Hörmann sitzt auch relativ fest im Sattel. Kein Grund also, sich groß aufzuregen, könnte man meinen. Und doch sagt DOSB-Sprecher Michael Schirp vor der Versammlung: »Der deutsche Sport befindet sich in seiner größten Krise seit Jahrzehnten.«

Natürlich haben die Pandemie und die Maßnahmen zu ihrer Eindämmung auch den Sport fest im Griff. Öffentlich ausgiebig debattiert - weil mit einer mächtigen Lobby gesegnet - wurde der Bundesligafußball und vielleicht noch der restliche Profisport samt Olympiakadern, die irgendwie weiter spielen und trainieren sollen. Millionenschwere Rettungspakete helfen den Profiklubs, weil keine Fans in die Arenen kommen dürfen.

Doch der Amateursport steht seit November still. Der Teil-Lockdown wurde diese Woche ein zweites Mal verlängert, diesmal bis Mitte Januar, und das könnte Auswirkungen auf Tausende Sportvereine haben, deren Mitgliederzahlen zu sinken beginnen. »Während in der Gastronomie und der Eventbranche Insolvenzen absehbar sind, gleicht die Entwicklung im Breitensport einem langsamen Ausbluten. Viele Vereine können noch nicht von der Sonderhilfe profitieren, weil aktuell keine Existenzgefährdung vorliegt«, heißt es in einem Positionspapier von Mitte November. Geschrieben hat es der Freiburger Kreis, eine Arbeitsgemeinschaft von mehr als 180 größeren deutschen Sportvereinen. Die aufgestellte Prognose fürs nächste Jahr: zehn Prozent weniger Mitglieder. Große Vereine müssten dann bei den Mitgliedsbeiträgen »Einbußen im sechsstelligen Bereich hinnehmen«. Die Kosten für das Betreiben eigener Anlagen, für Mitarbeiter und Hygienekonzepte blieben jedoch bestehen. Die Politik solle daher aus kurzfristigen Nothilfen langfristige Zuschüsse bis mindestens 2023 machen, etwa durch höhere Zuschüsse für Übungsleiter, heißt es in dem Appell.

Auch der Bayerische Landes-Sportverband sagt allein in diesem Bundesland einen »dramatischen Einbruch der Mitgliederzahlen« um 100 000 bis Jahresende voraus. Weitere 65 000 bereits avisierte Kündigungen zum 1. Januar kämen noch dazu. Das wäre ein Rückgang von etwa vier Prozent. Unter Kindern und Jugendlichen sei dieser Wert schon erreicht. Eine jährliche Fluktuation von bis zu zehn Prozent ist normal, weil Menschen sterben oder umziehen. Die werden aber wieder aufgefangen durch neu aufgenommene Kinder und Zugezogene. »Doch genau die treten gerade eben nicht in Sportvereine ein, solange diese keinen Sport anbieten dürfen«, so DOSB-Sprecher Schirp.

Die Landesportbünde und DOSB-Präsident Hörmann hatten bereits Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Verantwortlichen in den Bundesländern aufgefordert, Sport nicht als Teil des Problems zu verstehen, »sondern als Teil der Lösung der Pandemiebekämpfung«. Schließlich würde durch Sport das Immunsystem gestärkt, und Infektionsketten seien in festen Trainingsgruppen leichter nachzuverfolgen als im unkontrollierten privaten Bereich.

Zumindest Kindern und Jugendlichen solle der Sport wieder ermöglicht werden, fordert auch der Freiburger Kreis. Man verstehe nicht, warum »am Vormittag Schulklassen die Sportstätten bevölkern, Kinder aber nicht in die Sportstunden des Vereins kommen dürfen«. Unbeachtet bleibt bei dem Gedanken, dass eine Öffnung für Vereine eine größere Durchmischung von Kindern verschiedener Schulen bedeutet. Ein weiterer Kritikpunkt: In die Erforschung von Impfstoffen würden Milliarden investiert, aber nicht in Studien, wie Infektionsketten entstehen. Trotz dieser Ungewissheit flächendeckend für die Öffnung der Sportanlagen zu plädieren, erscheint dann aber unlogisch, selbst wenn man die Vereine als Testfelder für derlei Studien zur Verfügung stellt.

Im Amateursport herrschen eindeutig Unverständnis und Bestandsangst. Dies dürfte am Samstag zu Diskussionen und Appellen an die Politik führen. Bislang aber war die Lobby des DOSB nicht kraftvoll genug, ihre Anliegen dann auch durchzudrücken.

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